Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Siri Hustvedt
Die Leiden eines Amerikaners

Rowohlt
2008
Übersetzt von Uli Aumüller und Gertraude Krueger
412 Seiten
ISBN-13: 978-3850025263
€ 19,90


Von Alemanno Partenopeo am 02.06.2008

  „Nachdem mein Vater tot war, konnte ich nicht mehr mit ihm persönlich reden, aber in meinem Kopf unterhielt ich mich weiter mit ihm. Ich sah ihn weiter in meinen Träumen, hörte ihn weiter zu mir sprechen.“ Der New Yorker Psychoanalytiker Erik Davidsen arbeitet in diesem Roman seine Familiengeschichte auf, er schreibt über das Verhältnis zu seiner Schwester Inga und seiner Mutter und den Veränderungen, die durch den Tod seines Vaters in seinem Leben bewirkt werden. Dabei ist er sich stets bewusst, dass „jede Autobiografie Fragen der Perspektive, der Selbsterkenntnis, der Verdrängung und glatten Täuschung aufwirft“. Er selbst lebt in Trennung, verliebt sich im Laufe des Romans in seine unerreichbare Nachbarin und geht schließlich eine Beziehung zu einer ganz anderen Frau ein. Sein Mantra am Anfang des Romans lautet jedoch „Ich bin so einsam“ und das wird natürlich besonders durch den Tod seines Vaters ausgelöst und immer wieder wiederholt.
 
  Der Vater kommt immer wieder durch Briefe aus der Vergangenheit zu Wort und Erik und seine Schwester Laura entdecken ein Geheimnis in den Briefen, das bis zum Ende des Romans natürlich ungelüftet bleibt und erst auf den letzten Seiten des Romans endlich, aber eher beiläufig, enthüllt wird. Ein anderer Erzählstrang ist der Tod des berühmten Romanciers Max Blaustein, dem Ehemann der Schwester des Protagonisten. Auch er kommt hauptsächlich durch seine Briefe zu Wort, aber nur indirekt: sie sind das Objekt der Begierde nicht nur seiner Frau und ihres comicartigen Verehrers, sondern auch einer Journalistin und natürlich seiner Ex-Geliebten, die die Briefe an den Meistbietenden verhökern will.
 
  Eine weitere „Nebenrolle“ bekommt das heutige Amerika, in dem nach 911 so alles anders zu sein scheint. Die Journalisten seien immer auf der Suche nach der „einen“ Wahrheit, der objektiven, in dem zwar beide Seiten zu Wort kämen, aber die Welt doch viel zu komplex sei, als dass man sie nur in zwei Hälften teilen könnte. Realität sei in Amerika mittlerweile ein Synonym für alles, was schmutzig und gemein sei, sagt eine der Protagonistinnen im Roman. „Wahre Geschichten, ehrliche Geständnisse, Reality-TV, reale Menschen in ihrem realen Leben, Promi-Hochzeiten, Scheidungen, Süchte, Demütigungen, das ist alles fetischisiert und zu Unterhaltung geworden – unsere Version einer öffentlichen Hinrichtung. Die Menschen wollen etwas zu gaffen haben.“ Auch die Krankheiten der amerikanischen Soldaten werden angesprochen, sei es einfache Amnesie, Soldier`s Heart, Shell Shock oder Kriegsneurosen. Heute nenne man es PTBS, Posttraumatische Belastungsstörung. Und als pikantes Detail wird erwähnt, dass die Soldaten im Zweiten Weltkrieg ihren Leichensack in Form eines „Matratzenschoners“ bereits in ihren Rucksäcken mit sich trugen: keine Hölle ist so heiß, als dass sie nicht auch noch eisige Absurditäten beinhaltete. Dazwischen finden sich noch einige Scherze über die zwanghaften Versuche der weißen Europäer sich ebenfalls als Minderheiten zu gebärden und damit einen gewissen Schutz vor den anderen (Minderheiten) einzufordern. Auch ein „Tropfen Cherokee Blut“ würde schon genügen, sich den Status einer schützenswerten Art verdient zu haben. „Das ist eben Amerika.“
 
  Dann gibt es da noch Burton, ein Analytikerkollege Eriks, der schwitzt wie ein Wasserfall und am Ende seiner Angebeteten, Laura, in einer großzügigen Geste seine Liebe eingesteht. Auch die kleine Eglantine, die Tochter der Jamaikanerin Miranda, in deren Mutter sich Erik so verliebt, spielt eine wichtige Rolle. Sie träumt von den herabfallenden Menschen aus dem World Trade Center am 11.9. und am Ende fällt sie selbst aus dem Fenster: glücklicherweise jedoch nur aus dem ersten Stock. Und dann noch die Katastrophe „des noch am Leben seienden Vaters“, dem unsympathischen Künstlertyp Lane, der am Ende leider doch nicht sein Fett abkriegt, obwohl er es sich redlich verdient hätte.
 
  Man erfährt auch allerhand über den Jargon und die Arbeitsweise eines Analytikers, was das Buch sicherlich noch interessanter macht. „Zweifel ist ein unangenehmes Gefühl, das sich rasch in Misstrauen verwandelt, und das kann in der vertraulichen Situation einer Psychotherapie geradezu gefährlich sein.“ Auch einige Krankheitsbilder werden beschrieben, etwa DIS (dissoziative Identitätsstörung) oder das Fakt, dass in Wut auch immer ein bisschen Hoffnung steckt: Hoffnung darauf, dass es anders sein könnte. „Sie ist wie eine Droge. Ich kann nicht ohne sie leben. Wenn ich nicht wütend bin, fühle ich mich kaltgestellt“, gesteht eine Patientin großmütig Erik. „Ich kam mir vor, wie ein Mann, der ein Schiff aus einem schweren Sturm herausgelotst hat“, denkt dieser sich. Und dabei ist er selber ein „trunkenes Schiff“, das sich kaum erlaubt, zu leiden, obwohl für ihn das „gellende Kreischen der U-Bahn“-Räder in seinen Ohren bald „erschreckend menschlich“ klingen. Dass seine Liebe zu Miranda unerhört bleibt, lässt bald dunkle Wolken über ihm hängen und katapultiert ihn in das viel trübere Dasein seiner lieblosen Gegenwart zurück. „Anhedonie“, Freudlosigkeit, lautet seine Selbstdiagnose, doch bald reißen ihn seine Patienten und der skrupellose Stalker aus seinen Überlegungen.
 
  „Wir tragen Gewichte in uns, die andere nicht sehen“, sagt Erik an einer Stelle und wir werden Zeugen seiner Selbstüberwindung und seines Sieges gegen die Trägheit und auch ein bisschen gegen sich selbst. Er erobert sich sein Territorium zurück und dabei helfen ihm nicht nur die Briefe seines bald etwas idealisierten Vaters, sondern auch eine andere Frau. Die Autorin des Romans, Siri Hustvedt, gibt in ihrem Nachwort freimütig ihren bereits verstorbenen Vater als Co-Autoren an und bestätigt auch einige andere autobiografische Züge ihres Romans. Siri Hustvedt hat im Rowohlt Verlag auch die beiden Bücher „Was ich liebte“ (Roman) und „Being a man“ (Essays) veröffentlicht. Sie verhehlt nicht ihren akademischen Hintergrund und vermag dennoch sehr persönlich zu schreiben, stand in der ZEIT. Auch der Wechsel des Geschlechts (sowohl in „Was ich liebte“ als auch in vorliegendem Roman) scheint ihr Spaß zu machen. Auch unter diesem Aspekt dürfte es für Sie interessant sein, die Bücher von Siri Hustvedt einmal zu lesen.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.