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Petros Markaris
Balkan Blues

Diogenes
2007
Übersetzt von Michaela Prinzinger
224 Seiten
€ 8,90


Von Alemanno Partenopeo am 14.10.2007

  Neun Geschichten über Athen. Aber in diesen Kurzgeschichten stehen nicht die Griechen im Mittelpunkt, sondern die Einwanderer. Sie kommen aus Albanien, Bulgarien und Russland und das Zusammenleben mit den Einheimischen gestaltet sich nicht immer einfach und am wenigsten harmonisch. Markaris beschreibt eine Welt in der es kaum einen kulturellen Austausch gibt und nur wenig Kommunikation, zwischen Bewohnern und Zuzüglern.
 
  Und wenn, dann ist dieser Austausch sogar brutal. Etwa in der Geschichte von dem alten Mann und dem kleinen Mädchen, in dem es so ganz an jeder Moral mangelt und man sich selbst anstrengen muss eine Pointe zu finden. Petros Markaris hat nicht die Absicht zu beurteilen, er beschreibt nur und dies manchem vielleicht allzu drastisch und realistisch. Wenn am Ende der Vater des schwarzen Einwanderermädchens den alten Griechen in seiner Wohnung erschlägt sollen nicht gängige Vorurteile bestätigt werden, sondern die Wirklichkeit in seiner ganzen Brutalität gezeigt werden. Und die ist eben nicht politisch korrekt.
 
  In einer anderen Geschichte wird dem erfolgreichen griechischen Lokalbesitzer seine Tochter, auf deren gutem Aussehen der Erfolg seines Restaurants beruht, ausgerechnet von einem russischen Mafioso abgeworben. Dieser zündet ihm bald das Lokal an und bietet ihm danach die Ausstattung für ein neues „Odessa“ (der Name des Lokals) und 40 Prozent vom Gewinn. Jetzt schlägt der anfangs Widerspenstige ein und verlangt die Hälfte. Aber was er nicht wissen konnte: er wird für seine Tochter arbeiten. Warum, das erfahren Sie, wenn Sie die Geschichte selbst lesen. Die Bestandsaufnahme der griechischen Realität fällt in jedem Fall bitter aus, das werden sie bald auch in dieser Geschichte bemerken. Und das obwohl das Land doch eigentlich in Aufbruchstimmung sein sollte.
 
  Die Geschichten stammen nämlich aus 2004, das Jahr in dem die Griechen die Fußballeuropameisterschaft gewonnen haben und die Olympiade anstand. Mit neuerwachtem Patriotismus feierten die Griechen ihre Feste und ihre Erfolge, eine Chance das Land neu darzustellen und neu zu erfinden. Auch Kommissar Charitos, der hier erstmals in der Eröffnungskurzgeschichte vorgestellt wird, nimmt davon Notiz und er wäre auch viel lieber wie alle anderen Athener draußen auf der Straße, um den em-Titel zu feiern. Aber er muss arbeiten und die Filiale der Al-Kaida in Griechenland bekämpfen. Bis sich herausstellt, dass die Griechen selbst ihre eigene Al-Kaida haben, aber das müssen Sie selbst entdecken, genauso wie die Griechen.
 
  Petros Markaris, geboren 1937 in Istanbul, ist Verfasser von Theaterstücken, Schöpfer einer
 beliebten griechischen Fernsehserie, Co-Autor von Theo Angelopoulos (Regisseur von ›Der Bienenzüchter‹, ›Der Blick des Odysseus‹ etc.) und Übersetzer von vielen deutschen Dramatikern, u.a. von Brecht und Goethe – zuletzt übertrug er Faust i und ii in Versform ins Griechische. Sein Kommissar Kostas Charitos ist die griechische Variante von Wallander, Montalbano oder Brunetti genannt, aber vergleichen Sie selbst. Petros Markaris lebt in Athen. Mehr Geschichten von Kommissar Kostas Charitos finden Sie übrigens bei Diogenes, auch das erst kürzlich erschienene
 „Der Grossaktionär“ (2007).

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