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Marianne Gilbert
Das gab´s nur einmal
Verloren zwischen Berlin und New York

Diogenes
2007
Übersetzt von Renate Orth-Guttmann
301 Seiten
ISBN-13: 9783257065800
€ 22,90


Von Alemanno Partenopeo am 09.09.2007

  Der amerikanische Originaltitel „Memories of a Mischling. Becoming an American” charakterisiert den Inhalt dieser Lebenserinnerungen wohl etwas besser als der einem Schlagertext entliehene deutsche Titel. Auch die Anspielung an Orwells „Down and Out in Paris and London“ hätten sich die Herausgeber meines Erachtens sparen können, denn die Lebensgeschichte von Marianne Gilbert ist auf einer erzwungenen Flucht begründet und keineswegs eine freiwillige Geschichte gewesen, insofern ist diese humoristische Anspielung wohl eher fehl am Platze, aber bitte. Der Großvater der Autorin wurde der „Napoleon der Grammophonindustrie“ genannt und als „König der Berliner Operette“ gefeiert und musste 1933 aus Deutschland flüchten: Jean Gilbert, geborener Max Winterfeld. Aber auch der Vater der Autorin setzte mit seiner Frau dieses Erbe fort und wurde Übersetzer und Dichter bekannter deutscher und amerikanischer „Musicals“.
 
  Marianne, die Autorin, ist gerade mal acht Jahre alt, als die Eltern sie aufgrund eines affidavit of support nach Amerika mitnehmen können. Nicht alle jüdischen Flüchtlingen aus Europa hatten so viel Glück, ihr Onkel etwa wurde zuerst in Frankreich interniert und konnte erst später nach Amerika nachkommen. Welche Freude, als zumindest dieser Teil der Familie wiedervereinigt werden konnte, noch dazu während in Europa ein grausamer Krieg tobte und Hitler ihn auch noch zu gewinnen schien. Der „Mischlings“tocher, wie sie sich selbst bezeichnet, fällt die Integration in Amerika nicht unbedingt leicht, auch wenn sie sich redlich bemüht und fleißig Englisch lernt. Für die Amerikaner haftet nämlich ein Makel auf diesen seltsamen Einwanderern aus Europa: sie sind einerseits Juden, aber andererseits eben auch Deutsch und deswegen als Feinde im eigenen Land zu betrachten. Dabei ging es ihnen in den USA noch gut: in Frankreich wurden Juden aus denselben Gründen interniert, und das noch bevor es vom Deutschen Reich okkupiert wurde natürlich.
 
  Integration und Assimilation unter den erschwerten Bedingungen des Krieges sind also die Themen dieses autobiographischen Werkes und sie lassen einen einfühlsam teil nehmen und werden an der Geschichte der heranwachsenden Marianne. Dabei spart sie auch nicht mit Ausführungen über das amerikanische Essen und andere kulturelle Unterschiede an die sie sich erst gewöhnen musste. Zumindest eines musste die Familie nie: Hunger leiden und das war schon ein wesentlicher Vorteil gegenüber dem Leben in Europa. „Aber Essen hatten wir immer auf dem Tisch, und zwar keine Bettelportionen, sondern gute, abwechslungsreiche Kost, bei der sowohl kulturelle Vorlieben als auch persönliche Macken zu ihrem Recht kamen.“ Ihre Eltern beschreibt sie mit den Worten: „Sie war schön, ungebildet und besitzergreifend. Er war genial, geistreich, sexuell amoralisch und offenbar außerordentlich attraktiv für Frauen, obwohl ich ihm diese Rolle eigentlich nicht zutraute.“ Sie selbst kam sich in der gemeinsamen Wohnung wie ein „ausgespießter Schmetterling“ vor. Mit dem traurigen Ende ihrer ersten großen Liebe endet dieser autobiographische Roman und lässt aus dem Kind eine Teenagerin und schließlich Erwachsene werden, die sich alleine in New York durchkämpft. Ihre Eltern beschlossen nämlich in das zerbombte Deutschland zurückzukehren und Marianne blieb alleine zurück in New York und begann ihre Karriere…
 
  Marianne Gilbert Finnegan wurde 1931 in Berlin geboren und musste aufgrund ihrer jüdischen Herkunft 1939 mit ihren Eltern nach New York emigrieren. Dort arbeitete sie bald als Professorin und Buchhändlerin und unterrichtet auch heute noch an einer Seniorenuniversität in Saratoga Springs, New York. Sie hat drei Kinder und war bis zu seinem Tod 25 Jahre lang glücklich mit Walter Finnegan verheiratet. Ihre Eltern sind berühmt: Elisabeth und Robert Gilbert. Sie war eine Sängerin aus protestantischem Elternhaus und er ein jüdischer Texter, der die „deutschen“ Texte schlechthin schrieb: „Ein Freund, ein guter Freund“, „Das muss ein Stück vom Himmel sein“; „Im weißen Rössel am Wolfgangsee“, „Das gibt’s nur einmal“, und noch viele andere mehr…

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