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Werner Bellmann / Christine Hummel (Hrsg.)
Interpretationen

Reclam
2006
279 Seiten
€ 6,80


Von Alemanno Partenopeo am 01.05.2008

  Der „Augenblick als Summe eines Lebens“ wird in Gabriele Wohmanns Geschichte mit dem Titel „Verjährt“ hervorgehoben. In dem Text zeige sich eine etwas künstlich wirkende Asymmetrie, die allerdings schon die Beziehungsstruktur der Figuren abbilde, schreibt Jochen Vogt in seiner Interpretation des genannten Textes. „Dass die Vergangenheit nicht zum Schweigen gebracht werden kann, dass sie zur Sprache drängt, und zwar auch dann, wenn sich die Erzählerin sofort und systematisch wieder um Eindämmung bemüht“ mag, wie Vogt schreibt, nicht nur als Fazit dieser Geschichte gelten. Dass die sprichwörtlichen „Leichen im Keller“ der deutschen Spießbürgergesellschaft in dem Fall der Geschichte tatsächliche Leichen sind, unterstützt die Metapher der Interpretation durch die Nachfolgegeneration. Der materielle Wohlstand sollte die Wunden und Narben der Vergangenheit vergessen lassen, „Verdrängung als Sedativ, das die bohrenden Gewissenszweifel bis zur Unkenntlichkeit betäubt“, zitiert Vogt einen Text von Durzak „und eine unbehagliche Szenerie des friedlichen Alltags vortäuscht, der die Vergangenheit nicht mehr sehen will“. Im weiteren kritisiert Vogt aber Durzaks Interpretation in der Festschreibung der kollektiven Schuld auf Nationalsozialismus, da es bei Wohmann keine expliziten Verweise darauf gäbe. 1965, als die Autorin ihren Artikel schrieb, wurde in der bundesdeutschen Öffentlichkeit über die Verjährung der nationalsozialistischen Verbrechen diskutiert. Dass Wohmann ihrer Kurzgeschichte den juristisch-technischen Titel gibt, kann also nicht von ungefähr gekommen sein, meint Jochen Vogt. Dass das Private eben doch auch politisch ist, zeigt nicht nur diese sehr gelungene und symbolhafte Kurzgeschichte und Jochen Vogt rückt – trotz einiger Kritik an der handwerklichen Schwäche – diesen Text noch einmal in den Mittelpunkt des Interesses und an den Anfang dieser ausgezeichneten Sammlung zur deutschen Kurzprosa.
 
  Die behandelten Texte sind zwar nicht abgedruckt, dafür bekommen Sie aber mehr als 25 Interpretationen auf fast 300 Seiten zu lesen. Eine Anschaffung, die sich mehr als lohnt. Hier noch die weiteren Autoren, deren Geschichten interpretiert werden: Günter Kunert, Elfriede Jelinek, Reiner Kunze, Heinrich Böll, Siegfried Lenz, Botho Strauss, Peter Bichsel, Peter Handke, Günter Grass, Brigitte Kronauer u. a., die alle zwischen 1965 und 2004 veröffentlicht wurden und deren Originaltexte im Sammelband „Deutsche Kurzprosa der Gegenwart“ (UB 18387) sämtlich enthalten sind.

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