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Giovanni Francesio / Enzo Russo
SIZILIEN
Mythos, Kunst und Kultur

Hirmer Verlag
2003
Übersetzt von Susanne Kubersky-Piredda
320 Seiten
€ 75,-


Von Alemanno Partenopeo am 30.09.2007

  Die Ansicht des Ätna von Taormina aus mit dem im 19. Jahrhundert restaurierten Turm der Badia Vecchia und auf der Rückseite die Kuppeln und der Kreuzgang von San Giovanni degli Eremiti in Palermo schmückt den Schutzumschlag dieses prunkvollen Fotobandes aus dem Hause Hirmer. Dazwischen entfaltet sich die ganze Pracht sizilianischer Kultur: von den Griechen über die Römer zu den Byzantinern, Arabern und schließlich den Normannen und Staufern. Sizilien zu besitzen bedeutete in der Vergangenheit den Schlüssel zum mare nostrum, dem Mittelmeer, zu haben und darum stritten sich alle diese Kulturen. Wenn Enzo Russo in seinem Vorwort Schwierigkeiten hat, das sizilianische Volk zu definieren, so ist es doch genau das, was es ausmacht, nämlich ein Konglomerat aus allen diesen Eroberervölkern und ihren Nachkommen. Nirgendwo habe man so stark das Gefühl, dass das Land allen gleichermaßen gehört, wie in Sizilien, schreibt er, „Und wenn ein Land so reich ist an Relikten der Vergangenheit, dann wird es in historischer und moralischer Hinsicht zum Kulturgut der Menschheit“.
 
  Eine Annäherung an dieses Kulturgut der Menschheit wird in vorliegendem opulenten Buch in vier Kapiteln dargestellt. Im ersten widmen sich die Herausgeber dem antiken Sizilien, das vorwiegend von Griechen und Römern beherrscht wurde und im zweiten Kapitel wird das mittelalterliche Sizilien beschrieben. Allein der Besuch des Doms von Monreale lohne schon einen Besuch Siziliens. „Die ganze Anlage der Kirche, das Portal, der Kreuzgang mit seinen Arkaden und der Mosaikendekor im Inneren auf über 6000 Quadratmeter versinnbildlichen eine Synthese von Ethnien, Kulturen und Traditionen und vermitteln einen Eindruck des Mystischen und Göttlichen jenseits der einzelnen Religionen, die auf der Insel aufeinander gefolgt sind und sich überlagert haben.“ Aber auch viele arabische Einflüsse lassen sich festmachen, wie schon die auf der Rückseite des Schutzumschlags befindlichen Kuppeln der Kirche San Giovanni degli Eremiti dem Betrachter zeigen. Der normannische Einfluss wiederum lässt sich an der Admiralskirche von La Martorana oder dem Dom von Palermo, der Cappella Palatina und im Normannenpalast bemerken, während das Innere wiederum mehr einem Palast eines Emirs gleiche, als dem eines europäischen Herrschers. Aber das hier aufgezählte sind nur einige Beispiele, die sich allein schon in der näheren Umgebung von Palermo oder Palermo selbst befinden.
 
  „Wer das Privileg gehabt hat, mit einem Schiff die ganze Insel zu umrunden, der hat unweigerlich den Eindruck gewonnen, viele Länder auf einmal gesehen zu haben“, schreibt Enzo Russo. „Von den Windmühlen der Salinen von Trápani über die tropenartige Oase von Vendicari in der Provinz Syrakus bis hin zu den Basaltfelsen von Catania und der langen Reihe von Stränden an der Südküste der Insel, von der geisterhaften petrochemischen Anlage bei Gela, die an ein außerirdisches Raumschiff erinnert, das vergeblich abzuheben versucht, bis hin zur ewig-zeitlosen Säulenreihe des Concordia-Tempels von Agrigent.“ Die Vielfalt dieser Insel ließe sich noch an vielen weiteren Beispielen festmachen, so reich ist nicht nur die Kultur, sondern auch die Natur dieses stets umworbenen Fleckchens Erde.
 
  Im dritten Kapitel widmet sich das Buch der Zeit der Renaissance und des Barock, in dem es zu einer schlecht verwalteten spanischen Provinz heruntergewirtschaftet wurde und kontinuierlich von türkischen Piraten bedroht wurde. Über diese Greuel der Fremdherrschaft hinaus wütete auch die Inquisition und dennoch schaffte es Sizilien später eine eigene Sonderstellung des Barock hervorzubringen, der sich in Serpotta Putti oder den grotesken Monstern der Villa Palagonia auch heute noch manifestiert. Wie die Autoren schreiben, war auch die Renaissance in Sizilien nur als Sonderstellung im europäischen Rahmen zu bewerten: eine „sizilianische Renaissance“ als künstlerische Konzeption habe es zwar nicht gegeben, sie äußerte sich nicht als eine Stilrichtung, „das heißt als Resultat eines kulturellen, philosophischen und künstlerischen Entwicklungsprozesses, die vom Architekten bis zum Maler Meister aller Künste gleichermaßen prägte, sondern vielmehr im Wirken einzelner herausragender Künstlerpersönlichkeiten“. Die „Gagini-Schule“ zum Beispiel ist eine Vertreterin der Renaissance, die sich bis ins 16. Jahrhundert hinein fortsetzte und auch grundlegend für den darauf folgenden sizilianischen Barockstil werden sollte. Als berühmtestes Beispiel des Barock in der Straßenarchitektur Palermos seien hier nur die Quattro Canti erwähnt, die auch als Piazza Vigliena bekannt sind.
 
  Das vierte und letzte Kapitel behandelt das Sizilien des 19. und 20. Jahrhunderts und ist das in seinem Seitenumfang am dünnsten ausgefallene. Es beginnt mit der „Grand Tour“ des 18. Jahrhunderts, das auch so illustre Gesellen wie Johann Wolfgang von Goethe nach Sizilien gebracht hatte. Wie die Autoren schreiben wurde das, was wir heute als die Hauptwerke der sizilianischen Kultur bezeichnen, allerdings von diesem ignoriert, Monreale zum Beispiel. Das ausgehende 18. Jahrhundert war dann vor allem von Reformen, Revolten und Revolutionen geprägt. Die Bourbonen machten ihren Machtanspruch weiterhin deutlich, befanden sich aber auf dem Rückmarsch und Garibaldi machte ihnen bei Marsala schließlich den Garaus. Jedoch brach keinesfalls eine Zeit der Freiheit an, sondern vielmehr jene der „Leoparden“. Auch das 20. Jahrhundert brachte zwar politisch wenig Erfreuliches für die Insel, dennoch wurden einige bedeutende Werke des Jugendstils (Villa Florio, Villa Salerno) oder das Theater Massimo in Palermo geschaffen. Den Abschluss bildet ein Ausflug in die Malerei, wie etwa das Gemälde von Renato Guttuso geschaffene „La Vucciria“, das den berühmtesten Markt von Palermo zeigt: um die hier zur Schau gestellten Früchte Siziliens stritten sich seit zweitausend Jahren die verschiedensten Völker, bekommen haben sie am Ende die Sizilianer selbst, die auch einen Teil dieser anderen Völker in sich tragen.

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