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Paul Auster
Reisen im Skriptorium
(Travels in the Scriptorium)

Rowohlt
2007
Übersetzt von Werner Schmitz
160 Seiten
ISBN-13: 9783498000745
€ 16,90


Von Volker Frick am 05.07.2007

  Paul Auster hat einen neuen Roman geschrieben. Ein alter Mann sitzt auf der Kante eines schmalen Bettes, die Hände ausgestreckt auf seinen Knien, Kopf nach unten auf den Boden starrend. Mr. Blank ist, gleich der leeren Seite für den Schriftsteller, mit diesem Namen perfekte Projektionsfläche für den Leser. Mr. Blank weiss weder, wo, noch wer er ist. Er ist nicht mehr in der Lage, die Situation zu bestimmen. Gewidmet ist dieses Buch dem Anfang 2004 verstorbenen Schwiegervater von Paul Auster: Lloyd Hustvedt.
  Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch. Die Körperfunktionen und das angeblich leitende Organ driften auseinander. Inkontinenz. Austers Freund Don DeLillo fiel mir ein, und dessen jüngstes Theaterstück „Love Lies Bleeding“. Darob dachte ich, Demenz et al., dachte mal wieder: Metaphysische Dunkelheit, postmoderne Selbstreferenzialität. Auf dem Tisch ein Typoskript, Fotos. Ja, es könnte eine Kriminalgeschichte von Beckett sein. Eine willkommene Rückkehr zu dem, was dieser Autor kann.
  Ein weiteres Typoskript, welches Mr. Blank dann später liest, beginnt mit denselben Worten wie das Buch, welches der Leser gerade liest … „The old man sits on the edge of the narrow bed, palms spread out on his knees, head down, staring at the floor.“ In „Hinter verschlossenen Türen“ (im Original „The Locked Room“), der dritten Geschichte der „New York-Trilogie“, sagt der namenlose Erzähler: „Bestenfalls gab es ein einziges armseliges Bild: die Tür eines verschlossenen Zimmers. (…) Dieses Zimmer, entdeckte ich nun, befand sich in meinem Schädel.“ Mr. Blank findet keine eindeutigen Hinweise, ob die Tür des Raumes verschlossen ist oder nicht. Es schlichtweg zu überprüfen kommt ihm nicht in den Sinn.
  Zweifelsohne ein befremdliches Buch von Paul Auster. Die weiteren Personen dieses Romans, dessen erste Seiten nahe legen, ihn nicht als Erzählung zu nehmen, sondern als einen Bericht zu verstehen, sind Besucher, oder die Besucher sprechen von ihnen, als da sind Anna Blume (aus „Im Land der Letzten Dinge“), David Zimmer („Das Buch der Illusionen“), Peter Stillman („Stadt aus Glas“), Benjamin Sachs („Leviathan“), Walt Rawley („Mr. Vertigo“), Fanshawe („Hinter verschlossenen Türen“), John Trause („Nacht des Orakels“), Marco Fogg („Mond über Manhattan“), und und und ... und selbst noch die Geschichte in der Geschichte, die sich, auch das für einen Roman von Paul Auster nicht ungewöhnlich, im ersten Typoskript, welches Mr. Blank liest, findet, ruft Erinnerungen an ein Buch hervor, welches Paul Auster vor einigen Jahren übersetzte: „Chronicle of the Guayaki Indians“ von Pierre Clastres.
  Das Schicksal eines Schriftstellers vorgeführt als philosophische Flugschrift über das Schreiben, als Meta-Roman, der den Leserinnen und Lesern der Romane von Paul Auster qua Wiedererkennung angemessene Unterhaltung bietet, andererseits dürfte der Autor einen Mordsspass gehabt haben, denn was nun von Literaturkritikern und -wissenschaftlern als Exegese an- oder aufgeboten werden wird, ist absehbar.
  Wie aber werden jene diesen Roman lesen, die zuvor den Namen Paul Auster lediglich gehört haben? Und was macht Mr. Blank? Er fragt sich, wie er aus diesem Raum, der das Buch ist, welches geschrieben wird solange er in diesem Raum ist, herauskommt.
  Ein neues und überraschendes Buch von Paul Auster, tatsächlich scheint er sich auf seine Anfänge als Schriftsteller besonnen zu haben, was auch ein Zitat aus „Im Land der letzten Dinge“ unterfüttert: „Mr. Frick glaubte wirklich, ich wäre von den Toten auferstanden.“

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