Sigrid Faltin / Andreas Schaefler La Paloma Das Lied
Marebuchverlag 2008 192 Seiten € 48,-
Von Jürgen Weber am 21.05.2008 „Kaiser“ Max von Mexiko wollte es vor seiner Hinrichtung noch ein letztes Mal hören, Hans Albers machte daraus ein Matrosenlied, das von Goebbels verboten wurde und Elvis stürmte die Hitparaden damit: die Rede ist von „La Palama“, der „Schmachtfetzen” wird bald 150 Jahre alt! Das Lied reiste mehrmals um die Welt und wurde als Tango, Walzer, Marsch, Twist, Rock, Reggae oder Country immer wieder aufs Neue wiedergeboren und verlor dabei doch nie seine Identität. Und das obwohl das Lied eigentlich als harmlose kubanische Habanera eines baskischen Musikers, der 1865 in Armut starb, verfasst wurde. Sebastian Iradier erlebte den Ruhm seiner Schöpfung nicht mehr und musste so wohl auf eine ganze Menge Tantiemen verzichten… Kalle Laar vom Münchner Trikontlabel hat es sich zur Aufgabe gemacht, „La Paloma“- Einspielungen zu sammeln und diese auch als CDs bei Trikont (www.trikont.de) herausgebracht. Die beiden Autoren Sigrid Faltin und Andreas Schaefler haben auf seiner Arbeit aufgebaut und nun diese phänomenale Geschichte der „Ursonate des Pops“ herausgebracht, während sie bereits ihren nächsten Coup, einen Dokumentar-Film über La Paloma, vorbereiten. Das Buch ist eigentlich ein Nebenprodukt des Films, aber wirklich ein sehr schönes Nebenprodukt: 120 farbige Abbildungen, viele Interviews und als ganz besonderen Gimmick die ersten vier CDs des Trikontlabels in einem schönen Extra-Schuber mit Titelangabe und in der Größe einer Vinylsingle, wie übrigens auch das Buch. Sowohl Buch als auch CD-Single tragen den auf alt gemachten Schriftzug La Paloma in hellblauer Schrift, also auch hier eine Hommage an das Meer, das eigentlich in dem Original-Lied gar nicht vorkommt. Nur Hans Albers lässt mit „ahoj“ grüßen! Abgesehen von der wunderschönen Gestaltung bekommen Sie aber auch noch einiges an Inhalten geboten: Da wäre erst einmal der originale Songtext, denn auch auf diesen wurde nicht vergessen, allerdings befindet er sich am Ende des Buches, dafür ist er in quasi allen seinen Versionen abgedruckt, die bekannt sind. Zumindest in der spanischen und deutschen Sprache, auf italienisch etwa fehlt der Text, obwohl es ja auch viele Interpreten in dieser Sprache gab, denken wir etwa an Benjamino Gigli oder Natalino Otto. Dafür ist dann aber auch noch die englische und französische Variante des Textes abgedruckt und einige andere Spottversionen. Aber: um was geht es eigentlich in dem Lied? Im spanischen Original trifft ein Mann eine schöne „Guachinanga“, will sie heiraten, dem Priester zwei Ohrfeigen geben und viele kleine „Guachinangos“ mit ihr machen. Ah ja, und die Taube spielt eine gewisse Rolle dabei. Bei Hans Albers hört sich das natürlich dann ganz anders an, die Braut des Seemanns ist die See und nur ihr kann er treu sein, „Auf Matrosen oheee, La Paloma adeeee!“ Wer hier kulturspezifische Unterschiede feststellen will, wird zugeben müssen, dass sie völlig verdreht sind. Aber darum geht es ja eigentlich auch gar nicht! Was zählt ist das Glück und die Zufriedenheit, die dieses Lied vermittelt und es ist tatsächlich unglaublich, welch verschiedene Formen und Ausprägungen dieses Glück haben kann! Da wäre einmal die Version von Paco de Lucia und Enrique Montoya, die einem das Blut in Wallung bringt, ein Walzer-Rumba von Rosita mit süßestem Geigenklang und Kokosrasseln im Hintergrund und einer Stimme zum Weinen schön, danach der unvergessliche Benjamino Gigli, bei dem die Paloma zur Colomba wird und schließlich der unglaubliche Freddy Quinn, der eine Spanisch-Deutsche Version singt. Auch Humphrey Bogart kommt mit einem Monolog aus dem „Maltese Falcon“ zu Wort wo ein gewisses Schiff mit dem Namen „La Paloma“ eine wichtige Rolle spielt. Selbst auf einen Auszug aus dem deutschen Film „La Paloma“ wurde nicht vergessen. Musikalisch zu Wort kommt auch das „Bläserensemble der Eisenbahnermusik Wiener Neutstadt“ oder Bing Crosby sowie „eine Unbekannte Harfinistin aus der Pariser Metro“. The Harmonic Playboys zaubern eine Winnetou-Version aus dem Ärmel und das Wiener Boheme Orchester oder Richard Tauber geben ebenfalls ihr Bestes. Wer die Version von Elvis Presley sucht, sucht übrigens vergeblich, wird dafür mit einer - fast ebenso schmalzigen - Version von Elvis Costellos entschädigt. Das Lied wurde aber nicht nur in der Vergangenheit mannigfaltig interpretiert, sondern erhielt auch aktuelle Umdichtungen und Neuauflagen, wie etwa jene von Eugenia Leon, die anlässlich des NAFTA-Abkommens von 1994 dichtete: „Si a tu frontera llaga una paloma cuida que se no sea buitre lo que se asoma“. Und zuletzt, anlässlich des Präsidentschaftswahlkampfes 2006 wurde La Paloma ebenfalls von Eugenia Leon politisch eingesetzt, ein weiterer Beweis also, dass La Paloma nicht nur musikalisch vielseitig interpretierbar ist, sondern auch vielseitig einsetzbar ist: gegen Trauer, Liebeskummer, aber auch gegen Imperialisten und Wahlbetrug! Auch wenn Sie glauben, dass es sich ja immer nur um dasselbe Lied handelt und das ganze irgendwann langweilig werden muss: Sie täuschen sich gewaltig! Es ist nie dasselbe, auch wenn es immer das gleiche Lied ist und es wird nie langweilig, so variantenreich ist die Auswahl, Sie werden sich noch wundern! Wagen Sie den Versuch und lassen Sie sich auf dieses Abenteuer ein, Sie werden es bestimmt nicht bereuen!
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