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Seestücke
Von Max Beckmann bis Gerhard Richter

Hirmer Verlag
2007
215 Seiten
€ 34,-


Von Alemanno Partenopeo am 07.11.2007

  Was gibt es Schöneres, als sich eine Zigarette anzuzünden, einen Espresso zu bestellen und aufs Meer hinauszusehen? Vielleicht sich eine Zigarette anzünden, einen Espresso bestellen und die „Seestücke“ zu betrachten?
 
  Das „Seestück“ hat in der deutschen und internationalen Malerei bereits eine gewisse Tradition. Die ersten Bilder dieses Genres tauchten im 17. Jahrhundert auf und versprachen bereits jene Sehnsüchte zu stillen, die unweigerlich durch die Betrachtung des Meeres in jeder noch lebendigen Brust sogleich aufzukeimen beginnen. Vor allem in Holland hatte sich eine Malerei entwickelt, die sich auf maritime Sujets spezialisierte. In Deutschland begann diese Entwicklung mit Caspar David Friedrich und setzte sich mit Johann Christian Dahl, Andreas Achenbach, Anton Melbye oder Max Liebermann bis in die Moderne fort. Vorliegendes Seestück betrachtet nun vor allem das Filetstück der deutschen Seemalerei, nämlich die des 19. und 20. Jahrhunderts. Der Schwerpunkt ist der deutsche Beitrag, aber sie werden auch andere Künstler darunter finden: Lyonel Feininger, Paul Klee, Max Ernst, Franz Radziwill und Andy Warhol, oder Max Beckmann, Roy Liechtenstein, Gerhard Richter und Anselm Kiefer. Das Buch stellt eine Auswahl der in der Hamburger Kunsthalle präsentierten Ausstellung dar, die dort vom Juni bis September 2007 gezeigt wurde.
 
  Die 115 Farbabbildungen geben einen repräsentativen Seestück deutscher Provenienz zu verstehen ist. Auch wenn der Begriff „Seestück“ heute nicht mehr geläufig sein mag, war er - im 19. Jahrhundert zumindest - eine doch gängige Bezeichnung für ein Gemälde maritimer Thematik. Das konnte sich sowohl auf Seeschlachten beziehen, als auch auf friedliche Wasserlandschaften. Besonders Wilhelm II, der die Zukunft Deutschlands zur See sah, nahm diese Genremalerei zu und es ergötzten sich an ihr nicht mehr nur fürstliche Häupter. 1896 gab es sogar eine Professur für „Marinemalerei“ in Berlin, doch verschwand sowohl die Bilder als das akademische Fach in den Wirren der Weimarer Republik. Ausgerechnet die Nazis nahmen den kaiserlichen Begriff „Marinemalerei“ später wieder auf und diskreditierten für lange Zeit die damit verbundene Malerei, wie in der Einleitung von Felix Krämer und Martin Faass fachmännisch erklärt wird. Heute kann sich die Marinemalerei und ihre Seestücke wieder unbelastet sehen lassen und wird als Freiheit und Abenteuer auch gerne in der Werbung zitiert. Und das obwohl die Fakten dagegen sprechen: das Meer ist ein perfekt genutzter Wirtschaftsraum, 80 Prozent des Welthandelsvolumens werden über es abgewickelt. Jüngste Schlagzeilen über den bevorstehenden Streit der Nutzung des schiffbar werdenden Nordpols beweisen das explosive Potential das das Meer immer noch inne hat. Aber daran sollten wir bei der Betrachtung von Claude Monets „soleil levant“, das den Begriff Impressionismus prägte, wohl lieber nicht denken.
 
  Die weiteren Kapitel dieses Ausstellungskataloges widmen sich mit jeweiligen Einleitungskapiteln Max Beckmann und der See, Konstruktion und Poesie, dem Seestück in den 20er und 30er Jahren, nach dem Krieg, der Pop Art, Gerhard Richter, dem bewegten Meer, den Katastrophen zur See und den Hamburger Künstlern, sowie Flößen, weißen Flecken und verschollenen Seefahreren. Auch Reflexionen über die Seestücke im Film sind äußerst lesenswert. Alle Artikel und Bildbeispiele sind von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren verfasst und geben so ein breites Spektrum der Seestücke in Gegenwart und Vergangenheit.
 
  Tatsächlich ein unteilbarer Genuß, auch ganz ohne Zigaretten und Espresso.

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