Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Jonathan Lethem
Als sie über den Tisch kletterte

Tropen Verlag
2002
Übersetzt von Michael Zöllner
256 Seiten
€ 17,80 sFr 30,60


Von Alemanno Partenopeo am 02.02.2008

  Das „schwarze Loch“, dem in diesem 1997 im Original erschienen Roman von Jonathan Lethem, gehuldigt wird, verschlingt fast alles, am Ende sogar den überaus sympathischen und unglücklich verliebten Ich-Erzähler, Philip Engstrand, und schlussendlich auch den Leser. Aber das von seinen Erfindern liebevoll „Leck“ genannte Unding ist durchaus wählerisch und hat Geschmack. Es gibt also keine Garantie, darauf, dass das Nichts auch Sie, lieber Leser, nichten wird.
 
  Der im Universitätsmilieu irgendwo in Amerika angesiedelte Roman ist nämlich als Parabel gedacht. Eine Parabel auf unsere Welt, in der alles erklärbar erscheint, nur nicht die Liebe. Philip, der an der Uni Anthropologie unterrichtet („Wir untersuchten lokale Phänomene, aktuelle Ereignisse. Die Physiker dagegen erforschten den Ursprung, dementsprechend beeilten sie sich, das Ende zu beschreiben oder herbeizuführen.“ Oder: „Physik ist die Sprache, die die Aliens sprechen, wenn sie uns besuchten kommen.“) ist nämlich unsterblich in Alice, eine Physikerin, verliebt und sie leben sogar zusammen, bis durch einen Zufall durch ein fehlgeleitetes Experiment, der Versuch den Urknall zu reproduzieren, „Leck“ entsteht. Alice verliebt sich sofort in dieses „nichtende Nichts“, das (fast) alles verschlingt und will sich mit ihm vereinigen. Als dies nicht gelingt, wird sie sogar depressiv, weil „es“ sie verschmäht. Dabei hat sie aber auch an Philip gedacht, dem sie zwei neue Untermieter besorgt, zwei Blinde, die sich zwanghaft ständig ihre Koordinaten durchgeben müssen.(„Sie gleichen ständig ihre Uhren ab. Wie Astronauten.“) Dazu kommt noch eine gewisse „Paarforscherin“, Cynthia Jalter, die sich Philip als Therapeutin anbietet und auch Avancen macht ihn zu verführen. Aber Philip bleibt unbeeindruckt von der schönen Paarforscherin und gibt seine Alice selbst dann nicht auf als sie ihn endgültig verlässt. Schliesslich findet er eine Lösung, wie er mit seiner grossen Liebe, Prof. Alice Coombs, für immer vereinigt werden kann. Aber die wird hier natürlich nicht verraten.
 
  „Wie kann ein Beobachter eine objektive Beobachtung machen? Das ist unmöglich.“ So lautet die zentrale Frage dieses wissenschaftskritischen und etwas philosophisch angehauchten Romans, der sich nicht nur physikalisch mit der Metaphysik auseinandersetzen will, sondern auch physisch mit dem „Meta“, der Liebe: „Du machst mich vollständig. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ausserhalb deiner Wahrnehmung überhaupt existiere.“, lautet Philips Liebeserklärung und damit hat er auch sein eigenes Todesurteil vorweggenommen. Wer nicht geliebt wird, nichtet eben, d.h. er verschwindet im Leck, im schwarzen Loch des Vergessens. „Wenn du mich verliessest, würdest du so viel von mir mit dir nehmen, dass ich in dir wäre und sehen würde, was zurückbliebe – die äußere Hülle von Philip Engstrand, den wir verlassen haben.“ Natürlich gehört eine enorme Portion Sarkasmus dazu, dieses Buch richtig zu verstehen, denn Lethem nimmt alle jene auf den Arm, die verliebt sind bis zur Selbstaufgabe. Es ist also nicht nur ein Roman für Physiker, die immer noch nach dem Urknall suchen, sondern vor allem auch ein Buch für Verliebte.
 
  Darüber hinaus finden sich natürlich wieder zahlreiche Satzperlen von Jonathan Lethem in diesem Roman, wie wir sie schon von anderen Romanen von ihm, die allesamt schon auf dieser Homepage besprochen wurden, kennen. „Ich fühlte mich steif und angespannt zugleich, aus dem Gleichgewicht gebracht, wie ein Brett, das sich nach zu langer Lagerung in einem feuchten Keller verbogen hat.“ Gibt es eine schönere (und passendere) Beschreibung für die Frühlingsgefühle und Schmetterlinge im Bauch?
 
  Bitte beachten Sie auch die anderen Rezensionen zu Jonathan Lethem auf unserer Buchseite durch die Eingabe seines Namens in „Rezensionen“.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.