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Giampiero Carocci
Kurze Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs
Der Einbruch der Industrie in das Kriegshandwerk

Wagenbach
2006
Übersetzt von Friederike Hausmann
160 Seiten
€ 10.90 [D] 11.30 EUR [A] sFr 19.70


Von Alemanno Partenopeo am 09.09.2007

  Der amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 wird gerne als Krieg zur Sklavenbefreiung gesehen, doch die Entwicklung die zu ihm geführt hatte, war weitaus komplexer als diese Vereinfachung vorgaukelt. Der Bürgerkrieg war vor allem ein Ergebnis unterschiedlicher wirtschaftlicher Entwicklung und zweier verschiedener Akkumulierungsmodelle des Kapitals. Der Norden hatte mit seiner Industrialisierung und seinen industriellen Investitionen von 850 Millionen Dollar, seinem steten Bevölkerungszuwachs aus Europa ein schier unerschöpfliches Reservoir an wirtschaftlicher Kapazität. Zudem verfügte er über ein weitaus bessere Infrastruktur: 30.000 Kilometer Eisenbahnnetz verbanden die wichtigsten Zentren und führten zu einem regen wirtschaftlichen Austausch. Der Süden war hingegen viel isolierter und von Großgrundbesitz und einer analphabetischen Bevölkerung geprägt, wirtschaftlicher Feudalismus und Sklavenhandel trug zur Ächtung durch den Norden und Europa zusätzlich bei. Auch was die Bevölkerung betrifft ergab sich ein Verhältnis von zwei zu eins zugunsten des Nordens: insgesamt lebten 1860 ungefähr 30 Millionen Menschen in den USA.
 
  Die Nachfrage nach Baumwolle auf dem Weltmarkt nahm ab Anfang des 19. Jahrhunderts ständig zu und aus Mangel an Arbeitskräften wurden Sklaven aus Afrika importiert. Dies führte zu immer stärkeren Auseinandersetzungen, obwohl, - wie Carocci betont – gar nicht alle Sklaven so schlecht behandelt wurden, wie die Abolitionists des Nordens (Gegner der Sklaverei) behaupteten. „Insgesamt scheinen die Sklaven weniger hart gearbeitet zu haben als die Tagelöhner auf den Farmen des Nordens“, schreibt Carocci. Auch folgende Aussage mag überraschen: „Während jedoch die Schwarzen im Norden (...) zwar frei waren, aber in vielen Fällen diskriminiert wurden, war der Süden nicht rassistisch“. Natürlich will Carocci damit die Grausamkeit mancher Sklavenhalter nicht schmälern, es gibt ihm vielmehr um die Zurechtrückung einer Illusion. Den Ausschlag gaben schließlich die vom Norden eingeführten Zölle, die dem Süden den Export ihrer Baumwolle verteuerte. Das Wort „Sezession“, verfassungsmäßig legitim, da die USA ein Staatenbund und kein Bundesstaat war, wurde immer häufiger von beiden Seiten im Munde geführt.
  Mit der Wahl Abe Lincolns zum Präsidenten entzündete sich bald jener Funke, der das Pulverfass zur Explosion bringen sollte. Der erste „moderne“ Krieg begann und nahm in seiner Form der Materialschlacht die noch kommenden des 20. Jahrhunderts vorweg. Und ein wesentlicher Faktor darf nicht außer Acht gelassen werden: „Der Krieg beschleunigte die an sich schon stürmische Wirtschaftsentwicklung des Nordens gewaltig. Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Verhältnisse war die Wirkung vergleichbar mit dem Wirtschaftsaufschwung der USA nach den beiden Weltkriegen unseres Jahrhunderts.“ Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der Süden diese für den Norden positive Entwicklung ausgelöst hatte.
 
  Doch dies ist erst der Auftakt des Bürgerkrieges. Giampiero Carocci spürt den Ursachen, Zusammenhängen und Folgen jener Entwicklungen nach, aus denen die Vereinigten Staaten Amerikas als Großmacht hervorgingen und erzählt diese Geschichte so spannend, dass einem der Atem stockt. Ohne den Bürgerkrieg wären die USA wahrscheinlich gar nicht zu der Großmacht aufgestiegen unter deren Namen man sie heute kennt. Erst der Bürgerkrieg entfesselte die Produktivkräfte, die die US-amerikanische Wirtschaftsmacht schließlich über den ganzen Erdball ausbreitete. Eine Zeittafel und bibliographische Hinweise sowie zahlreiche s/w Abbildungen ergänzen den Band zu einer wertvollen Darstellung des dunkelsten Kapitels der amerikanischen Geschichte. Und es Aufstiegs einer Nation.
 
  Giampiero Carocci, geboren 1919 in Florenz, studierte Literatur, Philosophie und Geschichte. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Journalist, später als Dozent für moderne Geschichte an der Universität in Rom, wo er auch heute lebt.

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