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Gerhard Klusmeier / Hainer Plaul
Karl May und seine Zeit
Bilder, Dokumente, Texte

Karl May Verlag
2007
592 Seiten
€ 98,-


Von Alemanno Partenopeo am 02.02.2008

  Der großformatige Bildband (22x30cm) des Karl May Verlages sprengt mit seinen über 1500 größtenteils farbigen Abbildungen und den erstmals vorgelegten neuen Dokumenten sicherlich den Rahmen jeder bisher da gewesenen Karl May Biografie. Auch wenn sich die Autoren – verständlicherweise – auf ihre Vorgänger beziehen und auch ihre eigene – aus dem Jahre 1978 (damals noch ein deutsch-deutsches Gemeinschaftsprojekt) - stammende Biographie erwähnen, bleibt der Charme dieses hier vorliegenden Werkes sicherlich ungebrochen. Man braucht auch gar nicht unbedingt ein Karl May Fan sein, um diese hervorragende und einleuchtende Einsicht zu gewinnen, dass hier – was Biographien betrifft – sicherlich neue Maßstäbe gesetzt wurden.
 
  Die 1969 in die Bundesrepublik umgesiedelte Karl May Gesellschaft (Bamberg) und die Stiftung Karl May im sächsischen Radebeul („Indianermuseum“, jetzt Karl May Museum) sowie das Museum des Geburtshauses des Autors in Hohenstein-Ernstthal, unweit von Chemnitz, haben natürlich ebenso zum Gelingen der Biographie beigetragen, wie die beiden Biographen selbst. Die „Villa Shatterhand“ in Radebeul ist übrigens nach wie vor für Besucher zugänglich. Wer aber den weiten Weg scheut, dem sei hier vorliegendes Werk in der klassischen dunkelgrünen und für Karl May typischen Farbe ans Herz gelegt.
 
  Die Biographie wartet mit vielen Überraschungen auf. Dankenswerterweise gehen die Autoren nämlich auch auf den „Friedenskämpfer“ und „Weltläufer“ Karl May ein und widmen auch seiner Bekanntschaft zu Bertha von Suttner, der österreichischen Nobelpreisträgerin, einige Zeilen, sowie natürlich zu anderen Zeitgenossen, die in Briefen oder öffentlichen Zeugnissen zitiert werden.
 
  Erich Mühsam nahm Karl May etwa vor den Angriffen katholischer Kreise in Schutz und verlieh ihm „das Prädikat Dichter ohne Einschränkung“. Sogar Heinrich Mann sah ihn als Dichter und Jugendschriftsteller, trotz - oder gerade wegen - seiner vermeintlich begangenen Jugendsünden. Und kein Geringerer als Egon Erwin Kisch, der „rasende Reporter“ gehörte ebenso zu seinen Bewunderern und zeichnete in der in Prag erscheinenden deutschen Zeitschrift „Bohemia“ ein positives Bild von ihm.
 
  Karl Mays Hauptziel umreißen die beiden Autoren mit folgenden Worten: „zur Humanisierung der Gesellschaft beizutragen und sich für eine Welt ohne Krieg einzusetzen“. Und tatsächlich war Karl May als einer der wenigen seiner Zeit kein Rassist, sondern setzte sich auch für das Erbe anderer Kulturen ein. Auch wenn er manchen als Angeber oder Schelm in Erinnerung bleiben wird oder ihm seine Jugendsünden und seine Ehescheidung und sofortige Wiederverheiratung mit der Witwe seines besten Freundes (innert eines Monats) nachtragen werden, bleibt sein Engagement für die „Verdammten dieser Erde“ doch unumstößlich. So hatte er etwa die Niederschlagung des Boxeraufstandes (Yihetuan) in China durch die Deutschen und die Alliierten kritisiert oder auch gegen die Aufteilung Marokkos opponiert. An einer anderen Stelle kritisiert Karl May aber auch das Christentum und den kolonialistischen Kapitalismus, etwa wenn er über das Mount Lavinia Hotel in Colombo/Sri Lanka schreibt: „Dieses Hotel ist das schönste, was ich auf Erden gesehen habe, leider aber nur zur gründlichen Ausbeutung des Menschen errichtet. Die Segnungen des Christentums!“ Über die Tamilen, die Bewoher schreibt er auf die Rückseite einer Postkarte, die eine Tamilin zeigt: „Es ist ein herrlicher Menschenschlag, der aber durch die sogenannte Civilisation (sic! JW) seine Herzensschätze verlieren wird.“
 
  Ab 1899, das Jahr in dem er sich auf einer ausgedehnten Reise Richtung Asien befand, beschließt Karl May endlich „anspruchsvolle Literatur“ zu verfassen. Durch „Und Friede auf Erden!“ (1904) oder „Ardistan und Dschinnistan“ (1909), sowie vor allem Winnetou IV (1910) wollte er sich auch als ernsthafter Schriftsteller bekannt machen und bezeichnete sein Frühwerk nunmehr als „leichte anspruchslose Schwalben“. Sein Spätwerk wird heute aber kaum mehr beachtet und es ist das Verdienst - auch der vorliegenden Biographie – es wieder mehr in den Mittelpunkt des Blickfeldes des Betrachters zu rücken.
 
  Aber anders als seine oben erwähnten berühmten Kollegen gab es auch eine große Auseinandersetzung um das Werk Karl Mays schon zu seinen Lebzeiten, die ihn immerhin zehn Jahre seines Lebens und seiner Zeit kosteten. Gerade die letzten Jahre seines Lebens waren von diesen Ärgernissen gekennzeichnet und führten vielleicht indirekt auch zu seinem verfrühten Tod. Er wurde als „Schundliterat“ beschimpft, es gab Streit mit dem Verlag und seine ernsthaften Schriften (etwa „Babel und Bibel“) wurden mit Spott und Hohn überschüttet, „als ob es von einem Harlekin oder Affen verfasst worden wäre“, wie Karl May es selbst ausdrückte.
 
  Der im Alter von 70 Jahren verstorbene hielt übrigens eine Woche vor seinem Tod (30. März 1912) noch eine Rede in den Wiener Sophiensälen, zu deren Zuhörern auch oben bereits erwähnte Bertha von Suttner gehörte. In ihrem Nachruf, der in der Wiener „Zeit“ erschien, bezeichnet sie ihn als „schönen alten Mann“ in dessen „Seele das Feuer der Güte“ lodere und bei seinem Vortrag habe er auch die Tatsache betont, dass der Arzt ihm das Reisen verboten habe. Vor 3.000 Zuhörern habe er viel über Tod, Sterben und Jenseits gesprochen, aber auch davon, sein Hauptwerk erst noch schreiben zu wollen. Bereits eine Woche später verstarb er in seiner „Villa Shatterhand“. Sein „Frühwerk“ können Sie auf der oben angeführten Homepage begutachten.
 
  Seine Zeit und die Atmosphäre des kaiserlichen Deutschlands werden in unglaublicher Bandbreite und authentischen Quellen in vorliegender Biographie des Karl May Verlages vorgelegt. Sowohl Titelbilder seiner Romane von alten Werkausgaben, Fotos seiner Zeitgenossen und der Städte die er besuchte, Postkarten und Originalhandschriften, Landkarten seiner Reisen, Faksimiles von Verträgen mit Verlagen und Zeitungsausschnitten, Reproduktionen von zeitgenössischen Gemälden, Karikaturen etc etc. Ein wahre Fundgrube und für jeden der einen „Schatz im Silbersee“ heben will ist etwas dabei. Einzige Kritik ist, dass der erzählerische Text (das Biographische, der Fließtext) durch die zahlreichen Bilddokumente zu heftig auseinandergerissen wird und so faktisch unlesbar. Die Bildunterschriften sind so ausführlich und spannend, dass man bald auf den Haupttext vergisst, aber das ist nicht unbedingt ein Manko. Wirklich schade sind ein paar misslungene Fotos (etwa auf Seite 365 und 426), die durch ihre Computerbearbeitung ihre richtige Auflösung verloren haben. Aber das lässt sich zweifellos bei der nächsten Auflage bereinigen. Ansonsten gilt eingangs bereits Gesagtes.

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