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Morton Rhue
Die Welle
Bericht über einen Unterrichtsversuch, der zu weit ging
(1981)

Ravensburger Buchverlag
1997
Übersetzt von Hans-Georg Noack
186 Seiten
€ 5,95


Von Christel Schweitzer am 27.04.2008

  Meine Tochter nimmt in der Schule zurzeit das Thema „Der Zweite Weltkrieg und Nationalsozialismus“ durch. In ihrer Schule achtet man nicht nur auf projektbezogenen Unterricht, sondern man ist auch bestrebt die einzelnen Lehrgegenstände und deren Inhalte miteinander zu vernetzen, um so die größtmögliche Vertiefung des jeweiligen Themas zu erreichen. Während den Kindern also im Geschichteunterricht die Fakten über die Zeit vor 70 Jahren näher gebracht werden, konzentriert sich zeitgleich der Deutschunterricht auf die Lektüre des Buches „Die Welle“. Ein gemeinsamer Kinobesuch, um den gleichnamigen – neuverfilmten – Kinofilm „Die Welle“ anzusehen und ein Besuch des KZ Mauthausen vervollständigen dann das Thema.
 
  Meine Tochter erzählte mir sehr angeregt von dem Buch und dass manche ihrer Schulkollegen es in zwei Tagen ausgelesen hätten, so begann auch ich mich dafür zu interessieren. Als es meine Tochter fertiggelesen hatte, borgte ich es mir von ihr aus und war, wenngleich ein Erwachsener, von der Lektüre ebenso angetan, wie die Zielgruppe für die Rhue es geschrieben hat…
 
  Wie in einem Roman üblich sind Namen, handelnde Personen und Ort der Handlung frei erfunden. Die Geschichte dieses Romans ist aber kein Fantasiegespinst, sondern basiert auf einer wahren Begebenheit, ein Umstand, der den Inhalt des Buches umso erschreckender macht:
 
  „The Third Wave war ein Sozialexperiment zur Demonstration faschistischer Bewegungen.
 Im April 1967 führte der Geschichtslehrer Ron Jones zusammen mit Schülern und Lehrern an der Cubberley High School in Palo Alto ein Experiment durch. Auslöser waren Aussagen in der Klasse, dass Verhaltensformen des Nationalsozialismus „bei uns nicht vorkommen könnten“.
  Die Schüler wurden in dem Experiment als The Third Wave („Die Dritte Welle“) organisiert, bekamen Rollen zugeteilt und wurden Einschränkungen unterworfen; Verhaltensnormen wurden aufgestellt und streng durchgesetzt. Ursprünglich für einen Tag vorgesehen, lief das Experiment über fünf Tage.
  Aufgeschreckt durch die Leichtigkeit, mit der die Schüler sich vereinnahmen und manipulieren ließen, brach Ron Jones das Experiment abrupt ab, indem er in einer Schulversammlung den begeisterten Anhängern der „Dritten Welle“ einen direkten Vergleich mit Jugendorganisationen im nationalsozialistischen Deutschland vorführte.
  1972 entstand ein kurzer Artikel von Ron Jones unter dem Titel „The Third Wave“. Jahre später fasste Ron Jones seine Erfahrungen in dem Buch No Substitute for Madness: A Teacher, His Kids, and the Lessons of Real Life zusammen. 1981 entstand für das US-Fernsehen der Film Die Welle. Im gleichen Jahr verarbeitete Morton Rhue das Drehbuch des Films zum gleichnamigen Roman. Im Jahr 2000 wurde von Margaret Gutmann und Jens Blockwitz ein Musical (Musiktheaterstück) mit dem Namen Die Dritte Welle in Berlin und Potsdam mit der Zustimmung von Ron Jones aufgeführt. 2008 kam erneut ein Film unter dem Titel Die Welle (Regie Dennis Gansel) in die Kinos, der auf der Kurzgeschichte von Ron Jones basiert, die Handlung aber in das heutige Deutschland verlegt.“ (Wikipedia, The Third Wave, 13.04.2008)
 
  Ben Ross ist Geschichtelehrer an der Gordon High School (irgendwo in den USA), seine Frau Christy ist Musiklehrerin an derselben Schule.
  Ben Ross ist ein engagierter und pflichtbewusster Pädagoge, das Urteil seiner Schüler über seinen Unterricht ist dementsprechend positiv, behaupten sie doch: “…er sei so sehr bei der Sache, sei selbst an seinen Themen so beteiligt und interessiert, dass es ganz unmöglich sei, nicht davon gefesselt zu werden. Er sei einfach „ansteckend“, sagten sie und meinten damit, dass er sie wirklich anzusprechen verstand…“ (Seite 11)
  Dass dies auch Missgunst bei den Lehrerkollegen hervorruft, die ihren Frontalunterricht damit verteidigten, dass er „…einfach jung, naiv und übereifrig“ sei und sich“..nach ein paar Jahren [werde er sich] beruhigt haben…“ werde „ und seine Klassen auf die richtige Art behandeln…“ würde, kann man sich leicht vorstellen.
  Ben Ross versucht seinen Schülern „neue Blickwinkel“ zu vermitteln und versucht „…praktische, für die Gegenwart bedeutende Aspekte der Geschichte“ aufzuzeigen. (Seite 11)
 Aber auch ihn ärgert die Disziplinlosigkeit der Schüler, welche sich in Unpünktlichkeit äußert und er ist gegen die Gleichgültigkeit der Schüler gegenüber Hausaufgaben machtlos.
  Eine seiner besten Schülerinnen ist Laurie Saunders, Chefredakteurin der Schülerzeitung „Ente“ und Vorbild für Ehrgeiz und Fleiß an der Gordon High School. Amy Smith ist Lauries beste Freundin, auch sie gehört zu den Klassenbesten, ist aber stiller als Laurie und steht ein wenig in deren Schatten. Laurie Saunders Freund ist David Collins, ein gutaussehender, großer Junge, der zu den Stars der Footballmannschaft gehört.
 
  Als Benn Ross mit der Klasse das Thema „Der Zweite Weltkrieg und Nationalsozialismus“ beginnt, zeigt er seinen Schülern einen Film über die Judenverfolgung im 3. Reich. Die meisten Schüler sind sehr betroffen und eine rege Diskussion beginnt nach der Filmvorführung. Eine zentrale Frage der Schüler ist, wieso die Deutschen diese Greuel zulassen konnten. „Ich kann jedenfalls nur sagen, dass ich nie zulassen würde, dass eine kleine Minderheit die Mehrheit bevormundet.“ meint einer der Schüler hitzig (Seite 22).
 
  Ben Ross fragt sich: “…ob es sich hier um etwas handelte, was die Historiker zwar wussten, aber nicht mit Worten erklären konnten. Konnte man es überhaupt nur an Ort und Stelle richtig verstehen? Oder vielleicht dadurch, dass man eine ähnliche Situation schuf?“ (Seite 37)
  Dies bringt Ben Ross auf die Idee ein Experiment mit der Klasse durchzuführen:
  In den nächsten Geschichtsstunden erklärt er seiner verblüfften, aber aufgeschlossenen Klasse, dass sie nur Macht durch Disziplin, Macht durch Gemeinschaft und Macht durch Handeln erlangen könnten. Zuerst erklärt er ihnen, wie man sich diszipliniert bewegt, im Unterricht meldet und als Gemeinschaft benimmt. Dann folgt ein gemeinsamer Gruß, ein gemeinsames Symbol „Die Welle“.
  Zu Ben Ross großer Verwunderung sind seine Schüler auch in den darauf folgenden Geschichtestunden von diesem Experiment so angetan, dass sie pünktlich im Unterricht erscheinen, vorbereitet sind und weitermachen wollen. Seiner Frau Christy erzählt er am Abend:“ …Sie mussten dieses Spiel nicht spielen, sie wollten es. Und was ich am unheimlichsten fand: Sobald wir einmal angefangen hatten, spürte ich, dass sie mehr davon wollten…“ Auf die Frage seiner Frau, ob er diesen Versuch noch fortführen wolle, meint er lapidar: “Ich glaube nicht…“ (Seite 54)
  Aber die meisten Schüler sind bereits in diesen Versuch gekippt und sogar Ben Ross selbst beginnt der Versuchung zu erliegen dieses Experiment fortzusetzen. Seine Frau ist davon genauso wenig angetan, wie Lauries Eltern, denen die gegenwärtigen Erlebnisse ihrer Tochter in der Schule auch ein wenig unheimlich vorkommen. Christy meint scherzend, aber warnend: „Vielleicht wirst du zu einem Versuchskaninchen in deinem eigenen Experiment.“ (Seite 73)
  Während sich immer mehr Mitschüler für dieses Spiel, dass immer ernsthafter wird, zu begeistern beginnen, sogar Robert Billings, der Außenseiter der Klasse als Mitglied der Gemeinschaft der „Welle“ akzeptiert und respektiert wird, wächst Lauries Skepsis. Doch weder David ihr Freund, noch Amy ihre Freundin scheinen die diffusen Ängste von Laurie nachvollziehen zu können.
  Bis es dann zu einem folgenschweren Ereignis in Zusammenhang mit der „Welle“ kommt…Gerät das, was als Spiel begann, außer Kontrolle? Wie wird Ben Ross die Geister, die er rief wieder los?
 
  Morton Rhues Roman ist in 17 Kapitel und einem Nachwort „Nachbemerkungen des Verlags“ unterteilt.
  Der Roman folgt der strengen Struktur des geschlossenen Dramas: überzeugend, kontinuierlich und schlüssig bewegt sich die Geschichte auf ihren Klimax zu und mit ihr – wie von einer Welle getragen – die mitwirkenden Personen. Charaktere verändern sich, festigen sich und reifen.
  Nach der Einleitung (Kapitel 1 bis 11), in der die These („Ich kann jedenfalls nur sagen, dass ich nie zulassen würde, dass eine kleine Minderheit die Mehrheit bevormundet.“) aufgeworfen wird, erreicht die Handlung ihren Klimax („…Aber die Welle war kein unbedeutender Kinderkram. Schon längst nicht mehr…“ (Seite 122)) in den Kapiteln 11 bis 14. Danach gewinnt der Geschichtsverlauf an Dynamik, spitz sich zu (Stichomythie) und endet schließlich in der Antithese („Ihr habt eure Freiheit gegen das verschachert, was man euch als Gleichheit vorgesetzt hat. Aber ihr habt die Gleichheit in Vorherrschaft über die Nicht-Mitglieder verwandelt. Ihr habt den Willen der Gruppe über eure eigenen Überzeugungen gestellt…“ (Seite 175)), Kapitel 15 bis 17.
  Klassisch auch der Aufbau der Szenen, die kausal miteinander verknüpft sind, die Handlung wirkt stilisiert, ebenso ist der Konflikt zwischen zwei genau darstellbaren Verhaltensmodellen (individuell und kritisch gegenüber straff organisiert und hörig) gut nachzuvollziehen.
  Es ist nicht von ungefähr, dass Rhue die Struktur des geschlossenen Dramas, jener epischen Form gewählt hat, die belehrend und „reinigend“ wirken soll…
 
  Die von Rhue verwendete Sprache passt sich aber nicht den oben beschriebenen Stilmitteln an – das würde sich in einem Jugendbuch zu antiquiert anhören und unglaubwürdig wirken. So werden Soziolekte, Jugendjargon und spontane Äußerungen durchaus bewusst eingesetzt, um die Dynamik der Geschichte zu unterstützen. Sowohl die Syntax, als auch die Semantik (s.o.) orientieren sich am restringierten Sprachgebrauch. Dies deshalb, nicht weil es ein Jugendbuch ist, sondern weil es eine spezifische Gesellschaftsgruppe und deren Ausdrucksweise widerspiegeln soll. Der Roman soll authentisch wirken, dem jugendlichen Leser eine Identifikation mit einem der Protagonisten ermöglichen.
 
  Das Buch ist aufwühlend und realistisch. Ich kann es als Mutter eines schulpflichtigen 14-jährigen Kindes nur absolut begrüßen, wenn die Auseinandersetzung mit dem schwierigen und grauenvollen Thema „Zweiter Weltkrieg – Nationalsozialismus und Judenverfolgung“ unterstützend auf diese Art erfolgt.
  Es ist ja für all jene Generationen, die „die Gnade der späten Geburt“ ihr Eigen nennen, sehr leicht vollmundige und empörte Urteile zu fällen über jene Altvorderen, aber auch wir müssen uns die Frage gefallen lassen: Und wie hätte ich reagiert? Und was hätte ich getan?

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