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Ekkehard Eickhoff
Venedig - Spätes Feuerwerk
Glanz und Untergang der Republik (1700 – 1797)

Klett-Cotta
2007
456 Seiten
€ 29,50


Von Alemanno Partenopeo am 14.10.2007

  Als der 27-jährige Napoleon Bonaparte, zwei Wochen nach der Vermählung mit Josephine Beauharnais, im März 1796 den Oberbefehl über die Armée d`Italie übernahm und über die Grenzen Italiens bis nach Mailand marschierte, war auch bald das Schicksal Venedigs besiegelt. Der Doge Ludovico Manin stellte das Wohl einer „geliebten Bevölkerung“ über einen heroischen Widerstand und auch der Große Rat entschied sich gleichermaßen. „Nie hatte ein feindliches Heer in der mehr als 1000jährigen Geschichte Venedigs die Stadt betreteten. Mit bloßen Drohungen brachte der Korse sie ohne Schwertstreich in seine Gewalt“, so formuliert Eickhoff die Übergabe der Stadt an die Franzosen. Und zur Enttäuschung der revolutionären Franzosen blieb ein Aufstand der venezianischen Bürger gegen ihre Adeligen aus. „Es fehlte der soziale Sprengstoff dafür. Es fehlten Haß und Verbitterung von Unterdrückten. Nobili, Bürger und Volk hatten alltags und vor allem beim Feiern zu dicht und zu familiär zusammengelebt.“, so Eickhoff.
 
  Und genau dieses Zusammenleben im Jahrhundert vor dem Ende der Republik, beschreibt Eickhoff, der die Feste, Feiern und Feuerwerke so gewissermaßen als Tanz am Abgrund eines Vulkans erscheinen lässt. Denn am Ende des ausgelassenen Lebens stand die Fremdherrschaft erst durch die Franzosen und dann durch die Österreicher. Beinahe wie eine göttliche Strafe für die vorher begangenen Sünden stellt Eickhoff das Ende der venezianischen Republik dar. Und wahrlich, der Sünden gab es viele in diesem Venedig des 18. Jahrhunderts!
 
  „Im venezianischen Karneval vereinten sich Volk und Besucher zu einem vieltausendköpfigen Ensemble von Mitspielern – debattierlustige, spielwütige Individuen, alle maskiert.“ Und um die soziale Komponente des Karnevals und ihre Auswirkungen auf das Zusammenleben der verschiedenen Schichten der Bevölkerung zu charakterisieren schreibt Eickhoff:
 
  „Aber die Festkostümierung setzte die ständische Hierarchie außer Kraft, ein von den meisten Einheimischen genossenes und für fremde Besucher faszinierendes Phänomen. Sie erlebten in dieser Republik, wo doch alle Macht bei den Nobili lag, einen lockeren Umgang von Adel, privilegierten Bürgern und einfachem Volk miteinander. Man grüßte sich nicht mehr `Eccelenza´, sondern `Siora Maschere´.“ Der Karneval hatte gewissermaßen eine Revolution a la francaise überflüssig gemacht. Aber damit nicht genug. Der Karneval war nämlich mitnichten das einzige Fest im Venedig des 18. Jahrhunderts:
 
  „Der Karneval währte hier länger als überall sonst, denn er begann schon mit dem Angelusläuten nach Sonnenuntergang am ersten Wochentag im Oktober. Aber wenn er überall sonst Aschermittwoch zu Ende war, so lebte er in Venedig zu Himmelfahrt unter anderem Namen, im Volksfest der Sensa, wieder auf. Diese führte mit Messe und Schaustellungen auf der Piazza und mit dem Sposalizio del Mar, der Vermählung des Dogen mit dem Meer, zwei Wochen lang zu einem turbulenten Finale.“
  Eine zeitgenössische Denkschrift eines gewissen Francesco Maria Preti, Architekt, empfahl - aufgrund der desaströsen Auswirkungen der zahlreichen Feste auf die Ökonomie der Republik – nur Weihnachten und Christi Himmelfahrt zu begehen und die übrigen 50 (!) venezianischen Feste auf einen Sonntag zu legen. Natürlich blieb es bei einer Empfehlung.
 
  Venedig hatte im 18. Jahrhundert nicht nur sechs Opernbühnen und mehrere Theater (Stichwort: Goldonis, Gozzi), sondern auch weit über 100 Casini (Stichwort: Casanova). Am Markusplatz allein soll es 30 Kaffeehäuser gegeben haben, in einem von diesen soll übrigens auch Mozart sein erstes Sorbet geschlürft haben. Vivaldi, Goethe, Casanova und Montesquieu hatten auf dem venezianischen Karneval, bei prunkvollen Regatten und auf den Empfängen der schönsten Damen Italiens in den vielen Palazzi am Canal Grande ein Rendezvous, oder vielleicht sogar in einer der berühmten verhüllten Gondeln auf dem Canal Grande, in denen man ohne störende Blicke allen Lastern gleichzeitig frönen konnte.
  Auch gab es in diesen unzähligen „Salons“ der Damen, in deren Genuss auch ein gewisser Rousseau immer wieder gekommen sein soll, so manche andere Lustbarkeit zu entdecken. Eickhoff geht sogar soweit, dass Rousseaus Erfahrungen als Diplomat in Venedig später zu seinem Hauptwerk „Contrat social“ geführt haben sollen. Auch die Frauen waren gewissermaßen emanzipiert. Die „Kapriole des Rokoko“, wie es der Autor nennt, nämlich sich als reiche Dame einen „Cicisbeo“ zu halten, war allgemein verbreitet und anerkannt und es galt als anstößiger diesem die Treue zu brechen, als dem eigenen Ehemann, behauptet jedenfalls Eickhoff. Ein Sündenpfuhl so groß, dass selbst die Inquisition nicht mehr mit Verurteilungen nachkam, könnte man also meinen.
 
  Aber Eichoff zeichnet auch das Bild eines intellektuellen Venedigs. Durch seine Buchdrucke und Bibliotheken galt es als einer der größten Buchmärkte von ganz Italien. Obwohl umstrittene Texte etwa von Newton, Voltaire, Rousseau oder Diderot auf dem Index standen, wurden sie in Venedig gedruckt und auch gelesen und das sogar in verschiedenen Sprachen! „Die Lagunenstadt hatte vollen Anteil am geistigen Leben Europas“, konkludiert Eickhoff und vermag es mit seinen Exkursen auf Personen, Geschichte, Türkenkriege und Kaffeekränzchen ein Bild eines Venedig zu zaubern, in dem wir alle viel lieber gelebt hätten, als in dem heutigen.
 
  Ekkehard Eickhoff, geboren 1927 in Berlin, habilitierte sich 1973 für mittelalterliche und neuere Geschichte an der Universität Stuttgart. Seit 1953 gehörte er dem Auswärtigen Dienst an, arbeitete an den Botschaften in Kairo, Bern und Ankara sowie in der Ostabteilung des Auswärtigen Amtes. Er war Botschafter in Südafrika, Irland und in der Türkei und leitete die KSZE-Delegation der Bundesrepublik Deutschland in Wien. In seinen Büchern und Aufsätzen behandelt er Themen der mediterranen und südosteuropäischen Geschichte und deren Bedeutung für die Geschichte Deutschlands und Mitteleuropas. Andere Bücher von ihm, die ebenfalls bei Klett Cotta erschienen sind: „Macht und Sendung. Byzantinische Weltpolitik”; „Kaiser Otto III. Die erste Jahrtausendwende und die Entfaltung Europas”.

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