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Bernd und Louise Wagner
Berlin für Arme
Ein Stadtführer für Lebenskünstler

Eichborn
2008
144 Seiten
ISBN-13: 978-3-8218-5830-2
€ 8,95


Von Alemanno Partenopeo am 13.06.2008

  Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis ein ähnlicher Stadtführer auch für Wien erscheint. Bernd Wagner macht es uns in seinem neuen Buch vor, wie man - gerade in einer so großen Stadt wie Berlin - auch ohne viel Geld überleben kann. Aus eigener leidvoller Erfahrung weiß der ehemalige DDR-ler, dass die Segnungen des Kapitalismus nicht jedem zuteil werden. Bernd Wagner ist nämlich schon seit sehr langer Zeit Schriftsteller und hat zuerst bei Luchterhand, dann bei Rowohlt, dann bei Ullstein und Steidle und jetzt bei Eichborn Bücher veröffentlicht: von der Kritik gelobt, von den Lesern ignoriert, musste er aufgrund einer Krankheit bald Hartz IV beantragen. Aber sein neues, hier vorliegendes Buch, wird wohl auf die ersehnte Tantiemendusche nicht lange warten lassen und Wagner und seiner Tochter Louise, die als Koautorin fungierte, zumindest vor dem Sarazzin-Menü, Bockwürsten mit Sauerkraut, bewahren.
 
  Dabei ist das Ziel des Autors gar nicht das Reichwerden. Auf Mercedes-Cabrios schaut er nur mit Mitleid herunter, für ihn sind diese Luxusgüter nur Fesseln, denn ein glücklicheres Leben, führt man allemal ohne materialistischen Ballast. Das beinhaltet jedoch die Gefahr in sich, Armut zu rechtfertigen, denn anders als bei Wagner, befinden sich die 7,7 Millionen Arme Deutschlands keinesfalls freiwillig in der Armutsfalle. Es macht einen großen Unterschied, ob man sich dem Konsumverzicht aus moralischen Motiven verschreibt, obwohl man eigentlich auch anders könnte, oder wenn man auf den Konsum verzichten muss, weil man nicht anders kann. Eine gewisse bohemistische Dekadenz schwingt also auch bei Wagner mit, wenn er den Armen zeigt, wie man es richtig macht, das arm sein. Aber helfen wird er ihnen allemal damit – wohl mehr als jeder Poltiker - und auf diese Weise kann man dann wohl auch alle moralischen Bedenken, mit diesem Buch auf Kosten anderer Geld zu machen, ausräumen. Wagner zeigt wie man`s macht und tatsächlich will das Überleben gelernt sein. Das wichtigste dabei ist ohnehin: den Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist!
 
  Waren Sie schon einmal auf Bali? Wagner schon, er hat einfach seine Wohnung untervermietet – selbstverständlich schwarz – und da die Mieten auf Bali nur drei Euro kosten - je länger er blieb -sogar noch ein Plus gemacht. Aber man muss Deutschland gar nicht verlassen, um sich einmal so richtig satt essen zu können: auch wenn die Botschaften fremder Länder streng genommen schon als Ausland gelten, kann man sich bei diversen Nationalfeiertagen mit kulinarischen und exotischen Leckerbissen am Büffet die Bäuche voll schlagen und das ganz legal und – mitten in Deutschland! Wer mehr Lust auf Kultur hat, als auf Essen, der bedient sich bei den 3-Euro Karten diverser Theater oder klemmt sich einen Klappstuhl unter den Arm und spielt Mauerspecht bei diversen Freiluftkonzerten. Armut ist keine Schade, sondern zeigt allein vom Erfindungsreichtum des Betroffenen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, wie Wagner zeigt: Er hat es sich zur Regel gemacht, sein Haus niemals ohne Tüte zu verlassen, denn man weiß ja nie, was man unterwegs so findet.
 
  Der ehemalige Dorfschullehrer und Landvermesser Wagner hat es als Schriftsteller nicht geschafft und richtet sich notgedrungen auf seine Situation ein. An eine Änderung derselben glaubt er nicht mehr. Es gibt kein Entkommen und so macht er eben das Beste daraus. „Reichtum bedeutet Schlaffheit, Überdruss und Langeweile; Armut die Anregung sämtlicher zur Selbstbehauptung notwendiger Lebensgeister.“ So macht man aus der Not eine Tugend und das, obwohl seine anderen Bücher durchaus lesenswert wären. Vielleicht ist ihnen zumindest jetzt ein später und gerechter Erfolg beschieden, eines davon heißt immerhin „Ich will nicht nach Österreich“, dann schon lieber in Kalamazonien bleiben (eine Wortschöpfung aus Kalamität und Ostzone, also DDR) und sich durchschnorren. „Wenn fest angestellte Journalisten, die vor allem über Bücher schreiben, ihn als Schnorrer oder Snob bezeichnen, so ist das schon ein eigen Ding“, lächelt der Autor verschmitzt in einem Interview. Und tatsächlich sind Journalisten die letzten, die sich über jemanden wie Wagner lustig machen sollten. Denn auch bei ihnen schwingt ein leises „Geiz ist geil“ mit, eine scheinheilige Antiverschwendungspredigt, eine spießige Sparsamkeitseuphorie, die anderen Rezepte verschreibt mit einer Medizin von der sie selbst längst abhängig, ja sogar süchtig, sind.
 
  Bernd und Louise Wagner helfen auch Nicht-Berlinerin. Wer die Internetadressen und den Literaturteil aufschlägt, wird einige brauchbare Hinweise finden. Außerdem können Sie sich aber auch auf www.berlinfuerarme.de einloggen und so an etwas teilnehmen, das Ihrem Leben wieder einen Sinn gibt. Weiters finden Sie im Buch auch ein paar Gewinnspiele, wo Sie wertvolle Preise gratis einheimsen können. Der größte Preis ist aber natürlich ihre Gesundheit: denn durch die vielen Tipps in diesem Buch kommen sie in Bewegung und Bewegung hält fit und gesund, allein beim Kräutersammeln im Berliner Umfeld. So gesehen sind wir alle reich, auch wenn wir arm sind. Und den Kranken wird ohnehin vom Fürsorgeheim geholfen.
 
  Bernd Wagner, wurde 1948 in Wurzen geboren und arbeitete bis 1977 als Dorfschullehrer in Schmachtenhagen. Seither arbeitete er als Maurer oder Landvermesser oder bekam auch schon mal ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds Darmstadt oder des Künstlerhauses Edenkoben. Seine letzten Veröffentlichungen: „Paradies“ (1997), „Club Oblomow“ (1999), „Wie ich nach Chihuahua kam“ (2003). Seine Tochter Louise arbeitet als Journalistin und „freiberufliche Weltreisende“, wie es im Verlagstext unter einem cool inszenierten, bunten Foto der beiden Autoren heißt, Kleidung natürlich second hand, eh klar, Armut adelt eben, man muss nur die eigene Körperhaltung ändern.

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