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Julian Rathbone
The last English King

Brettenham House
381 Seiten
ISBN-13: 9780349109435


Von Christel Schweitzer am 30.07.2007

  „The last English King“ beginnt mit einer „Author’s Note“. In dieser entschuldigt sich Rathbone vorab, dass bei genauerer Betrachtung der historischen Details an manchen Stellen ein vom Autor bewusst eingesetzter Anachronismus erkennbar ist. Indizien dafür, dass der vorliegende Historienroman auf fundierten Recherchen basiert.
 Die verwendete Sprache ist ellaboriert – bis auf manche Dialoge – und im idiomatisch modernen Englisch komplett mit „four letter words” und feiner Ironie gehalten, natürlich auch durchwirkt von antiquiertem Vokabular.
  Julian Rathbone ist englischer Schriftsteller und wurde am 10. Februar 1935 in Blackheath, London geboren. Zweimal wurde er für den “Booker Prize” nominiert. Er besuchte das Magdalene College, Cambridge. Nach seinem universitären Abschluss beschloss er Englisch Lehrer zu werden. Einige seiner Arbeiten sind: Diamonds Bid, 1967, Hand Out, 1968, With My Knives I Know I'm Good, 1969, Trip Trap, 1972, Kill Cure, 1975, Bloody Marvellous, 1975, King Fisher Lives, 1976 (vorgeschlagen für den “Booker Prize“, 1976), ¡Carnival!, 1976, A Raving Monarchist, 1977, Joseph, 1979 (vorgeschlagen für den „Booker Prize“, 1979), etc., etc. Das vorliegende Werk wurde 1997 zum ersten Mal publiziert.
  „The last English King“ ist eine Rahmengeschichte, die zwischen Prolog und Epilog eingebetet liegt. Der Prolog spielt im Jahre 1070 als der Protagonist – lediglich „Wanderer“ genannt – mit einem kleinen Boot in England landet und auf beschwerlichem Wege durch ein vom Krieg verwüstetes und stummes Land zu seinem Heimatdorf in Wessex unterwegs ist. Es sind nicht nur die zerstörten Hütten und Häuser, die niedergemetzelten, geschundenen und tagealten Leichen am Wegesrand und die allerorts vollen Galgen, die ihm das Herz abschnüren, es ist die Einsicht „…He had seen such fortified barns in Normandy and knew what they meant: riches and over-abundance for the lord, short commons for the men and women who worked the land – mules and horses were treated better…“ (Seite XV) Bei seinem Dorf angekommen wird er von einem Jugendlichen, Fred sein Name, den er aus besseren Tagen kannte, gerufen und mit den Worten begrüßt:“…We heard they never found your body. You should have come back sooner. We needed you.“ (Seite XV) Fred zeigt Walt, dem Wanderer, dessen eigenes ehemaliges Heim:“…In the largest bower, nearest the mead-hall, sitting right in the centre, on an ancient blackened chair, two figures sat, a woman and a child, burnt down to an armature of blistered, black clinker…Erica – the Wanderer’s wife, and the child conceived before the battle…” (Seite XVI – XVII)
  Auf 375 Seiten und in 54 Kapiteln lässt Rathbone seinen Hauptdarsteller, wohlwollend aus der Perspektive des epischen Erzählers betrachtet, durch Europa bis in den Nahen Osten wandern. Diese anfangs ruhe- und ziellose Wanderschaft, die im Geschichtsverlauf immer mehr an Struktur und Richtung gewinnt, ist eigentlich nichts anderes als eine Flucht vor der eigenen Vergangenheit und Suche nach Vergebung und Vergessen.
  Man erfährt dass der Wanderer irgendwie über den Kanal gebracht wurde, mehr tot als lebendig und dass er bei und von Menschen lebte, die eine deutsche Sprache verwendeten (zu dieser Zeit gab es zwischen Anglo-Sachsen und Mitgliedern germanischer Stämme noch keine Verständigungsprobleme). Er wird zwar von diesen Menschen geheilt, sein Armstumpf, wo vormals die linke Hand war, behandelt, aber die tiefen Wunden in seiner Seele schmerzen. Für diese scheint es keine schnelle Heilung zu geben. Zwei Monate arbeitet er für den Heiler um seine Schuld abzuzahlen, dann macht er sich auf seine ziellose Reise. Als der derart umherirrende Wanderer in Konstantinopel auf Quint trifft, einen - wie man später erfährt – ehemaligen, von der Kirche enttäuschten, Mönch, wird der verstümmelte Protagonist mit seinem vollen Namen vorgestellt: Walt Edwinson. Nun dem Leser namentlich bekannt, werden die Konturen der Charaktere schärfer und die Wanderschaft erhält Richtung und Sinn.
  Quint ahnt nicht nur, dass Walt in seinem verkrüppelten Körper eine geschundene Seele mit sich herumträgt, die nach Frieden und Erlösung schreit, er erkennt auch, dass Walt ein ganz besonderes Schicksal sein Eigen nennt. Quint, der sich selbst als „a scholar of the human condition and an observer of life” bezeichnet, beginnt sich für Walt zu interessieren. Quint erklärt Walt:“…that a pilgrimage to the place of Our Lord’s Crucifixion,…undertaken in a spirit of contrition wipes out sin…“ (Seite 14). So hätten sie zwar das selbe Ziel, nicht aber die gleichen Beweggründe dorthin zu reisen:“…I’m going that way myself, though not, I have to say, out of any desire to wipe out sin…perhaps we could travel together…” meint Quint einladend zu Walt. “…In fact, he never made it to Jerusalem for at that moment, in the Constantinian Forum of Byzantinum, Walt’s redemption had begun…” (Seite 14). Walt hat kein Geld und als Krüppel zu dieser Zeit auch Mühe welches zu verdienen, Quint hingegen ist in bescheidenem Ausmaß liquid und er ist glücklich über die Gesellschaft, die Walt ihm bieten könnte. Möglicherweise verbirgt sich ja hinter der stummen, gequälten Fassade Walts auch eine interessante Geschichte, die zu hören Quint Walt ermutigt. Der Anfang der gemeinsamen Reise, trotz Abenteuern und dem Zusammentreffen mit anderen interessanten Charakteren, gestaltet sich ein bisschen wie Besuche bei Onkel Freud. Soll heißen, Quint ist nicht nur ein exzellenter Zuhörer, er weiß auch wann aufmunternde Worte notwendig sind,… mancher heutige Psychotherapeut würde vor Neid erblassen…
  Es kristallisieren sich ab dem dritten Kapitel zwei Handlungsstränge heraus: der gegenwartsbezogene Plot, in dem Walt Quint trifft und wieder im Alltag Fuß fassen lernt, und der in Retrospektive geschilderte zweite Plot, die Geschichte, die Walt zuerst nur Quint, später auch ihren gemeinsamen Weggefährten erzählt. Hierbei handelt es sich um seine schicksalhafte Vergangenheit. Der Wechsel zwischen den Handlungssträngen ist meist markant und angekündigt – Lagerfeuer- und Einschlafgeschichte. Selten, aber doch, springt die Geschichte ohne Vorwarnung von einer Ebene in die andere, wenn z.B., Walt träumt oder in Gedanken versunken ist.
  Der interessantere Handlungsverlauf ist ohne Frage Walt Edwinsons Lebensgeschichte als Berufssoldat, genauer Leibwache von Harold Godwinson:“…One of a chosen group of warriors, closest to their lord, sworn to fight for him and defend him…” (Seite 24), doch ist auch die andere Ebene nicht reines Beiwerk.
  Walt hat, wie schon erwähnt, in Quint einen formidablen Zuhörer. Anfangs erkennt Walt leicht befremdet, dass, obwohl Quint durchaus gelehrt und gebildet ist – weit mehr als dies bei Walt der Fall ist – Quint Vorurteile hat:“…Slaves?“ „Slaves but-…“ „But you treat them well,…“ „Walt sensed irony, felt a tremor of anger.“ „Lord? We are not lords, …Every man should have a lord. So my father is the manor lord of these people, but above him is his lord, the Earl of Wessex, Harold Godwinson, and above Harold, saintly King Edward, and above Edward-God.“ „The Pope?“ “Fuck the Pope.” „…It is a system where every voice in the land is heard from the base of the pyramid to the top…“ (Seite 18-19) Zum besseren Verständnis der anglo-sächsischen und keltischen Lebensart und Sitten schweift Walt in der Erzählung aus. Er berichtet über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zur Zeit Edwards, des Bekenners.
  Edward, der Bekenner ist jener König unter dem die alten anglo-sächsischen und keltischen Bräuche noch existierten, die Welt in Godwinsons Reich noch in Ordnung ist. Zwar Normanne bei Erziehung, gelingt es dem homosexuellen Edward seine anglo-sächsischen und keltischen Untertanen zu verstehen und in ihrem Sinne zu regieren. Im Alter, schwer von der Zuckerkrankheit gezeichnet, wendet er sich Gott zu und führt ein keusches, fast asketisches Leben, was ihm viel Bewunderung seitens seines Volkes einbringt. Durch taktisch kluge Staatführung gelingt es ihm außerdem die mächtigsten Familien – darunter die Godwinsons – hinter sich zu wissen. Die Rechtssprechung ist in Edwards Augen barbarisch, doch zeigt sich hier lediglich der Unterschied zwischen der alt-germanischen Art der Rechtsauslegung und der römischen (siehe Seite 56). Die sog. Englische Kirche zu jener Zeit darf nicht mit den normannischen Mönchen, die in Edwards Schlepptau nach England gekommen sind, verwechselt werden (siehe Seite 55), außerdem wird zu Edwards Zeit auch noch die sog. Alte Religion praktiziert (siehe Seite 54).
  Rathbone zeichnet im Vorfeld der eigentlichen Lebensgeschichte Walts ein sehr strukturiertes und verständliches Bild vom damaligen England. Der Unterschied zwischen normannischer Lebensweise und der anglo-sächsischen-keltischen ist mehr als evident. Der Ausflug in die Vor-Harold’sche Geschichte ist deshalb so wichtig, denn nur dadurch versteht der Leser die von Hoffnung und Ohnmacht genährte Verzweiflung in der Verteidigung Englands gegen Wilhelm, den Eroberer. Ich sage hier bewusst Vor-Harold’sche Geschichte, weil Harolds Regierungszeit sehr kurz war und von den Vorbereitungen zum Verteidigungskrieg und dem Krieg selbst überschattet war, d.h., in Harolds Regentschaft fallen keine staatstragenden Neuerungen oder gesellschaftspolitischen Veränderungen. Wilhelm, der Bastard, der in der kleinen Normandie als Herrscher gelitten wurde, ständig von den Nachbarregenten in Grenz- und Kleinkriege verwickelt, hatte mit dem Krieg gegen England nichts zu verlieren, hingegen Harold und seine Landsleute, die sich zum ersten Mal in der Geschichte Englands als „Engländer“ fühlten, alles!
  „Harold sighed. He turned his gaze back to the harbour below. Angles, Danes, Jus, Saxons and even, from the western shires and the Kentish forest, Celt. They were united as they had never been before and all called themselves English, after the Angles…” (Seite 286)
  Walts Lebensgeschichte hängt eng mit Harolds Aufstieg und Fall zusammen. Als treuer Soldat folgt er seinem Herren überall hin, nur, ein einziges Mal verweigert ihm sein Gewissen, sein Überlebensinstinkt diese Loyalität, als nämlich er, nicht Harold, die Schlacht in Hastings überlebt: „Harold got killed.“ „Walt wanted to live. He wanted to go back to Iwerne, to Erica, to the hearth. These were the things he was fighting for. In that critical moment he turned his back on a millennium in which the mead-hall, the feasting, the boasting, the oaths, the training, the loyalty, above all the loyalty to the Chief, dominated the lives of young thegns and housecarls. To die for one’s chief in the shield-wall might still be the greatest glory but to live amongst one’s family and people and serve them is better than glory…He walked away from the battle with three insufferable burdens: guilt that he had not died with Harold, guilt that he had allowed the hearth to betray him, guilt that he could not force himself back to Iwerne where he knew he would now be more desperately needed than before…” (Seite 378)
  Die Geschichte ist erzählt und der Moment gekommen, in dem Walt – seelisch stabiler, vielleicht sogar ein wenig gesundet – seine(n) Weggefährten verlässt und beschließt zurück nach England zu reisen: „We’re sailing in five minutes, he called.“ „But not with me. I’ve travelled enough” “…explanations, expostulations, resignation, thanks especially from Walt to the travellers…and, above all, to Quint: For looking after me when I could not look after myself, for talking to me and listening to me, for helping me to-…” ”To understand?...I think you’ll find it’s been a healing experience. …He used the Greek word – therapeutic…” (Seite 358)
  Der Epilog schließt den Bogen um beide Handlungsstränge, sachte wird der Beginn des Prologs in die letzen Sätze des Epilogs verwebt, hier endet Walts alte Geschichte. Seine Zukunft ist ungewiss, so ungewiss, wie die Englands…
  Das Ende überlässt es dem Leser – trotzdem das Buch vor Wertungen strotzt – das Urteil über die normannische Eroberung zu fällen.
  Ein brillantes Buch, historisch korrekt, penibel recherchiert, sehr wertvoll, als Roman spannend und bewegend: absolut lesenswert!!!

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