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Bommi Baumann
Wie alles anfing

Rotbuch Verlag
2007
158 Seiten
€ 9,90


Von Alemanno Partenopeo am 18.02.2008

  Bommi Baumann war eines dieser von der westdeutschen Linken angehimmelten Wunderwesen: ein Proletarier. Die 68er-Bewegung, die ansonsten hauptsächlich studentisch bürgerliche Führer und Anhänger hatte brauchte diese Proletarier zur Selbstlegitimation, denn die viel beschworene Revolution sollte ja von allen Bevölkerungsschichten ausgehen. Was Bommi Baumann mit „Wie alles anfing“ vorlegt, ist eine Art Beichte, ein Bekenntnis und vor allem auch der Aufruf an seine Genossen, die Waffen niederzulegen. Das Buch wurde 1975 – am Höhepunkt der terroristischen Gewalteskalation – verfasst und zweimal verboten, obwohl es eigentlich letztendlich gegen die Gewalt Stellung nimmt. Es ist mehr als nur eine Autobiographie, denn es vieles klarer, was damals geschah und für uns heute immer noch unvorstellbar ist: einen Guerillakrieg gegen den eigenen Staat zu führen, und das in Europa!
 
  Beeinflusst sei seine Gruppe, der Blues oder später der „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“ aus der dann die Bewegung 2. Juni herausging, von den südamerikanischen Tupamaros gewesen, die den Guerillakrieg in den Metropolen Südamerikas propagiert hatten. Dass ein Revolutionär aber in einer Stadt wie Sao Paolo oder Montevideo viel besser untertauchen kann als in einer westeuropäischen Metropole mussten bald auch Bommis Genossen einsehen, ganz abgesehen von der Berechtigung gegen eine Demokratie zu kämpfen. Doch die Tupamaros hatten keine Schusswaffen, sie legten hauptsächlich Bomben und hatten Sachschaden auf ihrem Programm. Die Unterschiede zur Konkurrenz, der RAF, beschreibt Bommi mit den Worten: „Wir haben eben immer Volkskrieg mit den einfachsten Mitteln geführt. Eben Volkskrieg, dass jeder teilnehmen kann.“ Aus diesem Grund bauten sie auch ihre Bomben möglichst primitiv, damit, wenn sie mal nicht hochgingen, was übrigens öfter mal vorkam, keine Rückschlüsse auf deren Hersteller gemacht werden konnten. Es sollte so aussehen, als seien sie viele und als würde das ganze „Volk“ hinter ihnen stehen. „Unsere Gruppe war proletarisch bestimmt, die meisten waren Arbeiter, bis auf Georg, und drei, vier andere, die waren Studenten. Der Rest war alles Arbeiter. Auf der anderen Seite die RAF, die nur wenige Arbeiter hatte und vom Kern her eine rein studentische Gruppe war, also eine reine Intellektuellentruppe.“
 
  Da die meisten anderen Arbeiter aber nie auf diese „Intellektuellenscheiße von wegen Weltrevolution“ eingestiegen sind, fördert Bommi bald eine korrekte Einsicht zutage: „Da ist immer noch das gesunde Misstrauen. Irgendwo ist das Misstrauen dann doch noch so verwurzelt, das ist eigentlich noch das letzte intakte Klassenbewusstsein, das beim Arbeiter noch da ist. Dass sie auf diese Studentensache, diese APO-Sache, nicht eingestiegen sind, ist eine Frage von Klassenbewusstsein.“ Denn die Arbeiter wüssten eben, dass sie „von denen da oben“ eh immer nur betrogen worden wären, jeder habe sie nur „angeschissen“, ob von links oder von rechts, da sei es doch klar, „dass sie auf nichts mehr einsteigen“ würden.
 
  Aber man bekommt auch andere interessante Aufschlüsse. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Palästinasache nach Abflauen des Vietnamkrieges die Propaganda ersetzte. Die Studentenbewegung bekam einen schaurigen Beigeschmack von Antizionismus und wandte sich auch gegen jüdische Einrichtungen in Deutschland und das knappe 30 Jahre nach der Kristallnacht. Überhaupt wurde die ganze Bewegung durch die Palästinasache radikalisiert und zunehmend kriminalisiert. Auch Baumann gibt dies in seiner Beichte so zu Protokoll. Die Palästinaleute wären in einem Camp ausgebildet worden, hätten total straight ausgesehen und man konnte sich nirgends mehr mit ihnen blicken lassen. Die Verknüpfung von westdeutschen mit palästinensischem Terrorismus führte wenig später zum Geiseldrama von Mogadischu und zum deutschen Herbst.
 
  Bommi Baumann hatte 1974 dem deutschen Nachrichtenmagazin ein Interview gegeben, in dem er mit dem legendären Ausspruch „Freunde, schmeißt die Knarre weg!“ in die Geschichte einging. Schade nur, dass diese Einsicht so spät kam. Warum lesen Sie in dieser authentischen Biographie eines „proletarischen Wunderwesens“. Das Vorwort hat übrigens kein geringerer als Heinrich Böll geschrieben. Zusätzlich wurde noch ein weiteres Vorwort von Bommi Baumann, das er 1991 geschrieben hat, dem Text vorangestellt. Der Fließtext wurde außerdem durch die Reproduktion vieler Zeitungsartikel, Flugblätter, Fotos u.ä. in S/W aus jener Zeit gestaltet. Die interessanten Anmerkungen am Ende des Textes klären einen über viele Begriffe auf, die man schon vergessen glaubte und ergänzen so Bommis Pamphlet fast zu einem deutschen Nachkriegsgeschichtsbuch. Die Zeitschrift „Junge Welt“ hatte in ihrer Kritik (vom 21. Januar 2006) gefordert, den Text in die Reclam-Reihe der Klassiker aufzunehmen, ein interessanter, wenn auch wohl nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag, was meinen Sie?

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