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Andrea Grill
Zweischritt

Otto Müller Verlag
2007
200 Seiten
€ 19,-


Von Alemanno Partenopeo am 07.11.2007

  Hans Lokomotif und Moor Corriagua lernen sich zufällig in einem Flugzeug nach Brasilien kennen und begegnen sich auch während der Reise durch dieses Buch immer wieder, ebenso zufällig. Andrea Grill wechselt genauso wie ihre Protagonistin, die eigentlich Johanna heisst - aber der Beamte hatte sich beim Ausstellen des Taufscheines vertan – oft und gerne den Aufenthaltsort und so wird ein Raum entwickelt, indem sich die Ich-Erzählerin zwischen Brasilien, Schweiz, dem Balkan, Amerika, einem Ort namens Mokum und einem Haus unweit eines italienischen Bahnhofs bewegt, weil sie nämlich Eichhörnchenforscherin ist. Und als solche reist sie viel, besucht Kongresse, sammelt Proben toter Eichhörnchen und macht dabei überraschende Beobachtungen, nicht nur über ihr Forschungsobjekt, die Eichhörnchen, sondern auch über die sie umgebenden Menschen. „Je länger ich unterwegs war, desto unerreichbarer und belangloser erschien mir das eigentliche Ziel meiner Reise. Fast erschien es mir eine Art Vorwand, den ich mir ausgedacht hatte, um diese weite Reise zu rechtfertigen.“ Wie viele andere auch sucht Johanna eigentlich, einen verlorenen Schlüssel, zu etwas, das sie selbst nicht zu definieren weiss. Aber vielleicht ist es ja auch gar kein Schlüssel, den sie sucht, sondern das Gesuchte hat eine ganz andere Form und befindet sich inmitten eines mit Wasser gezeichneten Kreises auf einer Piazza in Bologna? Wenn das Wasser verdunstet ist, ist das Spektakel vorbei. Das Wasser zeichnet einen Rahmen, eine Bühne, auf der die Zuschauer sehen, was immer schon da war. „Weil es innerhalb des Kreises geschieht, fällt es auf. Geschähe es ausserhalb, würde keiner es bemerken.“, schreibt die Autorin am Ende ihres Buches und genau das ist es auch, worauf es ihr ankommt.
 
  „Die Wirklichkeit entsteht vorwiegend aus dem Ungesagten, den Zwischenräumen; dem Raum, der sich zwischen ihr und ihm auftut; zwischen dir und mir.“ Dieses Ungesagte, die Zwischenräume sind das Zentrale dieses Romans, den ich mir wie in ständiger Bewegung geschrieben vorstelle. Denn nicht nur durch den (geographischen) Raum-Wechsel entsteht ein bestimmtes, manchmal auch etwas unbehagliches Gefühl der Bewegung, sondern auch durch die von der Autorin gewählten Worte für die Zeit. So hat sie ihr Buch, wahrscheinlich nicht zufällig- denn sonst würde sie es eingangs nicht erwähnen , in 24 Kapitel eingeteilt. Es könnten damit 24 Jahre oder 24 Tage oder eher 24 Stunden gemeint sein, ein Tag mit den verschiedensten Gefühlsempfindungen, eine Reise durch das eigene Selbst in der Beobachtung der anderen. Und auch wenn ein viel längerer Zeitraum in diesem Buch vergeht, hat man das Gefühl, als hätte man einen ganzen Tag mit Johanna verbracht. So gut lernt man sie, Johanna aka Hans, und ihr Denken und Fühlen kennen.
 
  Denn die Protagonistin erfährt sich selbst vor allem durch die anderen. Sie vergleicht. Und durch diesen Vergleich stellt sie die Unterschiede fest. Das kann durchaus auch einmal ironisch sein („Wir hatten beide einen Hund. Seiner war braun und besass ein weiches Fell und eine feuchte Schnauze. Meiner war blau und aus Plastik.“), dann aber wieder resigniert feststellend, dass es eigentlich keine Gemeinsamkeiten gibt, zwischen dem ich und den anderen („Jeder sei interessant genug für ein Mittagessen, doch kaum jemand sei interessant genug für ein Frühstück.“) gibt. „Wenn ich viele Tage so verbrachte und dann plötzlich wieder mit Menschen sprach, war ich dem Gespräch so entwöhnt, dass ich manchmal dachte Strg+Z und wünschte, ich könnte, was ich gesagt hatte, ungesagt machen.“ Denn dann steckte „es“ wieder in den Zwischenräumen, dort wo das wahre Leben zuhause ist?
 
  Der Spaziergang durch Johannas Leben und Erleben geht unprätentiös weiter und wir lernen sie auch im Umgang mit der Polizei kennen, bei dem sie sich nicht als Verräter entpuppen wolle. Die zufälligen Treffen mit Moor sind rar, aber sie verliert ihn trotzdem nie aus den Augen. „Im Gegenteil, je weniger ich ihn traf, desto tiefer wurzelte er in mir. Keimte er als winziges Pflänzchen, während ich ihm gegenübersass, wuchs er zum Baum, wenn er weit weg war. Ich legte mich in seinen Schatten.“
 
  Das „Ich und der Andere“ könnte gemeinhin als Thema dieses Romans angenommen werden, wobei das Andere in verschiedensten Formen dem eigenen Ich begegnet, aber nichts wirklich durchdringt. Auch die Vorstellung von Moor als Baum ist eine Idee, die aus ihr selbst herauswächst, also integriert, absorbiert wird, aber nicht wirklich „begegnet“. Selbst in der Imagination gibt es keine Begegnung. „Es war als hätte jemand ein riesiges Schwungrad in Bewegung gesetzt, an das gebunden ich nun einfach mitzurollen gezwungen war, da ich es aus eigener Kraft nicht anhalten konnte“. Das hier ausgedrückte Gefühl der Ohnmacht mag auch durch die Begegnung mit anderen Menschen nicht aufgehalten werden. Johanna ist ihrer Einsamkeit auf ewig ausgeliefert, so wie JJ2, besser bekannt als Bruno, der Bär, der in der Mitte des Romans kurz auftaucht, um die Einzigartigkeit seiner Art zu unterstreichen: wenn man ein Stück seiner DNA in einem Glasröhrchen aufbewahrt, wäre es dann nicht besser gewesen, ihn gleich gar nicht zu erschiessen? Wozu? „Mir war nicht klar, was wir mit dem Glasröhrchen machen sollten. Einen neuen Bären klonen? Jetzt, da es den alten, der hervorragend funktioniert hatte, nicht mehr gab?“
 
  Aber mit einer Person funktioniert es dann doch, auch wenn man es nur zweideutig als Kompliment verstehen kann, was Johanna über Moor sagt: „Er war kein anderer. Sie erschöpften mich nie. Mit ihnen zu sein, war wie allein sein.“ Der Pluralwechsel im zweiten Satz ist wohl auf die anderen Charaktere bezogen, die Johanna gerne annimmt, „Krokodil und Kasperl“ nennt sie sie, Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder einfach Johanna in „Donnerstagabendform, Montagmorgenform oder Freitagmittagform.“ Die anderen sind immer dieselben. Johanna wechselt genauso oft und nachhaltig wie ihren Aufenthaltsort ihren Charakter, was noch lange nicht heisst, dass sie launisch ist. Eben das nicht. „Würde ich den anderen so viel Aufmerksamkeit widmen wie du, hatte Moor kürzlich gesagt, bräuchte ich eine Sekretärin für meine Gedanken. Vielleicht bräuchte ich ebenfalls eine Sekretärin für meine Gedanken. Oder einen Sekretär.“ Ihr bester, unsichtbarer Freund, die Zufallsbekanntschaft aus dem Flugzeug, ihr alter ego (?) erkennt also auch als erster Johannas’ Dilemma. Und sie selbst, Johanna, auch, nur drückt sie es etwas komplizierter aus: „Ist ein Schatz auch ein Schatz, wenn niemand davon weiss? Wird er erst zum Schatz, wenn er gehoben wird, der Öffentlichkeit vorgestellt? Oder bestand das Konzept eines Schatzes genau darin, nicht öffentlich zu sein, verborgen zu sein, ohne dass jemand wusste, was genau er enthielt; war der Schatz vor allem, was in den Köpfen entstand, die über ihn nachdachten?“
 
  Allein die Erkenntnis zählt. Aber manchmal auch der Weg dorthin.
 
  Andrea Grill wurde 1975 in Bad Ischl geboren. Sie studierte u.a. in Salzburg; promovierte an der Universität Amsterdam über die Evolution endemischer Schmetterlinge Sardiniens. Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften, u.a. „Die Furche“, „Lichtungen“ und „Literatur und Kritik“, Mitarbeit bei „Literatur und Kritik“. Übersetzerin aus dem Albanischen. Nach Aufenthalten in Tirana, Cagliari (Sardinien) und Neuchâtel lebt sie zur Zeit in Bologna.

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