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Ulrich Tukur
Die Seerose im Speisesaal

Claassen
2007
208 Seiten
€ 18,-


Von Alemanno Partenopeo am 14.10.2007

  „Eine Lüge ist eine Lüge und 100 Lügen sind die halbe Wahrheit“, steht - auf Italienisch – als Zitat auf der ersten Seite dieses Buches. Und es wird dem Kellner des Due Torri am Campo Santa Margarita mit Namen Loredan zugeordnet. Aber Loredan war sicherlich nicht der erste, der diese Worte sprach oder sich dachte. Die Kurzgeschichten von Ulrich Tukur, der spätestens durch seine Verkörperung des Stasioffiziers Anton Grubitz in „Das Leben der anderen“ den meisten gebildeten - und halbgebildeten - Zeitgenossen ein Begriff sein dürfte, eröffnen einen ganz persönlichen Blick auf die Lagunenstadt und dabei kommen die Halbwahrheiten sicherlich auch nicht zu kurz.
 
  Ulrich Tukur ist nämlich nicht nur ein bekannter Schauspieler, sondern auch ein Bewohner Venedigs, jener einzigartigen Stadt, der er auch sein erstes selbst geschriebenes Buch zugeeignet hat. Schon 2005 veröffentlichte Tukur eine CD mit dem Titel „Venedig“ (sehen Sie dazu die Rezension auf dieser Buchseite: http://www.buchkritik.at/kritik.asp?IDX=4019), die dieser, seiner großen Liebe gewidmet ist: Venedig, im besonderen der Insel Giudecca.
 
  Und wie auf dieser CD, die auf Interviews mit Bewohnern Venedigs basiert, erzählt Tukur auch in vorliegendem Buch Geschichten von Venezianerinnen und Venezianern, echten menschlichen Originalen, die er in seiner Nachbarschaft, auf der Giudecca, kennen gelernt hat. Da wäre die 96-jährige Rosa, die älteste Bewohnerin der Insel, die sogar Puppen zum Sprechen bringt - zumindest bis sich für Tukur alles nur als böser Traum herausstellt. Denn seine „Bambola“, die sprechende Puppe, ist in Wirklichkeit seine Frau K.(von Tukurs Neigung zur Abkürzung von Namen wird noch zu sprechen sein). In der mit „La Bambola“ übertitelten Geschichte wird auch deutlich klar, dass es Tukur weniger um die Protagonisten seiner Erzählungen, etwa die genannte 96-Jährige, geht, sondern vielmehr um sein eigenes Befinden; eine Eigenschaft, die gerne unter „deutscher Innerlichkeit“ subsumiert wird.
 
  Überhaupt scheint Tukur in seinem Buch ganz gerne die Realität mit Träumereien zu vermischen, Wahrheiten mit Halbwahrheiten eben. Auch sein verstorbener Hund spielt da eine Rolle, wenn er sich in einer Wolke auflöst, um sich noch einmal von seinem Besitzer zu verabschieden. Oder ein überdimensionales Osterei und die Geschichte von Bruno und dem eingemauerten Mann. Wenn Tukur in der Anordnung der Türklingeln des ehemaligen deutschen Konsulats den Schnauzbartträger (Adolf Hitler) zu erkennen glaubt, wird einem schon etwas bange um die weitere Handlung. Selbstverständlich ist dies nur ein Produkt der Phantasie und Tukur spielt eben, vermischt wirklich Erlebtes mit eigenen Ideen und Tagträumereien und vielleicht macht gerade das ihn so manchem sympathisch. Manche Erfindungen kommen aber dennoch zu gewollt und aufgesetzt daher: der Sohn eines russischen Oligarchen, der auf einem Empfang über die Kleider der Gäste kotzt, (hier, wo es angebracht wäre zu anonymisieren, schreibt Tukur übrigens den vollen Namen: aber ich nicht!) oder die Pointe der Ostereigeschichte. Am peinlichsten wirkt aber die Liebesgeschichte einer Schauspielerin mit AH, die Tukur mit in einer Schuhschachtel gefundenen Liebesbriefen nachzuweisen versucht, um dann im Epilog zu sagen, dass „komischerweise“ die Briefe in der besagten Schuhschachtel von seiner Putzfrau Ivana entsorgt worden wären. Als würde es nicht reichen, dass sich Angelina, die Autorin der Briefe, unter der Reiterstatue vor der Kirche SS Giovanni e Paolo in regenpeitschender Nacht mit dem Diktator in spe getroffen habe. Gut erfunden ist eben noch lange nicht wahr, aber schlecht erfunden und schlecht erzählt wird auch durch Wiederholung (siehe oben) nicht wahrer. Und schon gar nicht besser.
 
  Kurzgeschichten, an deren Ende sich ein Epilog befindet, sind ohnehin nur mit Vorsicht zu genießen, denn dieses Genre verträgt einfach keine Moral und schon gar nicht eine Berichtigung des zuvor Gesagten, Geschriebenen. Entweder Tukur erzählt eine Geschichte und überlässt es dem Leser selbst zu entscheiden, ob dies nun gut erfunden oder einfach nur gut erzählt ist, oder er lässt es lieber. Beides. Das Erzählen und das Erfinden. Eine andere Kleinigkeit die mich - als Leser - in den Wahnsinn getrieben hat, ist Tukurs Hang zur Abkürzung von Namen. Hier also mein „Epilog“:
 
  Während man das Abkürzen von Namen zum Schutz der Persönlichkeitsrechte bei einzelnen Fällen und im Kontext etwa von Verbrechen noch verstehen könnte, bringt es einen hier, in Tukurs Buch, tatsächlich zur Weißglut. Was um Himmelswillen soll der Schutz der Persönlichkeitsrechte, wenn ein Schauspieler von seinen Regisseuren erzählt, bei denen er gearbeitet hat. Als ob man das nicht mit einem fixen „Google“ rausfinden könnte, wen er da meint. Wenn wenigstens danach (nach der Abkürzung der Namen) eine Geschichte über den liederlichen Lebenswandel der betroffenen Personen oder irgendeine andere verdammte Kritik kommen würde, aber nein, nichts! Tukur treibt es mit dieser Macke zur Spitze, wenn er auch noch den Namen seiner Frau abkürzt, die auf der letzten Seite des Buches, im Impressum, dann mit vollem Namen als Fotografin aufscheint. Wozu also den Leser mit diesen stupiden abgekürzten Buchstaben quälen? Er hätte ja auch einfach Namen erfinden können, nachdem in seinen Geschichten ohnehin schon die Grenzen zwischen erfunden und wahr so verschwommen sind. Ihre etwaigen zukünftigen Leser würden es Ihnen jedenfalls danken, Herr Tukur!
 
  Ulrich Tukur, 1957 in Viernheim geboren, studierte Germanistik, Anglistik und Geschichte, bevor er an die Staatliche Schauspielschule Stuttgart ging. Noch zu Studienzeiten spielte er in Michael Verhoevens Film „Die weiße Rose“, später wurde das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg unter der Leitung von Peter Zadek zu seiner künstlerischen Heimat. Tukur bevorzugt die abgründigen, zerrissenen Figuren, er brillierte als Andreas Baader ebenso wie als Hamlet, Jedermann oder Bonhoeffer und zuletzt als Stasioffizier Anton Grubitz in dem mit einem Oscar ausgezeichneten Film „Das Leben der Anderen“. Der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Schauspieler lebt mit seiner Frau, der Fotografin K., in Venedig.

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