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Predrag Matvejevic
Das andere Venedig

Wieser
2007
Übersetzt von Alida Bremer
140 Seiten
€ 18,80


Von Alemanno Partenopeo am 28.10.2007

  Auch wenn es müßig ist, zu betonen, dass schon viel über diese „Stadt am Wasser“ geschrieben wurde, tut es auch Predrag Matvejevic zur Einführung in vorliegendes Buch. Aber dabei bleibt es Gottseidank nicht, denn es gelingt dem Autor tatsächlich eine ganz eigene Sichtweise auf die Lagunenstadt vorzustellen. Im ersten Kapitel nähert er sich der Stadt der Städte über ihre Pflanzenwelt an; ein mutiges Unterfangen, wenn man bedenkt, dass spätestens seit John Ruskin Venedig als „citta di pietra“ (Stadt aus Stein) bekannt wurde.
 
  Aber es gibt sie tatsächlich, die Gärten und Pflanzenwelt Venedigs und auch diejenigen, die nicht das Glück haben die Innenhöfe der vielen Palazzi zu betreten wird ihrer gewahr. Predrag Matvejevic öffnet dem Besucher die Augen für die kleine, bescheidene Vegetation der Stadt und schreibt über das Leinkraut, die Kornelkirsche, das Große Schöllkraut, die Malve, den Theriak oder auch Heilpflanzen und andere Kräuter. „Sie kamen im Stein und sind dann auf ihm gesprossen“, schreibt Matvejevic und er will damit sagen, dass auch in diesem Schlosslabyrinth aus Marmor und Pfählen es pflanzliches Leben gibt. Und wer sie nicht findet, kann etwa die Kornelkrische auf einem Gemälde Tiepolos oder Tintorettos bewundern, die im Palazzo Labia oder in der Schule des Heiligen Rochus hängen. Auch die Maler hatten ein Auge für die venezianischen Pflanzen und wie diese hat auch Matvejevic ein Auge für die Details.
 
  Predrag Matvejevic kennt auch die Bezeichnungen für die verschiedenen Arten, der Baumstämme, die verwendet wurden um die schwere „Stadt aus Stein“ zu stützen. Vielen davon stammen aus Istrien, des Autors Heimat, aus Eichen-, Kastanien- oder Mandelwäldern. Auch die Anlegestellen der Boote die Palina (ein Baumstamm), Dama (zwei) oder Bricola (ein Bündel aus ca vier) weiß der Autor zu unterscheiden. Natürlich spielt auch das Mediterranum, das Mittelmeer eine Rolle für die Stadt und auch Matvejevic und erst langsam nähert er sich auch den menschlichen Kunstwerken in der Stadt an, etwa den Skulpturen, die viele Brücken oder Gebäude schmücken und von namenlosen Künstlern geschaffen wurden. Matrosen, die einen Zeitvertreib suchten, das opiatische Venedig verlangte auch nach ihrer Verewigung in dessen unzähligen Gassen oder Rii. „Der Venezianer musste eine neue Art von Geschöpf werden, wie man denn auch Venedig nur mit sich selbst vergleichen kann.“ Hier war jeder ein Künstler, die Stadt machte jeden Bewohner zu einem solchen und jeder wollte zu deren Schönheit etwas beitragen. Davon zeugen auch die vielen Abbildungen in vorliegendem Buch, die Vedutenbilder, die von anonymen Künstlern angefertigt wurden, allein um ihrer Stadt und ihrer Schönheit zu huldigen. Auch der Autor erwähnt dies und widmet sein Buch all jenen namenlosen Künstlern, die ihre Werke absichtlich nicht signiert haben. Ihre Arbeit war ihnen wichtiger als ihr Ruhm – den haben sie ganz allein dem Objekt ihrer Huldigung überlassen: Venedig, La Serenissima.
 
  „Vielleicht ist die Stadt wahrhaftiger in der Erinnerung als in der Realität“, schreib er an einer Stelle und man ist versucht ihm Glauben zu schenken, wenn man sich in ihrem Taumel befindet und erst durch die Distanz, die Ausreise, eine Schifffahrt genügend Abstand gewinnt um deren Charakter wirklich zu begreifen. Ein verwirklichter Menschentraum, eine Stadt im Wasser ist unmöglich, nicht denkbar und wer sich darin befindet, weiß dass es nicht echt sein kann und begreift erst in der Erinnerung, dass es wahr ist, was er gesehen hat.
 
  Predrag Matvejevic setzt mit der Beschreibung des Getreides und der verschiedensten Brotsorten seine Schilderung seines „anderen Venedigs“ fort und schließlich spricht er mit dem Bettler Vida, der zwar blind ist, aber dennoch über die schönsten Geheimnisse Venedigs Bescheid weiß und sie dem Autor (und Leser) auch noch verrät. Dazu gehören aber nicht die Wirtshäuser und deren lustige Namen (etwa „Beim Zwerg zum Bärenhof“), die im letzten Kapitel behandelt werden, sondern Geheimnisse, die sie selbst entdecken müssen und in keinem Reiseführer zu finden sind. Am Schluß findet er sogar schöne Worte für die unzähligen Fotos, die in Venedig von Touristen schon geschossen wurden: „Mit der Zeit wurden sie von Patina erfasst, sie wurden dunkler und unscharf, braun oder rötlich. Sie nahmen die Farben von Bernstein, Korallen oder Sepia an, der gepressten Blumen, die neben oder zwischen ihnen zwischen den Deckeln eines Albums lagen.“ Ganz so wie das Objekt ihrer Begierde eben...
 
  Predrag Matvejevic entführt uns in eine geheimnisvolle Lagune, wo wir vom Schicksal der Pfähle aus Eichen- und Mandelholz, von erfahren. Zum Predrag Matvejevic erzählt nicht vom banalen Venedig, es ist nicht das Venedig der Brücken und Kanäle, und es sind nicht die Gondeln und die Katzen, die er beschreibt. Er entführt uns in ein geheimnisvolles Venedig, das von Feuchtigkeit beschlichene, von Rost und Patina überzogene, in dem unbekannte duftende und geheimnisvolle Pflanzen sprießen und Möwen auf Friedhöfen Ruhe suchen und in den Lagunen ihre letzte Ruhe finden. Das andere Venedig verführt uns und berichtet vom Schicksal der Pfähle aus Eichen-, Kastanien- und Mandelholz, von istrischen Samen, dem Leinkraut, das »wie andere verwandte Arten wohl gemeinsam mit dem weißen istrischen Stein hierher gebracht« wurde.
  Eine Erzählung, die uns in den Stein horchen lässt, wo man hinter den Molen erwartetes findet und zögert, wenn man in Friedhöfen auf bekannte Namen trifft oder Gräser emporsprießen sieht, von denen man nicht angenommen hat, sie hier zu schauen.
 
  Predrag Matvejevic wurde 1932 in Mostar (Bosnien und Herzegowina) geboren. Studium der Romanistik in Sarajevo, Abschluss in Zagreb. 1967 Dissertation in Komparatistik und Ästhetik an der Sorbonne in Paris. 1991 verließ er seine Heimat und wählte sich eine Position zwischen Asyl und Exil. 1994 verteidigte er an der Sorbonne seine Habilitation für den Status als ordentlicher Professor. Seit 1994 Professor für Slawistische Komparative Literatur an der Universität La Sapienza in Rom. Vizepräsident des Internationalen PenClubs und einer der Mitgründer der Assoziation Sarajevo in Paris und Rom. Seine Erzählung “Das andere Venedig” erscheint erstmals in Deutsch.
 
  Die Übersetzerin:Alida Bremer, geboren 1959 in Split, Kroatien. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Romanistik, Slawistik und Germanistik in Belgrad. Langjährige Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lektorin an den Universitäten in Münster und Gießen. Zahlreiche Übersetzungen aus dem Kroatischen, Serbischen und Bosnischen (Gedichte, Prosa, Theaterstücke, Essays von Antun Šoljan, Janko Polic Kamov, Ivana Sajko, Milena Markovic, Bora Cosic, Slavenka Drakulic, Dragan Velikic, Veljko Barbieri, Miroslav Krleža, Tin Ujevic, Asmir Kujovic, Milko Valent, Edo Popovic u. a.).

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