Uwe Ommer Do it yourself
Taschen 2007 256 Seiten ISBN: 3822856282 € 29,99
Von Jürgen Weber am 26.11.2007 „Wir sind schlimmer als die Tiere: denn zu dem, was wir machen, kommt auch noch das, was wir denken!“ Eine der Protagonistinnen dieses Aktfotobuches, sie nennt sich – ganz und gar unprätentiös - Luna de Rossi, bringt es auf den Punkt und stellt sich gleich nach Gesagtem wieder als (nackte) Hausfrau in Stockings hinter ein Bügelbrett. Die von Uwe Ommer benutzte Fotostrategie hat funktioniert: er drückte seinen Modells kurzerhand den Selbstauslöser seiner Kamera in die Hand und sprach die verführerischsten Worte der Foto-Kunstgeschichte: „Do it yourself!“ Der Name ist also Programm und auf diese Weise sind mehr als 250 authentische Fotos zustande gekommen, die nackte Frauen selbstbewusst und meist in völliger Natürlichkeit zeigen. Es gibt wohl nichts Mächtigeres als Nacktheit, wenn sie mit dem entsprechen Selbstbewusstsein zur Schau getragen wird. Das hat nicht erst Helmut Newton mit seinen „Big Nudes“ erfinden müssen. „Wir“ wussten es schon vorher. „Die Idee, einige meiner Modelle dazu einzuladen, sich nach eigener Eingebung zu fotografieren, befreit vom kritischen, voyeuristischen Auge des Fotografen, lockte mich sofort.“, schreibt Uwe Ommer in seinem Vorwort, das in drei Sprachen abgedruckt wurde. Seine Aufgabe dabei war die des „Ghostphotographers“, oder wie es treffender auf Französisch heißt: „L´histoire d´un `negre´ (photographique et temporaire)“. Ommer beschränkte sich auf technische Hinweise bezüglich Licht, Ausstattung und Inszenierung. Der eigentlich „künstlerische Moment“ wurde aber seinen Modellen überlassen, er war dabei nur der Gehilfe oder Assistent. Studentinnen, Angestellte, Künstlerinnen, Verkäuferinnen, Schauspielerinnen, Sängerinnen, Stylistinnen, Tänzerinnen, Models, Musikerinnen oder Lehrerinnen – alle seine Modelle waren (bezüglich der Fotographie) Dilletantinnen und machten ihre Sache wie Professionistinnen. Die Ergebnisse sprechen für sich und auch wenn man dem Photographen nicht alles zu glauben braucht, was er im Vorwort geschrieben hat, wird doch vielen Fotos deutlich, dass sich die Frauen tatsächlich selbst betrachteten und dadurch vielleicht weniger Hemmnisse zeigten als unter den Blicken des Voyeurs. Auch wenn die Schnur des Selbstauslösers gerne und absichtlich ins Bild rutscht, um die Authentizität des „Do it yourself!“– Projektes zu unterstreichen, hat der Herr Photograph vielleicht doch ein paar Mal mehr als nur unter die Arme gegriffen und auch den Auslöser betätigt. Das tut der Sache natürlich absolut keinen Abbruch, im Gegenteil, mancher Betrachter mag froh sein, dass die Bilder dadurch umso „schärfer“ (fokussierter!) wurden. Im zweiten Teil des Bildbandes, ab dem dritten Drittel vielmehr und für die letzten 64 Seiten, ändert sich das Konzept dieses mondänen Hochglanzfotobandes ohnehin. Kurze Texte werden den Fotos beigeordnet, die von einem Modell selbst geschrieben wurden und etwas über ihr Leben erzählt. Das Tagebuch eines Kindermädchens sozusagen, das in der Metro vergessen wurde und von einem aufgeregten Finder (nämlich Sie!) durchgeblättert wird. Das dass Kindermädchen nicht nur die Kinder wechselt, sondern auch die Wohnungen, Villen und Arrondisements geht bald aus dem „Tagebuch“ hervor. Ob wahr oder nur gut erfunden, spielt weniger einer Rolle, als die geheimen Wünsche und Vorstellungen, die beim Betrachter dabei angestachelt werden sollen: ein Kindermädchen, das sich nackt auszieht und auf das Sofa der abwesenden Eltern legt, um einen Schnappschuss zu machen oder ihre bunte Körpermalerei zu verewigen. „Ich soll den Haushalt machen. Ich habe etwas getrunken. Ich gebe mich mit Wonne dem Luxus hin, der mich umgibt. (...) Mir ist nicht kalt. Meine Brüste sind stolz. Sie können von selbst stehen.“ Ein Kindermädchen auf Abwegen eben. Auch das Name-Dropping bekannter französischer Luxusdesigner und/oder italienischer Kleiderhersteller darf nicht fehlen, daneben auch das Arakibuch-Zitat von TASCHEN, das natürlich im selben Atemzug genannt werden kann. Das ist keine frivole Werbung, sondern ein Upgrade, eine Optimierung, für die Designernamen natürlich! „Ma vie est molle, tu es dur, empoigne-moi. Insiste, je veux sentir que j´existe.", schrei(b)t sie einem fiktiven Emmanuel entgegen und dieser antwortet nicht. Am Ende bleibt das Tagebuch in der besagten Metro liegen und dort könnten vielleicht gerade Sie es finden! Vielleicht ist es aber doch sicherer, sich Uwe Ommers Werk selbst zuzulegen. Die zusätzlichen 192 Seiten werden Sie nicht enttäuschen. Sowohl was die hohe Qualität des Papieres als auch die Gestaltung (starke Kartonierung, Schutzumschlag und Bindung) betrifft. Und natürlich auch die Fotos! Uwe Ommer lebt seit 1962 in Paris und hat dort ein eigenes Fotostudio mit Schwerpunkt Mode und Werbung. Sein erstes Buch wurde 1979 veröffentlicht, nachdem seine Werke schon in vielen Galerien von Paris zu sehen waren. In „Photoeditionen Uwe Ommer“ hat er persönliche Arbeiten und Auftragswerke zu einem Band zusammengestellt. 2002 wurde Uwe Ommer von der Royal Photographic Society mit einer Honorary Fellowship für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Ebenfalls bei TASCHEN sind seine Bücher „Black Ladies, Asian Ladies, Transit“ und „1000 Familien“ erschienen.
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