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Kerstin Grether
Zuckerbabys

Suhrkamp
2006
ISBN-13: 9783518457818
€ 8,50


Von Volker Frick am 11.09.2007

  Der Roman mit dem pluralischen Titel erschien bereits 2004 im Ventil Verlag. 'Sugar Baby Love' von den Rubettes erinnert wohl kaum einer, und findet darob keine Erwähnung in diesem Roman der 1975 geborenen Autorin, die als Redakteurin bei Spex, und bei MTV gearbeitet, für Intro und frieze geschrieben hat. Aber ansonsten eine ganze Menge von Musik qua name-dropping in diesem Roman. Die Liste ist elend lang. Bands wie Blur, Garbage, Nirvana, durchatmen, Pet Shop Boys, Red Hot Chili Peppers, Metallica, AC/DC, Bon Jovi, durchatmen, R.E.M., durchatmen, Tocotronic, Corrs, durchatmen, und Take That. Die Toten Hosen. Bunte Mischung, denn da sind Tina Turner, Madonna, Alanis Morissette, Christina Aguilera, Björk, Mariah Carey, und irgendwo taucht selbst Judith Butler auf. Aber auch Jimi Hendrix, Bob Dylan, durchatmen, Phil Collins, Elton John, Falco. Und irgendwo taucht selbst Greil Marcus auf. „Ich knipse an einem Jim-Morrison-Feuerzeug herum“. Und ganz viele Zeilen von song-lyrics.
  Die Protagonistin hört auf den Namen Sonja (23), ist Medien-Designerin, macht in Comics, und da sind dann folgerichtig Micky, Kicky und Ricky. „Denn das sind Kicky und Ricky: eine Band.“ Eine Zwei-Frauen-Rock'n'Roll-Combo mit dem schönen Namen 'Museabuse'. Aber da ist auch Allita, die „schlaue Diplom-Psychologin und Medien-Schlampe“, oder Melissa Melloda - „Sie heißt tatsächlich so.“
  Dem Buch, es hat zwei fast gleich lange Kapitel, betitelt „Elan“ und „Hunger“, vorangestellt ist ein Zitat von Morrissey. Vorab des ersten Kapitels ein Zitat von Pink, voran des zweiten erneut ein Zitat von Pink. Und eines von Naomi Wolf: „Man teilt die Rechnung, aber man hat keine Mahlzeit miteinander geteilt.“
  Das Ende des ersten Kapitels wird getragen durch den Satz „Der Traum ist aus und der Sommer macht müde.“ Doch zuvor schon: „Der Herbst wird kommen und kein neues Leben in Sicht.“
  Keine Klavierspielerin ist es hier, sondern in der Eingangssequenz dieses Romans die Gesangslehrerin: immer gut drauf, und Verstärkerin. Auf Seite 154 zwei Sätze, die an Jelinek erinnern: „Der Schwindel in den Beinen ist eine Not.“ Und: „Mit einem Niesen kommt ein Halsweh hoch, die leichte Kleidung ist meine Liebe.“
  In einer nuancenreichen Sprache teils angestrengter Intensität, nebst überraschenden Wortbildungen, ist hier der physische Hunger als Ausdruck tiefster Verzweiflung und überschäumender Lebensgier erzählt. So grotesk muss sich in unserer Welt der Mensch entstellen, dem nivellierenden Pluralismus eines Zirkus sich einzufügen. „Immerfort wollte ich, daß ihr mein Hungern bewundert“, sagt der Hungerkünstler in Kafkas gleichnamiger Erzählung.
  Qua pubertärem Post-Pop-Panoptikum wird in diesem Roman Magersucht thematisiert bzw. gelungen erzählt. Dieser Roman ist weit mehr als nur für den kleinen Hunger zwischendurch.

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