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Dieter Richter
NEAPEL
Biographie einer Stadt

Wagenbach
2005
301 Seiten
€ 13,90


Von Alemanno Partenopeo am 04.09.2007

  Als Teil der Magna Graecia geht Neapel auf eine griechische Gründung im fünften vorchristlichen Jahrhundert zurück und war schon damals kosmopolitisch wie keine andere zuvor. Dem Römischen Weltreich eingegliedert wurde es ob seiner herausragenden geographischen Lage bald zu einem Anziehungspunkt reicher Römer, die ihre Villen am Posillipo (griech.: der Sorgen Ende) ansiedelten. Das alte Neapel und die umliegende Landschaft, Kampanien, mussten tatsächlich ein Paradies gewesen sein, wenn man den Beschreibungen seiner Zeitgenossen glauben darf. Vergils „Campania felix“ wurde bald zum Inbegriff einer sinnesfrohen und tugendfernen Gegend, in der man sich allen Genüssen ohne Reue hingeben durfte.
 
  In seiner groß angelegten „Biographie einer Stadt“ schildert Dieter Richter, was aus diesem Jahrhunderte über die Jahrhunderte hinweg wurde und wie es vom sprichwörtlichen Schlaraffenland bald zu einem von „Teufeln bewohnten Paradiese“ wurde. Der Zeitrahmen von Richters Erzählung wechselt denn auch bald ins 17. Jahrhundert in dem sich das Cuccagna („Schlaraffenland“) zu dem entwickelte als das es heute zumeist wahrgenommen wurde: eine Stadt im Würgegriff der Lazzaroni (der armen Massen), die trotz ihrer Schönheit ihrer Armut nicht Herr wird. Als 1631 der Vesuv und 1647 die Revolte von Tomasso Aniello (genannt: Masaniello) ausbrach war für die meisten internationalen Beobachter der Stadt klar: Neapel war mehr als nur ein Tanz auf dem Vulkan! Neapels Geschichte war stets Teil der europäischen und hatte als solche auch Konsequenzen für diese: immerhin wurde die rote neapolitanische Fischermütze Aniellos später als „phrygische“ Mütze der französischen Revolution und ihrer Jakobiner bekannt und eine Aufführung einer Oper Daniel Aubers („La Muette di Portici“) führte zur belgischen Revolution von 1830 und die Erklärung der Unabhängigkeit des Landes.
 
  Dieter Richter legt auch Wert darauf zu betonen, dass Neapel bis zum 19. Jahrhundert immer noch – neben London und Paris – zu den größten und wichtigsten europäischen Städte gehörte, eine Stadt auf die Bezug genommen wurde und spätestens mit der „Grand Tour“ Teil des europäischen kulturellen Erbes wurde. Die „drei F“ Neapels , Feste, Farina, Forca (Feste, Mehl und Galgen) wurden bald zum Synonym der Stadt und dazu gehörten auch die ersten Opernaufführungen Europas, bei denen es für heutige Opernbesucher vielleicht noch etwas befremdlich zuging. Das Teatro San Carlo gibt es heute noch und ist gleich bei der Galleria Umberto zu besichtigen, eines der ersten Opernhäuser der Welt übrigens.
 
  „Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet nunc/Parthenope;“ (Mantua brachte mich zum Leben, Kalabrien nahm es mir und Neapel birgt mich) steht auf dem Grab Vergils und viele Generationen von Lateinschülern mussten diese Worte auswendig lernen. Und so wie Vergil haben ihm viele andere nachgesprochen: „Neapel sehen und sterben“. Interessant sind diese und viele andere Aussagen über Neapel von Zeitgenossen, die Dieter Richter akribisch zusammengetragen hat und dem Leser in diesem interessanten Neapel-Buch vorstellt. Da lernt man etwa einen sozial engagierten Goethe kennen, der über die Lazzaroni mutmaßt, dass „Ihr Müßiggang ist offensichtlich nicht selbst gewählt, sondern eine Folge der Not“, oder Victor Hehn, der meint, dass „diesem Volk (das neapolitanische, JW) alles zum Fest und das Leben zur Dichtung“ werde. Angelika Kauffmann weilte in Neapel und fertigte die Gemälde von König Ferdinand I. und Maria Carolina an, es gehörte im 18. Jahrhundert quasi zum guten Ton einmal in Neapel gelebt oder zumindest gewesen zu sein. Das schönste Kompliment, das dieser Stadt gemacht wurde, stammt allerdings tatsächlich von Goethe: seinen ersten Besuch dorten bezeichnete er als „einen zweiten Geburtstag“. Generationen von lernwilligen Gelehrten taten es ihm später gleich und traten in seine Fußstapfen, trotz der Strapazen, die eine solche Reise damals nach sich zog. Von Rom nach Neapel man damals vier Tage, heute kann man die Strecke in eindreiviertel Stunden bewältigen. Ein Grund mehr Dieter Richters Buch auf den Grund zu gehen und im Cafè Scaturchio in eine frisch gemachte Sfogliatella beißen und den Tag Tag sein lassen, um das Leben inmitten des Paradieses zu genießen.
 
  Dieter Richter wurde in Hof/Bayern geboren, studierte Germanistik, Altphilologie und Theologie. Seit 1972 ist er Professor für Kritische Literaturgeschichte an der Universität Bremen. Von ihm liegen auch viele andere Bücher im Wagenbach Verlag vor, wie zum Beispiel: „Der Vesuv. Geschichte eines Berges“, „Carlo Collodi und sein Pinocchio“, u. a.

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