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John Berendt
Die Stadt der fallenden Engel

Pendo Verlag
2007
Übersetzt von Matthias Müller
430 Seiten
€ 22,90


Von Alemanno Partenopeo am 28.10.2007

  1996 brannte - kurz vor Beendigung der Renovierungsarbeiten - „La Fenice“, Venedigs berühmtes Opernhaus, unter mysteriösen Umständen bis auf die Grundmauern nieder. Schon zuvor war es zweimal angezündet worden und zweimal wieder aufgebaut, was ihm – zu Recht – wohl zu seinem Namen verholfen hat: Fenice heißt auf Deutsch Phönix. Ein „Phönix aus der Asche“ eben. John Berendt bringt es auf einen Nenner, wenn er schreibt, dass sich das Opernhaus quasi selbst umgebracht habe, denn die Grundmauern waren so stark, dass sie das Feuer im Zaun hielten. „Anstatt Venedig zu vernichten hatte das Fenice in gewisser Weise Selbstmord gegangen.“, verklärt Berendt ironisierend. Aber natürlich darf hier auch die Arbeit der Feuerwehrmänner nicht unterschätzt werden. Sie waren es, die verhinderten, dass die Flammen auf andere Gebäude übergriffen. Die Helden der Repubblica Venezia, nicht nur in New York.
 
  Eines dieser anderen Gebäude in der Umgebung des Fenice wurde von einem berühmten Glaskünstler aus Murano bewohnt, der seine Wohnung nicht räumte und stattdessen die ganze Nacht in die Flammen starrte: Archimede Seguso. Das Flammeninferno des Fenice habe ihn zu seinen schönsten Kreationen inspiriert, mutmasst John Berendt und man ist gerne bereit ihm zu glauben, denn dieser Autor schreibt mit Bravour und viel Hintergrundwissen. Da er selbst in Venedig gelebt hat und das Italienische beherrscht, fallen seine Beobachtungen umso authentischer aus. Aus diesem Grund kennt er auch den „Rhythmus des Meeres“, dem diese Stadt - im Gegensatz zu den unseren, die unter dem „Rhythmus des Rades“ leiden, - unterworfen ist. In Venedig geht alles ein bisschen langsamer, selbst die Tatsache, dass das Fenice brennt, dauert eine Weile, bis entsprechende Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Denn tatsächlich wurde der Brand schon kurz nach seiner Legung bemerkt, aber es dauerte weitere wertvolle Stunden, bis die Verantwortlichen handelten. Der „Venedig-Effekt“ definiert sich für Berendt demnach auch mit „die Wahrheit kann sich verändern. Ich kann mich verändern. Sie können sich verändern.“. Der Rhythmus des Meeres eben. Und um ein weiteres viel zitiertes Klischee über Venezianer zu zitieren: sie sagen nie die Wahrheit, sie meinen immer genau das Gegenteil von dem, was sie sagen. So will es ein Venezianer dem Autor gesagt haben, dass sie eben immer Theater spielen, auch in den Zeiten ohne das weltberühmte Opernhaus.
 
  Dies alles als Einleitung für eine wahre Geschichte mag eventuell abschreckend wirken, aber es ist genau das, worum es eigentlich geht. Doch dazu später, eventuell in einer anderen Venedig-Rezension. So manche Arie wurde dem Amerikaner John Berendt also vorgetragen. Sowohl von Landsleuten, als auch von Venezianern. John Berendt weiß uns aber noch viel mehr über die Stadt Venedig zu erzählen als „nur“ den Fenicebrand, denn dieser ist eigentlich nur ein Aufhänger, seine mehrjährigen Erfahrungen in Venedig über dem Leser auszuschütten. Und wir sind sogar froh darüber, froh über diese Ausschüttungen, auch wenn der Autor sich manchmal zu sehr in Details verliert, wie etwa der Geschichte um Ezra Pound und Olga Rudge resp. den Guggenheimverwaltern, die ich hier nicht auch noch namentlich erwähnen will. Hier werden nämlich auch Rechnungen beglichen, alte zwar, aber noch immer nicht bezahlte. Rechnungen zwischen Amerikanern, die in dieser Stadt leben und deren Communities es auf der ganzen Welt in jeder nicht-amerikanischen Hauptstadt gibt. Und auch in dieser Stadt, die es – wie wir wissen – ohne amerikanisches Geld gar nicht mehr geben würde. (Die Organisation „ Save Venice“ hat bereits Millionen von Dollars in diesen maroden Zipfel der Welt gepumpt.) John Berendt versteht es jedoch, dabei keine Schmutzwäsche zu waschen, sondern auf dem Teppich zu bleiben. Aber ehrlich gesagt haben mich auch genau diese inneramerikanischen Querelen interessiert. Auch wenn es nicht immer so zum Lachen anregt wie Woody Allen, der kurz vor dem Brand ein Konzert mit seiner Jazzband im Fenice hätte geben sollen: „Wenn sie nicht wollten, dass ich spiele, dann hätten sie es bloß zu sagen brauchen.“
 
  Man könnte also auch sagen, dieses Buch sei ein Buch über die Amerikaner in Venedig für die Amerikaner in Venedig, aber eben nicht nur. John Berendt spricht auch mit den Abkömmlingen alter venezianischer Adelsgeschlechter um Licht in den Brand des Fenice zu bringen und man möchte meinen, dass es davon bereits genug gäbe, in einem Flammeninferno wie dieses. Eine andere, italienische Referenzfigur ist zum Beispiel Ludovico De Luigi, ein zeitgenössischer venezianischer Maler, dem es nie an Humor und Intelligenz mangelt und dem Berendt auch einige Hinweise in der „Causa Fenice“ zu verdanken hat. Auch Mario Soldati, der einsame schwule Dichter, wird gewürdigt und die Auseinandersetzungen um seinen Nachlass entwickeln sich zu einer eigenen Kriminalgeschichte. Andere Personen auf die sich Berendt gerne bezieht sind der amerikanische Schriftsteller Henry James, der Russe Joseph Brodsky, der eine Hymne auf Venedig geschrieben hat, oder auch John Ruskin mit seiner „Città di Pietra“, der „Stadt aus Stein“. Natürlich darf auch Ernest Hemingway nicht fehlen, der gesagt haben soll, dass Venedig eine „seltsame und knifflige Stadt“ sei und in ihr herumzugehen sei „besser als Kreuzworträtsel zu lösen“.
  John Berendt erweist auch vielen Filmen über Venedig seine Referenz und weiß auch hier mit seinem Wissen zu glänzen. Wir erfahren viel über die Geographie und Gastronomie Venedigs, ihre Bewohner, wie etwa den sympathischen Capitano Mario Moro (der in Wirklichkeit Bruno heißt oder doch nicht) von der Giudecca oder Renato Bona, der weltbeste Forcola-Hersteller. Der Autor will auch wissen, dass es 120.000 Tauben in Venedig geben soll und wie viel die Taubenfutterverkäufer daran verdienen, damit sie die hohe Lizenz überhaupt bezahlen können. Dies will ich Ihnen, lieber Leser, hier nicht verraten, nur eines: jenseits Ihrer Vorstellungskraft. Auch Giuseppe Volpi wird gehuldigt und der Versuch gemacht, ihn in seiner Zeit positiv für Venedig zu bewerten. Sehen Sie selbst, ob Berendt auch das gelingt. Fantastisch mutet auch der Rattengifthersteller an, dessen Geschichte mit einer besonderen Pointe aufwartet.
 
  Wie Sie sehen, steckt viel mehr in diesem Buch als einfach nur der Fenicebrand und wenn es dann -nach 430 Seiten - zum Showdown kommt und die Brandstiftung und deren Verzwickungen endlich aufgeblättert werden, ist man fast enttäuscht: man hätte doch gerne noch so viel mehr über Venedig erfahren. Oder das zumindest, wie es John Berendt sieht. Für alle Venedigliebhaber also eine absolute Empfehlung, auch wenn es sehr amerikanisch ist, dieses Venedig(bild).
 
  JOHN BERENDT, geboren 1939 in New York als Sohn zweier Schriftsteller, ist einer der großen Autoren Amerikas. Er studierte Englisch an der Harvard Universität, wo er außerdem Redaktionsmitglied der Satirezeitschrift „The Harvard Lampoon“ war. Berendt ist Autor des Bestsellers „Mitternacht im Garten der Lüste“ (verfilmt von Clint Eastwood) und war unter anderem Herausgeber des New York Magazine und Mitherausgeber des Esquire. Er lebt in New York.

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