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Silvio A. Bedini
Der Elefant des Papstes

Klett-Cotta
2006
Übersetzt von Klaus Kochmann
336 Seiten
€ 29.50 [D] sFr 49.80


Von Alemanno Partenopeo am 24.11.2007

  Giovanni di Medici “(…)war ein Ästhet, ein Epikureer und ein Gelehrter, er repräsentierte den Höhepunkt der humanistischen Kultur der Stadt Florenz.” Als zweiter Sohn von Lorenzo il Magnifico war er Schüler der Humanisten Angelo Poliziano, Marsilio Ficino und Bernardo da Bibbiena gewesen. Das hinterließ offensichtlich Spuren, denn als er Jahre später zum Papst gewählt wurde und sich den Namen Leo, der X. aussuchte, wurde er zu einem der schillerndsten Figuren der Hochrenaissance.
 
  Dieser Papst litt an Kurz- und Weitsichtigkeit und sah weder in der Nähe noch auf die Ferne scharf. Er war Spätaufsteher und tafelte zwar nur einmal am Tage, dafür aber sehr herzhaft. Aber an drei Tagen der Woche soll er auch gefastet haben und nur Brot, Gemüse und Früchte gegessen haben, schreibt Bedini. „Fettleibig, langsam in seinen Bewegungen, wortkarg, immer lächelnd, oft lachend” soll er gewesen sein und seine Hauptaufgabe schien es, „sich selbst und seiner Umgebung Freude zu bereiten.” Diese Freude bereitete er oft in Geldgeschenken für die er auch bereit war, Schulden aufzunehmen. Wenn ihn auch Magengeschwüre und zeitlebens eine Analfistel plagten, war er dem Leben wohl gerade deswegen besonders zugetan und feierte es in großartigen Umzügen und festlichen Prozessionen. “Der korpulente Papst litt am meisten unter der Hitze, ihn belastete nicht nur sein Gewicht, sondern es drückten ihn auch seine mit Edelsteinen geschmückten Gewänder.” Und natürlich hatte auch er Angst vor dem Tod, was ihn das Leben nur umso mehr feiern ließ. „Als Leo X. 1513 Papst wurde, war er der Erbe und die Verkörperung des Entdeckerstolzes der Hochrenaissance.”, wie Bedini in porträtiert.
 
  Sein Amt übernahm er in einer Zeit als die Christenheit vom Osten her durch die Türken bedroht wurde. Was lag da näher, als sich in die „neue Welt“, den Westen, aufzumachen, um neue Gläubige zu bekehren und vor allem deren Gold und Reichtümer nach Rom zu bringen. Als es erst Columbus – der für die Portugiesen zur See fuhr – ungewollt gelang, nach Amerika zu segeln und danach der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama erstmals Afrika umsegelte und wirklich nach Indien gelangte, dehnte sich das portugiesische Weltreich über den halben Erdball aus: von Calicut (Kalkutta, Ostindien) über Brasilien, Neufundland, Labrador, Neuschottland und Madagaskar, Mozambique, Goa, Colombo und Malakka reichte der Einflussbereich der portugiesischen Krone unter König Manuel I. „Die Portugiesen übernahmen praktisch die Kontrolle über den Welthandel mit Gewürzen.” Somit war das Christentum nicht mehr in der Defensive, denn auch der Papst profitierte von den Eroberungen König Manuels und konnte mit seiner untertänigsten Ergebenheit einen Tross von Künstlern, Musikern und Scharlatanen in Rom unterhalten, 683 Menschen sollen es gewesen sein, die er in seinem Haushalt unterhielt, schreibt Bedini. Rom wurde nicht mehr nur Nabel des Christentums, sondern auch eine Hauptstadt der Welt, wie man heute sagen würde, sogar eine Weltstadt.
 
  Die gegenseitige Freundschaft wurde durch Geschenke aufgefrischt und eines der wohl preziösesten dieser Geschenke war ein weißer Elefant, den man später Hanno oder Annone nennen sollte. Ein weißer Elefant, der von den ostindischen Besitzungen Portugals zuerst zu König Manuel und dann von ihm an Papst Leo X. verschenkt wurde. Die Schilderung der Reise des kleinen, vier Jahre alten Elefanten vom italienischen Hafen in Porto Ercole bis Rom gehört zu den Glanzstücken in diesem unterhaltsamen Buch und führt die damalige Zeit und ihre Traditionen lebhaft vor Augen. Immerhin 120 Kilometer musste der Elefantentross auch zu Fuß zurücklegen und dabei so manches Abenteuer bestehen. Erschwerend hinzu kamen nicht nur die zahlreichen Schaulustigen, sondern auch die harten Pflastersteine der Straßen, die die Füße des armen Elefanten verletzten. Als die portugiesische Mission endlich in Rom beim Papst eintrifft, strahlt nicht nur dieser vor Entzücken und lässt sich gerne erstmal von Hannos Rüssel unter Wasser setzen.
 
  Der weiße Elefant wurde aber auch bald zum Symbol der Vergnügungssucht des neuen Papstes, denn die unzähligen Prozessionen, die mit ihm veranstaltet wurden, die Hymen die vom Papst in Auftrag gegeben wurden und die über ihn verfasst wurden oder die Skulpturen die gestaltet wurden kosteten allesamt eine Stange Geld. Ganz abgesehen vom Unterhalt des wachsenden Dickhäuters. Und ganz zu schweigen vom Gegengeschenk des Papstes an Manuel: nicht nur sandte er ihm die „Goldene Rose”, ein traditionelles Geschenk und hohe päpstliche Auszeichnung für weltliche Würdenträger, sondern auch das „päpstliche Schwert mit Herzogskappe” und kirchliche Pfründe wurden König Manuel dargebracht, auf dass er noch mehr Länder entdecke und der Christenheit untertan mache (und damit den Papst noch reicher).
 
  Silvio A. Bedini gelangt dennoch zu einer positiven Bewertung des Pontifikats Leo X.: „In Rom (…) zog eine neue Epoche der Künste und Wissenschaften herauf. Humanisten gewannen stetig an Einfluss; die Redekunst wurde am Hofe so hoch geschätzt, dass eine neue Art der Unterhaltung in Form von Disputationen oder Dichter-Wettbewerben entstand. Der Papst, ein außerordentlich gebildeter Mann, umgab sich mit namhaften Schriftstellern (…).” Dies alles mag den Autor dazu veranlasst haben, von einem „Goldenen Zeitalter” zu sprechen. Angesichts des Untergangs des Christentums im Osten durch den Fall Konstantinopels 1453 eine wahrlich begreifbare Ansicht und Perspektive auf die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. Nur schwer gehen dem Autor allerdings kritische Äußerungen über den Papst über die Lippen: „Neben seiner Liebe für die Künste brachte der Papst sehr viel Liebe für die Possenreißerei auf. Einige Historiker vertreten die Ansicht, sein Spaß am Vulgären, das an den königlichen Höfen jener Zeit nicht üblich war, habe sich aus florentinischem Geschmack und Brauchtum ergeben. Andere haben angedeutet, die Vulgarität habe sich wegen der Abwesenheit von Frauen am päpstlichen Hof besonders stark entwickelt, das habe zu größerer Schlüpfrigkeit und gröberen Ausdrucksformen geführt.” “Er war bestrebt ohne Anstrengung oder Risiko Freude am Leben zu haben, und er verabscheute Langeweile.” Der Autor tut sich leichter Leute aus dem Umfeld des Papstes zu kritisieren, als ihn selbst, etwa Fra Mariano. Aber der Papst selbst hatte ja diesen Unhold zu seinem Siegelbewahrer bestimmt, also konnte er ihm wohl nicht so ganz unsympathisch sein.
 
  Die unkritische Haltung gegenüber dem Papst zeigt sich auch beim Heraufdämmern der Reformation etwa durch Martin Luther, dessen Position grundsätzlich als ablehnenswert charakterisiert wird. Oder wenn er Ulrich von Hutten zitiert mit den Worten “Leb wohl, Rom, ich habe Dich kennen gelernt,/Und ich schäme mich dessen, Dich gesehen zu haben./Fahrt wohl, ihr Possenreißer, Elefant, Huren, Kuppler, Strichjungen,/Herolde, Verabscheuenswerte, Vergewaltiger, Meineidige, Diebe,/Ihr Gotteslästerer, Ihr Geschwisterschänder,/Gottloses Rom, leb wohl.” Bedini neigt eher dazu von Hutten für seine Worte zu kritisieren, als deren Wahrheitsgehalt zu verifizieren. Er läßt das Zitat einfach so stehen, als ob Hutten den Inhalt dieser Worte nur so dahinsage, ohne ihnen Bedeutung zuzumessen. Denn dass die von Bedini als “Goldenes Zeitalter” betitelte Epoche durch diese Worte von Huttens wohl besser beschrieben werden als die Lobhudeleien Leos ist sein Anliegen nicht.
 
  Ein weiteres Kapitel ist auch dem durch Albrecht Dürers Federzeichung bekannt gewordenen Rhinozerus gewidmet. Dieses soll in einem Zweikampf sogar unseren „Annone” besiegt haben, aber ohne, dass eines der beiden Tiere dabei Schaden genommen hätte. Wie genau lesen Sie am besten selbst nach, denn es wird sie auch die Geschichte hinter den Tierkämpfen im Renaissance-Rom interessieren und verblüffen. Denn nicht nur die alten Cäsaren kannten die Arenen und Gladiatorenkämpfe, auch die Päpste der Neuzeit. Die Geschichte der Reise des Rhinozerus nach Rom liest sich fast ebenso spannend wie die des Elefanten, nur, dass König Manuel mit seinem zweiten Geschenk an Papst Leo X. etwas weniger Glück hatte und die Geschichte ein bisschen traurig ausgeht. Dabei kann auch das implagioto (mit Stroh gefüllte) -Nashorn nur schwer Trost spenden, besonders wenn man an das Ende der Matrosen des Transportschiffes denkt und weniger an den vier Tonnen schweren Dickhäuter. Immerhin war das unbewegliche „Plagiat“ dann wohl besser abzuzeichnen...
 
  Als schließlich das „Rad des Wandels” (Kapitel 6) einsetzt, der Papst immer kränker und melancholischer wird und eine immer lautere Rebellion gegen das „skandalöse Verhalten des Klerus und ein exzessiver Luxus auf allen Ebenen innerhalb der Kirche” beklagt wird, ordert Leo X. selbst seine Leibärzte an. Aber diese wurden nicht für ihn selbst herbeizitiert, sondern für den im Sterben liegenden Elefanten Hanno. Meisterhaft versteht es der Autor, dieses Ereignis, die Agonie des Tieres, auch zu einem symbolischen Todeskampf einer ganzen Epoche werden zu lassen: das „Goldene Zeitalter” Papst Leos X., das an seinem eigenen Gold zugrunde ging. Die Hoch-Zeiten der Römisch-Katholische Kirche sind endgültig vorbei und die Zukunft gehört dem „Antichristen”, Martin Luther zum Beispiel! Zumindest gewinnt man den Eindruck, es könnte sich um so einen gehandelt haben, wenn man Bedini liest. Denn er macht weniger den Papst für die Verfehlungen und die spätere Spaltung der Kirche verantwortlich, als „diesen aufmüpfigen deutschen Mönch aus Wittenberg”. Besonders deutlich wird Bedinis Apathie gegen die Reformatoren in den Worten mit denen er die Konfrontation zwischen Leo und Martin Luther beschreibt: „Aber seine (Leo X., JW) natürliche Liebenswürdigkeit, seine Trägheit und sein Wirklichkeitssinn ließen ihn gegen den groben und leidenschaftlichen Luther nicht weit kommen.”
 
  Dennoch habe ich selten ein Buch mit so viel Vergnügen gelesen wie dieses. Es ist Kulturgeschichte und spannende Literatur in einem, ein Werk, das ich jedem empfehlen kann, der sich für die Geschichte der Neuzeit interessiert. Den Elefanten zum Dreh- und Angelpunkt des Erzählstranges zu machen ist eine ebenso geniale wie kurzweilige Angelegenheit, denn so lässt sich Geschichte leichter präsentieren und verkaufen. Das Buch liest sich wirklich wie Butter und ist auch sprachlich ein Feger. So hinreißend kann Geschichte sein. Und wenn mir der Mangel an Kritik gegenüber der Institution Kirche und Papst auch manchmal gefehlt hat, möchte ich es als Exponat einer besonderen Gattung Buch in meiner Bibliothek keinesfalls missen.
 
  Silvio A. Bedini ist emeritierter Professor der Geschichtswissenschaften an der Smithsonian Institution in Washington, D. C. Er war viele Jahre lang stellvertretender Direktor des National Museum of History and Technology (heute National Museum of American History), anschließend Chefbibliothekar der Abteilung für seltene Bücher an der Smithsonian Institution.

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