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Jean Améry
Die Schiffbrüchigen

Klett-Cotta Verlag
2007
333 Seiten
€ 22.- [D] sFr 42.30


Von Alemanno Partenopeo am 18.02.2008

  Eugen Althager, der scheinbare Protagonist dieses lesenswerten Romans von Hans Mayer (Jean Amery) ist arbeitslos. Diese Tatsache verdankt er aber nciht etwa der ökonomischen Krise, sondern seiner Verliebtheit: er hat seinen Job gekündigt, weil er die Gegenwart seiner Angebeteten an seinem Arbeitsplatz nicht mehr aushielt. Lieber ohne Arbeit, als sie jeden Tag sehen zu müssen und nicht erhört zu warden. Dass Eugen danach für immerhin vier Jahre keine ARbeit mehr findet und vom Geld seiner neuen Geliebten und seines Oheims aus Paris lebt, macht ihn zwar noch zu keinem schlechten Menschen, aber dennoch wird bald klar, dass Jean Amerys Sympathien eher einem anderen seiner Charaktere in diesem in den Dreissiger Jahren enstandenen und spielenden Romans gelten. Heinrich Hessl, der beste Freund Eugens, ist zwar ein Mitläufer, einer der sich anpasst, um zu überleben, aber derselbe Heinrich ist es auch, der sich am Ende, um seinen Freund kümmert, auch wenn es längst zu spät ist: das Geld, das er ihm einmal zur Kur borgt, hätte er ihm längst borgen sollen, um die Katastrophe Eugens Nervenzusammenbruch und so manche andere Katastrophe hätte verhindert werden können. Aber Jean Amery macht dies Heinrich nicht zum Vorwurf: er ist so wie Eugen, nur ein Kind seiner Zeit.
 
  Der eine wild und aufbegehrend, Frauenheld und Tunichtgut oder Filou, der andere ein Angestellter, der zum Christentum konvertiert. So zeichnet Jean Amery die beiden Antipoden der Überlebensstrategien von Juden im Österreich der Dreißiger Jahre. Denn sowohl Eugen als auch Heinrich warden von Jean Amery als “Halbjuden” charakterisiert, was wohl bedeuten soll, dass ihre Mutter noch diese Religion ausübte, sie selbst aber dies längst verlernt hätten. Das Aufkeimen des Faschismus in den Dreissiger Jahren und der Aufstand der Wiener Arbeiter vom 12. Februar 1934 gegen den Klerikalfaschismus Dollfuß’ werden ebenso zur Sprache gebracht, wie die Liebesgeschichte zwischen Eugen und Agathe, die beinahe eine wichtigere Rolle in Eugens Leben spielt, wie jene, für die er seinen Job aufgab. Agathe wird nämlich schwanger von Eugen und sie will das Kind abtreiben, aber weder sie noch Eugen haben das Geld. Als ihre Schwester ihr einen Verehrer zuführt, der bereit ist, ihr das Geld zu geben, unter der Bedingung einmal mit ihr schlafen zu dürfen, willigt sie ein. Eugen kämpft nicht einmal um sie, geschweige denn, dass er die Verantwortung übernehmen würde, das Geld selbst zu besorgen. Mit einem Wort: er verhält sich wie ein Lump. Sei es aus Gleichgültigkeit oder aus Unfähigkeit, Eugen ist nicht gerade das, was man einen vorbildlichen Charakter nennen könnte. Wenig später betätigt er sich als Strizzi, um ein paar Groschen mehr zum Leben zu haben. Man wird den Eindruck nicht los, dass er eigentlich gar nicht arbeiten will und auch sein Pariser Oheim legt ihm, an einer der wenigen lustigen Stellen des Romans, sozusagen den Selbstmord nahe. Es ist ein tristes Leben, das Eugen führt, abhängig vom Geld seiner Frauen und Liebschaften oder von dem seines Onkels, er selbst bringt nichts zustande ausser philosophischen Betrachtungen über das Sein und die Wirklichkeit. Ist er nun Opfer seiner Umstände oder hat er sein Leben, so wie es ist, selbst gewählt? Auch im Februar ’34 verhält er sich alles andere als heldenhaft, er bleibt ein Einzelgänger, fühlt sich nichts und niemandem zugehörig und stirbt schliesslich ebenso gleichgültig und unverhofft wie er gelebt hat.
 
  “Die Schiffbrüchigen” ist mehr der Roman eines sympathischen Taugenichts als ein Roman der revolutionären Arbeiterklasse, als der er von der Kritik gerne hingestellt wird. Denn es gibt weder Kampf noch Hoffnung im Leben dieses Einzelgängers, Eugen Althager, er lebt allein für sich und versucht sich so billig wie möglich aus der Affäre zu ziehen. Die eine heldenhafte Tat, seinen Job wegen seiner Lieber gekündigt zu haben, nimmt man ihm nicht ab: zu selbstverliebt streicht er durch die dunklen Gassen Ottakrings und widmet sich seinen philosophischen Betrachtungen. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob er nun Jude ist oder nicht und auch seine Selbstdefinition als Arier gegenüber einem Verbindungsstudenten wird von den Kritikern überbewertet. Jean Amery macht Anleihen bei Thomas Manns “Zauberberg”, wenn er seinen Eugen etwa in die Schneewüste von Kirchleiten schickt, wo er seine Läuterung – wie sollte es auch anders sein – durch eine weitere alte Jugendliebe erfährt. Doch darauf folgt – anders als bei Castorp, dem jungen Helden des Zauberberg – keine Veränderung, Eugen entwickelt sich nicht, ergreift die Chance nicht, sich von seinem bisherigen sinnlosen Leben zu befreien, sondern verstrickt sich nur noch mehr in ein Netz der Ausweglosigkeit. In diesem Sinne möcht ich also auch dem Nachwort von Irene Heidelberger-Leonard, die immerhin auch die Biographie von Jean Améry bei Klett-Cotta geschrieben hat, aufs Schärfste widersprechen. Ohne das Werk Amerys besser zu kennen als sie, die ja seine Biographin ist, behaupte ich, dass es sich mitnichten um eine Beschreibung des Verfallsprozesses der bürgerlichen Kultur handelt. Denn gerade diese sog. bürgerliche Kultur hatte ja jenen Faschismus hervorgebracht, der sie vor jenem Proletariat schützen sollte, das bereits mächtig und laut Einlass fordernd an ihre Portale klopfte. Auch die Beschreibung des Romans als Entwicklung Eugens vom unpolitischen zum politischen, wie sie im Nachwort schreibt, ist meines Erachtens nicht zu rechtfertigen. Sich von einem selbsterklärten „Arier“ absichtlicht den Schädel spalten zu lassen, kann schließlich nur schwer als politische Tat bewertet werden. Es sei dann – und dies ist sehr gefährlich – man wolle den Juden einen freiwilligen Opfergang unterstellen. Ehre wem Ehre gebührt: Jean Amery hat sicherlich ein – wenn auch unfertiges und im Jugenddrang verfasstes – Meisterwerk geschaffen, aber der Rahmen seiner Interpretationen ist sicherlich noch lange nicht abgesteckt. Dafür spricht auch die neunbändige Neuherausgabe seiner Werke beim Klett-Cotta Verlag, als deren erster Band „Die Schiffbrüchigen“ bereits 2007 erschienen ist. Die Folgebände erwarten wir mit Spannung und hoffen auf weitere interessante und befruchtende Diskussionen.
  Am Ende steht wieder Heinrich Hessl und auf die Beileidwünsche für Eugen “Er war ein guter und edler Mensch” antwortet er: “Er war nicht gut und nicht edel, aber er war ein Mensch. Heinrich muß es schließlich wissen, er war sein bester Freund. Aber dennoch bleibt ein bitterer Nachgeschmack beim Lesen des Buches zurück: dieser Eugen war doch um so vieles sympathischer, interessanter und aufregender, als Heinrich und man wünscht sich insgeheim doch, dass der wildere der beiden überleben hätte sollen. Aber das wäre zu viel erwartet, von einem Roman, der mit einer wunderbaren Sprache die Wirklichkeit so schildert, wie sie wohl wirklich war. Und damit hätte wohl auch Eugen eine Antwort auf diese Frage gefunden.
  Jean Améry, im Oktober 1912 als Hans Mayer in Wien geboren, zählt zu den bedeutendsten europäischen Intellektuellen der sechziger und siebziger Jahre. Seine bahnbrechenden Essays sind in ihrer Bedeutung vielleicht nur mit den Schriften Hannah Arendts und Theodor W. Adornos zu vergleichen. Als Reflexion über die Existenz im Vernichtungslager stehen sie vermutlich Primo Levis Büchern am nächsten. Zugleich jedoch hat Améry wie kaum ein anderer Intellektueller die deutsche Öffentlichkeit mit französischen Denkern und Schriftstellern bekannt gemacht und konfrontiert. Jean Améry starb im Oktober 1978 durch eigene Hand.

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