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Gerhart Ellert
Die Johanniter

Verlag Das Bergland-Buch Salzburg
590 Seiten


Von Christel Schweitzer am 06.02.2008

 Das Credo des Johanniterordens:
 
 „Tuitio fidei et obsequium pauperum“
 (Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen)
 
 
 
  Es scheint als sei mit dem Erscheinen von Dan Browns Roman „The Da Vinci Code“ (2003), deutsche Übersetzung „Sakrileg“ (2004) und der alsbaldigen Verfilmung 2006 mit dem Titel „The da Vinci Code – Sakrileg“ in Hollywood ein richtiger Hype das Thema Geheimorden, Kreuzfahrer und Mittelalter betreffend ausgebrochen zu sein.
  Weitere Kinohits wie „Das Vermächtnis der Tempelritter“ („National Treasure“ 2004) mit Nicolas Cage, „Königreich der Himmel“ („Kingdom of Heaven“ 2005) mit Orlando Blum und der Fortsetzungsfilm mit Nicolas Cage „Das Vermächtnis des geheimen Buches“ („National Treasure: Book of Secrets“ 2007) folgten; mit mehr oder weniger fragwürdigem Inhalt und mäßigem bis äußert peripherem Geschichtsbezug…
 
  Das Buch „Die Johanniter“, das mir - wieder einmal - rein zufällig in die Hände fiel, passt hier zwar thematisch sehr gut dazu, es entwindet sich aber des Massenkonsums. Die Kost ist zu sachlich, zu still, es „fetzt nicht“!
 Trotzdem kann ich es all jenen wärmstens empfehlen, die ein Interesse an der Geschichte christlicher Orden haben und ihr Wissen über und Verständnis für deren Entwicklung vertiefen wollen.
 
  Der Roman „Die Johanniter“ ist im Stil persönlicher Berichte geschrieben, die im Jahr 1118 beginnen und die, größere Zeitfenster übergreifend, bis ins Jahr 1824 reichen. Es sind Memoiren von Großmeistern des Ordens, Berichte von Ordensrittern und Erzählungen von Persönlichkeiten, die dem jeweiligen Großmeister nahe standen. Das Buch unterteilt sich in vier große Kapitel, die gleichzeitig die vier wichtigsten Stationen des Ordens widerspiegeln sollen: Das Heilige Land (Seite 7 – 150), Rhodos (Seite 151 – 364), Malta (Seite 365 – 573) und Paris (Seite 574 – 578), danach folgt ein Nachspann, eine tabellarische Übersicht der Großmeister es Ordens bis 1962 und ein Nachwort von Birgit Kogler.
  Teilweise sind die Berichte in der Ich-Form geschrieben, ein Stilmittel das Authentizität, Lebendigkeit und Gefühl in die ansonsten trockene Materie bringt.
  Dass es sich hier um einen historischen Roman handelt, erkennt man an der dichterischen Freiheit die sich der Autor in den Berichten erlaubt. Dies schmälert aber nicht das Geschichtswissen, das hier in äußerst ansprechender Form transportiert wird.
 
  Die Sprache klingt teils ein wenig antiquiert, ja vornehm, ist elaboriert und zeichnet sich durch eine Dichte an Adjektiven und Adverbien aus. Die Syntax liest sich flüssig, ist durchaus zeitgemäß.
 
  Die Geschichte des Johanniterordens, auch „Malteser“ genannt, mag zwar im Vergleich mit den Templern (sogen. Ritter des Tempelordens) durch die mediale Auseinandersetzung der letzten Jahre (siehe Einleitung) weniger spektakulär anmuten, sie ist aber ereignisreicher, tragischer, kontroversieller und vor allem: sie währt bis heute.
 
  Im Jahr 1099 wird der Ritterorden der Johanniter oder Hospitaliter gegründet. Es ist der älteste, noch existierende Ritterorden, der, so erzählt auch der erste Bericht in Ellerts Roman, auf die Stiftung eines Hospitals italienischer Kaufleute in Jerusalem zurückgeht. Nach der Eroberung Jerusalems durch das Heer des 1. Kreuzzuges entstand aus dem 1048 erstmals erwähnten Pilgerspital zu Ehren des Heiligen Johannes das erste Ordensspital des Johanniterordens. Der damalige Bruder Gérard akzeptiert die großzügige Spende des Gottfried von Bouillon, im Gedenken an die „Herren Kranken“, wohlwissend, dass hiermit ein Grundstein gelegt wird:“ Unsere Brüderschaft wird unvergänglich sein, weil der Boden, in dem diese Pflanze wurzelt, das Elend der Welt ist…“ (Seite 9)
 
  Der Orden wächst, erfreut sich regen Zulaufs. Teils sind dies desillusionierte Kreuzfahrer, die im Dienste an den Armen ihre eigenen Fehler und Schandtaten sühnen, teils Ritter ohne Land, die eine Rückkehr ins Heimatland verschmähen, aber auch reiche Edelleute, die im Glauben an Gott und die Bruderschaft ihre Besitztümer dem Ordens vermachen.
 Die Zeiten im Heiligen Land sind kriegerisch und von ständiger Angst um die Ordensburgen und Hospitäler geprägt, wehrhaft sind die Johanniter, aber sie folgen einer anderen Glaubensregel als die Templer oder Deutschherren, denn sie sind Diener der Kranken, denen letztlich die ganze Sorge gelten soll. Die anderen Orden stehen teils konkurrierend und neidisch den Hospitalitern gegenüber, stehen aber im Kampf gegen die Ungläubigen an deren Seite. Als Akkon 1244 fällt, bleibt den Johannitern, wie auch den Templern und Deutschherren nur mehr der Rückzug und die Flucht…
 
  Die Odyssee beginnt!
 
  Die Johanniter landen in Zypern, gelten dort als leidlich geduldete Gäste. Sie fühlen immer mehr, wie ihnen die Eigenständigkeit gegenüber Krone und Papst – ein Privileg der Ritterorden – zu schwinden droht. Während die Templer 1312 in Frankreich den Feuertod als Ketzer sterben, gelingt es dem Großmeister Foulques de Villaret, das von Byzanz schlecht verteidigte Rhodos als Zentrum des Ordens zu gewinnen. Dieses Zentrum besteht zwei Jahrhunderte, in denen sich der Orden als Bollwerk gegen die immer mächtiger werdende Islamisierung dient. Der Traum einer Rückeroberung Jerusalems gerät in Vergessenheit, denn das Mittelmeer gilt es zu verteidigen, hier ist nun der Vorhof der Christenheit.
 1522 nach sechsmonatiger Verteidigung gegen die Truppen des Osmanen Süleymans I muss die Bruderschaft der Johanniter erneut den Rückzug antreten…
 
  Diese Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen lässt Ellert von Großmeistern und Ordensrittern erzählen: packend, spannend, leidenschaftlich, immer geschichtlich korrekt.
 
  Heute ist der Orden in Potsdam ansässig (In seinen Reihen sind nach wie vor Adelige.) und gilt – nach den Wirren der Reformations- und Gegenreformationszeit als protestantischer Ritterorden – dessen Hauptaufgabe die Pflege der Kranken und Alten ist:
 
 
 
 
 Das Ordensgebet:
 
 ”Segne, segne, Herr, den Orden!
 Dir zur Ehre will er dienstbar sein.
 Sie ihm gnädig, hilfreich immer,
 steh’ ihm bei im Kampf zum Heil.
 Stärk’ den Glauben an den Heiland,
 der zu Ehren das Kreuz gebracht,
 wehr’ dem Bösen, hilf zum Guten,
 dem Schwachen hilf, treu zu sein,
 den Schwachen hilf!
 Herr, höre uns!
 Amen“
 
 
  Hinter dem Pseudonym Gerhart Ellert verbirgt sich Gertrud Gabriela Schmirger (1900 – 1975). Schon als Kind mit vier Jahren begann sie sich Geschichten auszudenken, die sie dann einige Jahre später niederschrieb. Nach Heimunterricht nahm sie Privatstunden im Benediktinerstift St. Paul, wo sie die strengen Ordensregeln verstehen und schätzen lernte. Sie blieb Zeit ihres Lebens mit dem Stift verbunden.
 In einem Interview 1970 erklärte sie, dass sie gerne all ihre Reisen unternommen habe, da diese als Quellen- und Milieustudien dienten. Der Speidel-Verlag, der 1933 ihren historischen Roman „Der Zauberer“ annahm, bewog sie zu ihrem männlichen Pseudonym: Gerhart Ellert. Sie verfasste eine ganze Reihe an historischen Romanen und auch Jugendbücher: „Attila“ (1934), „Karl V“ (1935), „Wallenstein“ (1937) etc.
  In ihrem Testament vermachte sie ihren Nachlass dem Stift St. Paul mit der Begründung:“ …dass ich den Patres des Stiftes St. Paul den wesentlichen Teil meiner Kenntnisse verdanke und damit die Voraussetzungen zu meinem späteren Beruf als Schriftstellerin geschaffen wurden…als Student und Gast die anregendsten und glücklichsten Stunden erlebt habe…“
 
  Da der Zugang zu obigem Thema in unserer heutigen Zeit nicht sachte und sachlich vor sich geht, wie dies noch einer Autorin vom Format einer Gertrud Schmirger gelang, sondern marktschreierisch (siehe zitierte Kinofilme oben) und provokant (siehe Dan Brown), wird uns das Verständnis für die Wirren und Geheimnisse jener Geschichtskapitel, innerhalb derer sich die Entstehung der Ritterorden und auch so mancher Niedergang zutrug, versagt bleiben.

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