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Judith Martin
No vulgar hotel
The Desire and Pursuit of Venice

W. W. Norton Publishing
2008
330 Seiten
$ 15,95


Von Alemanno Partenopeo am 21.05.2008

  Es gibt Touristen und es gibt „Venetophile“. Den „Venetophiles“, wie die Autorin die Liebhaber Venedigs nennt, mieten sich in einem Palast am Canal Grande ein und versuchen so, näher am Leben der Venezianer dran zu sein. Ein Venetophiler würde niemals im Hotel wohnen, schon gar nicht in einem vulgären (siehe Titel) und auch niemals in einem der überteuerten Restaurants ein „Menu Turistico“ konsumieren. Zumal weiß ein Venetophiler mehr über die Stadt als die Venezianer selbst, ganz zu schweigen von den Touristen, die tatsächlich nach Venedig „zum Einkaufen“ kommen wollen. Sollte Ihnen – als dedicated Venetophile – das eine oder andere über Venedig entfallen sein, können Sie es jederzeit bei Judith Martin nachlesen, die in vorliegendem Buch nicht nur eine Reise in Venedigs Vergangenheit unternimmt, sondern noch allerhand andere Informationen zu bieten hat.
 
  „Venice, world symbol of romance“ ist ein Satz der auch im Deutschen einleuchtend sein wird und wohl in jeder Sprache als der Ort zur Anpreisung eines Konsumproduktes von der Werbeindustrie gewählt wird. Was hat etwa ein BH mit Venedig zu tun? Nichts! Aber wie uns Martin auf einer Illustration zeigt, machen selbst Hersteller des Wonderbras nicht vor einer zünftigen Werbekulisse wie Venedig halt. Abgesehen davon, dass diese Firmen immerhin Arbeit in das vom Tourismus abhängige Veneto bringen, bleibt Venedig selbst aber grundsätzlich von Werbeflächen verschont, ein weiterer Vorteil also, wenn man hier leben will: die Absenz von großformatigen Postern, die einem Bedürfnisse vorgaukeln, die man eigentlich gar nicht hat. Es gibt zwar Graffiti, wie Martin richtig bemerkt, aber die sind politisch und nicht kommerziell. Und noch ein anderer Vorteil bietet sich dem Venetophilen: es ist im menschlichen Maßstab gebaut („For all ist grandeur, it is built to the human scale.“) und klein genug um „verstanden“ werden zu können. Für Amerikaner noch ein besonders wichtiger Grund sich nach Venedig zu transferieren: es ist absolut „crime-free“, es gibt praktisch keine Kriminalität hier, wenn man mal von Wirtschaftskriminalität und Bausünden wie Porto Marghera absieht. Wem alle diese Gründe noch nicht genügen, also Friede, Schönheit und Ästhetik, für den fügt Martin noch ein erotisches Element hinzu. Aber das müssen Sie selbst in dem Buch entdecken.
 
  Venedig selbst habe in seiner Vergangenheit allerdings einiges zusammengestohlen und sich immer wieder bei den anderen Italienern und Europäern unbeliebt gemacht, wie Martin weiß. Das beruhte übrigens auf Gegenseitigkeit. „SPQR“, die Initialen des Römischen Reichs, hätten Venezianer gerne mit „Sono Porchi Questi Romani“ übersetzt. Auch eine andere Abkürzung weiß Martin zu übersetzen. Das Projekt MOSE stehe für die Abkürzung Modulo Sperimentale Elettromeccanico, leider hat sie dafür keine gängige volkstümliche Abkürzung bereit. Dafür gäbe es derer sicher viele – und die meisten davon vulgäre - für Napoleon, der geschworen haben soll: „I will be an Attila to the Venetian state“ und so kam es denn auch. Judith Martin erzählt aber noch viel mehr über „die großen Momente in Venedigs Geschichte“, etwa über Marino Falier, „the doge who wasn´t there“ oder die Kämpfe auf den Brücken, die sich Venezianer zum Zeitvertreib lieferten, bis sie endlich verboten wurden. Die Scuola Grande di San Giovanni Evangelista solle übrigens heute noch einen Teil des wirklichen Kreuzes in ihren Gemäuern beherbergen, sowie auch allerhand anderer Heiligenkult in Venedig sein Unwesen treibe. Die katholische Kirche habe in Venedig auch gerne gemeuchelt (Frau Paolo Sarpi) und die Venezianer seien auch nicht immer ganz ehrlich mit ihren Versprechen umgegangen. So hätten sie General Barolomeo Colleoni, den Befreier von der Bedrohung durch Mailands Truppen, zwar nicht um seine Reiterstatue betrogen, sehr wohl aber um seinen Standplatz. Judith Martin gibt natürlich auch einige Beispiele von Venetophilen in der Geschichte, Berühmtheiten die der Stadt ihren Glanz verliehen, seien es Schriftsteller oder Schauspieler und rundet alles mit einigen locker erzählten Scherzen ab, die sich besonders in den Fotountertitelungen niederschlagen. Der Titel des Buches mag also etwas „misleading“ sein, besser wäre es doch gewesen: „How to become a Ventophile?“ unter „Venice“ zu stellen. Aber das könnte man in der deutschen Übersetzung dann ja noch nachholen.
 
  Das mit einigen S/W-Illustrationen und Fotos ausgestatte Buch gibt Ihnen noch weitere Informationen über Venedig in folgenden Kapiteln „Adopt your Landlord“, „Venice depicted“, „Going Overboard“ oder „Bridging the Sighs“. Ein Buch, das für jeden Venetophilen zum Pflichtgegenstand seines nächsten Spaziergangs durch Venedigs Gassen wird. Solange es noch steht. Denn wie be-mournte schon Lord Byron, seines Zeichens langjähriger Venetophile und Bewohner Venedigs: „Oh Venice! Venice! When thy marble walls/Are level with the water, there shall be/ A cry of nations o´er thy sunken halls,/A loud lament along the sweeping sea!” Tatsächlich hat Venedig es Venetophilen wie Judith Martin zu verdanken, dass es eben noch nicht versunken ist. Denn nicht nur der amerikanische Tourismus, sondern auch viele gemeinnützige amerikanische Organisationen pumpen viel Geld in die Stadt. Auch auf die Gefahr hin, dass es eines Tages wirklich zum Disneyland verkommt: ein bisschen Dankbarkeit kann auch nicht schaden.

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