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Josef Winkler
Roppongi
Requiem für einen Vater

Suhrkamp
2007
160 Seiten
€ 16,80


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Von Jürgen Weber am 25.12.2007

  Wer Josef Winkler noch nicht kennt, wird geschockt sein mit welcher Kaltschnäuzigkeit hier eines der größten Tabus unserer und auch anderer (der indischen) Kulturen beschrieben wird: der Tod. Vordergründig geht es in der Geschichte zwar eigentlich um den Umgang der Hindus mit dem Tod, namentlich um die Stadt Benares, doch dahinter schlummert natürlich auch die eigene Betroffenheit über den Tod des eigenen Vaters. Benares wird auch Mahahmashana, die große Verbrennungsstädte genannt oder sie trägt auch den Namen Varanasi in der Sprache ihrer Bewohner.
 
  Die unterschiedlichen Totenkulte werden zwar nicht direkt verglichen, aber es wird doch auch erzählt, wie sich das Begräbnis des Autors Vater abgespielt haben soll. Denn zur Bestürzung des Lesers: Josef Winkler war gar nicht dabei. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, wird der Wunsch Winklers Vater nämlich wahr: „Ich sag dir eines, mein Sohn, wenn es soweit ist, ich möchte nicht, dass du zu meinem Begräbnis kommst.“ Und tatsächlich befindet sich der Sohn gerade in Japan, als es dann „so weit ist“ und selbst wenn er den ersten Flieger gekriegt hätte, hätte er es nicht mehr rechtzeitig zum Begräbnis des Vaters geschafft. So hat Winkler seinem Vater eben auf eine andere Art ein Denkmal gesetzt und sich von ihm verabschiedet: mit einem „Requiem für einen Vater“ (sic!). Man beachte dabei die Nicht-Benutzung des besitzanzeigenden Fürwortes!
 
  Josef Winklers Schreibstil ist beklemmend und bestürzend zugleich: da finden sich ein paar Sätze, die tatsächlich eine ganze Seite lang dauern, anhalten, sich nie einbremsen und schließlich erstreckt, erlegt, längs hingelegt beenden. Sein Vater wird als „Knecht seines Vaters“, also von Winklers Großvater bezeichnet, oder „dem Vater sein ganzes Leben lang unterworfen“; die Wortschöpfung „Die Oma spekuliert (sic!) den ganzen Tag“, die einem zum Nachdenken bringt, was wohl die eigene gerade macht. Später wiederum verschlingen Katholikinnen die Hostie, „den Leib Christi mit Haut und Haaren“ oder Winkler mokiert sich über den Euphemismus „wandern“ für sterben, den seine Angehörigen in der Stunde des Todes des Vaters wohl benutzt haben sollen. Am besten kommt der Vater auf seinem Steyrtraktor mit der Bezeichnung „König auf einem Thron“ weg, der „Rest ist Schweigen“. Über seine Angehörigen oder Dorfbewohner meint er, eigentlich froh gewesen zu sein, sie nicht auf dem Begräbnis sehen zu müssen, denn diese hätten viel lieber ihn „als den Hundertjährigen in der Grube verscharrt“. (Das „Ich war froh, (...) wiederholt sich übrigens gezählte fünfmal über mehrere Seiten hinweg.) Wer Winklers Werk kennt, wird wissen warum.
 
  Und dann ist da eben noch die andere Ebene, Indien, die Winkler schon in mehreren seiner Bücher thematisiert hat und einen wirklich bestürzt zurücklassen. Hier entfaltet sich Winklers ganzes Sprachtalent, wenn er beschreibt, wie die Ärmsten der Armen nach Varanasi kommen, um sich dort verbrennen zu lassen. Das ganze Gewerbe und die Geldmacherei rundherum beschreibt Winkler mit einer kalten, eindringlichen und präzisen Sprache, ohne sich dabei einer Beurteilung des Ganzen aussetzen zu wollen oder gar Emotionen zu spüren. Gemäß dem hinduistischen Credo, dass man keine Tränen vergießen dürfe über den Tod eines Angehörigen, „dass Trauern und Wehklagen dem Verstorbenen Unglück bringt und er lange nicht ins Nirwana findet“ nimmt auch Josef Winkler Abschied von seinem Vater. Und jeder weiß, dass dies kein einfaches Unterfangen sein kann. Josef Winkler hat es sicherlich nicht einfach gemacht. Und überzeugt mit einem kontroversiellen, sehr „anderen“ Buch über ein heikles, tabuisiertes Thema.

 

 

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