Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Claudio Magris
Blindlings

Hanser
2007
Übersetzt von Ragni Maria Gschwend
413 Seiten
€ 24,90


thalia.at
amazon.de

 

 

Von Alemanno Partenopeo am 05.12.2007

  Wenn ich sage, dass dieses Buch ein Jahrhundertroman ist, dann ist dies nicht notgedrungen als Kompliment zu verstehen. Aber dennoch wirkt der neue Roman von Claudia Magris, dem Triestiner Literaturwissenschaftler, wie ein Abgesang auf die verlorenen Ideale und Utopien des 20. Jahrhunderts. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines alternden Kommunisten, der seinem Doktor in einer vermeintlichen Irrenanstalt gegenübersitzt und in einem atemlosen Monolog über 413 (!) Seiten hinweg seine Biographie erzählt. Salvatore Cippico hält sich für eine Art Reinkarnation des dänischen Seefahrers Jorgen Jorgensen, der Anfang des 19. Jahrhunderts die Weltmeere bis hin nach Australien bereiste. Die beiden Jahrhunderte verschmelzen zu einem, so wie die Protagonisten zu einem werden und in das feine Netz des paranoiden Charakters ist zusätzlich noch die Geschichte von Jason und den Argonauten und der Suche nach dem Goldenen Flies eingewoben.
 
  Das Goldene Flies, eine Hammelfell, das einem ewige Jugend oder unheimliche Kräfte beschert, wird in Cippicos Interpretation bald zur Roten Fahne, denn er hat für „die Partei“ gekämpft, war Internationalist, hat sich als Italiener von der Partei nach Jugoslawien schicken lassen, um den Kommunismus zu unterstützen, doch landete in Goli Otok, dem Gulag des Titoreiches. So wie sich Sozialisten und Kommunisten, Stalinisten und Kommunisten im 20. Jahrhundert gegenseitig bekämpft hatten, sei es im Spanischen Bürgerkrieg, in der Sowjetunion oder in Jugoslawien, war es ein leichtes für die Reaktion zu siegen. Aber es gab diese Idealisten, die versuchten den Bruderkonflikt auf einer niederen Schwelle zu halten, um damit nicht den Faschisten indirekt zu helfen. So einer war Salvatore Cippico. Ein Idealist, der Dachau überlebte, um dann in einem sozialistischen Lager zu landen. Der Lauf der Geschichte ist nur für jene nachvollziehbar, die deren Ausgang kennen und auch am Ende seines Lebens, in seinem Monolog mit seinem Doktor, muß Salvatore eingestehen, dass er es war, der „blindlings“ ins Nichts steuerte, so wie einst Jorgen Jorgensen, der kurzfristige König von Island und spätere Sträfling in Tasmanien. Salvatores Identifikation mit Jorgensen wird zum Vexierbild seiner eigenen Tragödie und auch der Tragödie des 20. Jahrhunderts, das sich immer wieder in sich selbst täuschte und von einem Extrem ins andere taumelte. Das „Zeitalter der Extreme“, wie Hobsbawm es nannte, verbrauchte alle Utopien und Ideale und stand am Ende, vor dem Milleniumswechsel, auf einem Scherbenhaufen. Der Zynismus siegte.
 
  Claudio Magris erzählt also die Geschichte der Verlierer und in diesem Sinne will ich die eingangs eingeführte Bezeichnung des „Jahrhundertromans“ auch verstanden wissen, dass der Verdienst dieses Romanes sicherlich darin besteht, sich die Situtation der Ideale und Idealisten des 20. Jahrhunderts noch einmal vor Augen zu führen. Denn von ihnen spricht niemand mehr. Denjenigen, die zwischen den Blöcken standen und von beiden Seiten aufgerieben wurden. Ein undankbarer Job. Ein steiniger Weg. Aber die Geschichte wird dennoch erzählt, damit sie nicht vergessen wird. Es ist auch eine Geschichte der Idealisten, der Revolution, der verlorenen Träume, der Utopien...
 
  „Reden, auch nur unter uns, ist für mich vielleicht noch die einzige Möglichkeit, der Revolution treu zu bleiben. Die Reaktion ist weniger eloquent, sie prügelt erbarmungslos, aber tut hinterher so, als sei nichts gewesen; sie bleibt stumm und sorgt dafür, dass man über das, was geschieht nicht spricht.“ Und dieses Schweigen wird hier aufgebrochen. Es wird gesprochen. Und zwar sehr viel. Und auch wenn es ein Monolog ist, ist es dennoch ein Vermächtnis. „Wer für die Revolution kämpft, sinkt nie ab ins Gemeine, auch wenn sich die Revolution am Ende als Seifenblase erweist.“
 
  Und dann sind da noch die Beschreibungen des Meeres, des Meeres und der Liebe: „Auch in Hobart Town (...) breitet sich vor mir die unendliche Freiheit des Meeres aus, eine Verheißung, die alles in sich einschließt und das ganze Leben umfasst, wie Marias Lächeln, ein Horizont, der sich öffnet (...)“ „Jedenfalls immer das Meer. Das Meer ist wie die Partei – es sind die andern, die wissen, wo es langgeht; die Strömungen und Gezeiten bestimmst nicht du, du folgst ihnen.“ „Besser für das Meer leben als für die Partei. Sie sind einander ähnlich – etwas Großes, in dem alles Platz hat und das immer weiß, was zu tun ist, selbst wenn du im Winter ins Wasser fällst und die Bora dich blind macht und dich in einer Sprühwolke erstickt. Auch die Partei erschien mir wie eine jener Sturmfluten, die morgen das schöne Wetter brigen.“ Aber bald wird aus dem schönen Wetter eine Sprühwolke und diese „Sprühwolke“ waren die eigenen Genossen, wie Salvatore wenig später bald feststellen muss, die ihn erstickten.
 
  Dabei waren seine Vorstellungen von der Revolution wie ein Evangelium: „Die Revolution, dachte ich, war also eine Heimkehr.“ Und die Schande der Niederlage das Purgatorium für ihn„Vor allem zu verlieren; das ist eine schwere Schuld, wenn man für die Revolution kämpft.“ Doch bald muss Salvatore feststellen, dass er für immer der „Neger“ ist, auch in der eigenen Partei. „Ich habe sofort begriffen, dass auch ich immer und überall ein Neger sein würde, und zwar nicht nur wegen des uralten Blutes meiner Mutter, sondern weil man, wo immer es Geächtete gibt, früher oder später auch geächtet sein wird.“ Und das gilt eben auch für den Fall des Sieges der Revolution. Zumindest für Menschen wie Salvatore. In einem schier ausweglosen Bruderkrieg löscht einer den anderen blindlings aus und die Arbeiterbewegung verliert ihren Kopf in einer wilden Raserei. „Es ist schwierig, ein Rebell zu sein. Jder handelt nach seinem eigenen Kopf. Tito hat recht. Nein, Stalin hat recht; runter mit uns,damit wir uns gegenseitig zerfleischen, während die anderen, geschlossen und vereint in schöner Disziplin, immer bereit sind, auf uns einzuprügeln. Die Arbeiterbewegung läuft auseinander wie eine verwirrte Herde, die Stiere attackieren nicht mehr die Matadoren, sondern nehmen sich gegenseitig auf die Hörner.“
 
  Aber das ganze Drama der Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts wird in den folgenden Worten von Claudia Magris zusammengefasst: „Schlimm wird es, wenn es deine eigenen Leute sind, die dich in die Schlangengrube werfen und du nach einer Weile nicht mehr wirklich weißt, ob es wirklich deine Leute sind oder doch die Schufte, mit denen ihr immer versucht habt aufzuräumen. Und wieder nach einer Weile weißt du nicht einmal mehr, ob auch du selbst noch zu den Unseren gehörst oder einer von denen geworden bist.“ Ein verdienstvoller Roman, der – wenn auch nicht immer ganz einfach zu verstehen – die Augen öffnet für diejenigen, die den Kopf für uns hingehalten haben und im Kampf gegen den Faschismus gestorben, gefolterte oder wahnsinnig geworden sind. Dank ihres Heldenmutes können wir heute atmen. Auch wenn es überall nach Verwesung riecht und der Schoß noch zu fruchtbar ist, aus dem das kroch...
 
  Sie wurden aber auch wundervolle Sätze über die Liebe in diesem Roman finden, die sowohl die dunklen, als auch die klaren Seiten ausleuchten. „Die Reise ist der Beginn der Rückkehr“, sagt ihm seine Maria an einer Stelle, auch wenn beide wissen, dass es keine Rückkehr geben wird, ein ungeheuerlicher Trost, wenn auch nur für den Augenblick des Aufbruchs der Reise. „Eine Frau zu lieben“, bedeute nicht, wie Salvatore sagt, „alle anderen zu vergessen, vielmehr in ihr alle zu lieben und zu begehren und zu besitzen“. „(...) Es ist schon ziemlich hart zu leben, zu überleben, den Schlägen auszuweichen, die von allen Seiten auf dich niederprasseln; das Segel lockern oder straffen, genau im rechten Moment, ehe das Boot in die Brüche geht oder kentert; alt werden, krank werden, die Freunde sterben sehen, seine Rechnung machen mit allem, was du an Gemeinheit, Scham und an Verrat im Herzen hast. Und als ob all das nicht genügte, auch noch die Liebe? Es ist ein zu harter Kampf, und man kann gut verstehen, dass einem manchmal nichts anderes übrig bleibt, als fahnenflüchtig zu werden.“
 
  Die Fahnenflucht vor der Liebe ist auch die Fahnenflucht vor der Revolution? Und so wie das Scheitern der Liebe muss schließlich auch das Scheitern der Revolution eingestanden werden: „Die wahre Revolution befreit die Welt. Doch in diesem Anspruch liegt auch ihr Scheitern, denn wir wollen alle befreien, auch die Brüder im Schwarzhemd, während die nichts anderes im Sinn haben, als uns einzulochen. Doch auch wir haben zu viele Leute, unsere Leute, gezwungen, die Sonne der Zukunft durch ein Gitter in Streifen geschnitten zu sehen...“
 
  Claudio Magris, 1939 in Triest geboren, lehrt dort auch deutsche Literatur. Bei HANSER sind u.a. auch von ihm erschienen: „Donau“ (1988), „Utopie und Entzauberung“ (2002), „Die Ausstellung“ (2004). Claudio Magris ist Träger vieler internationaler Auszeichnungen und Literaturpreise.

 

 

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.