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Joris-Karl Huysmans
Gegen den Strich

dtv
2007
Übersetzt von Brigitta Restorff
207 Seiten
ISBN-13: 9783423130981
€ 9,50


Von Alemanno Partenopeo am 16.07.2007

  „Der Protagonist, Graf Jean des Esseintes, konstrueirt sich eine ästhetische Gegenwelt zur Banalität der zeitgenössichen Gesellschaft und sucht in immer neuen luxuriösen Raffinements sinnliche Genüsse und intellektuelle Reize.“, so schreibt Maximilian Gröne im Lexikon der Weltliteratur. Als „Bibel der Dekadenz“ wird das Buch vom Verlag bezeichnet und in seiner Exzentrik als „einmalig“ klassifiziert. „Im Mittelpunkt des Buches (...) steht Floressas Des Esseintes, wirklich ein ´Einsamer´, letzter Sproß eines alten Adelsgeschlechts, krank und neurotisch, der seine Tröstungen im Irrealen, im Künstlichen und Exotischen sucht.“, schreibt im Nachwort Ulla Momm. In der Phantasiegestalt werden Huysmans´ geheime Wünsche verdichtet, „in ihrer krankhaften Sensibilität, ihrem Ekel vor der Mittelmäßigkeit, ihrem Verlangen nach neuen, ganz besonderen Empfindungen sind er Autor und sein Protagonist ein und dieselbe Person.“ Und im Namen seines Helden verrät sich schon die Absicht, die Zielrichtung der Träume des Autors: Des Esseintes ...des Saintes (Heilige), des Essences (Essenz), des Enceintes (Wälle, abgeschlossener Raum). Ein Sammelsurium von Assoziationen also, allein der Name.
 
  Das „Psychogramm eines Autisten“ (R. Hess) liest sich wie ein Abgesang auf den Naturalismus, auf die Natur, auf das Natürliche. Man mag Einflüsse von Schopenhauers pessimistischer Weltanschauung darin finden oder Baudelaires Verherrlichung alles Künstlichen und Verfeinerten unter dessen Einfluss Huysmans als Zeitgenosse sicherlich stand. Auch Mallarmé freute sich, wie der Autor den Nerv der Zeit getroffen hatte: „Hier ist es, dieses einmalige Buch, das geschrieben werden musste...und das in keinem anderen literarischen Moment als jetzt!“ Huysmans hatte unbewusst den Nerv der Zeit getroffen und wurde zu einem Vorreiter der Literatur des 20. Jahrhunderts.
 
  „Wir wollen Farbe, nicht nur Schatten!“ könnte das literarische Motto sein und wir finden kraftvolle Vergleiche und Ausdrücke des von der Welt enttäuschten Protagonisten. So beschreibt er den Zeugungsakt an einer Stelle zum Beispiel mit den Worten: „(...) auf Kissen aus Fleisch zu keuchen und bis zum letzten Tropfen die heftigsten und bittersten der sinnlichen Rasereien auszuschöpfen“. Oder: „Er hatte die Mahlzeiten des Fleisches mit dem Appetit eines launischen Mannes angerührt, den krankhafte Esssucht überfällt, Heißhunger heimsucht und dessen Gaumen rasch abstumpft und Ekel empfindet.“ Gewaltige Worte, treffende Sätze, die auf das Schwarze abzielen und mitten hinein sich Bohren: in das Herz der Empfindungen und Emotionen. „Ernüchtert, allein und erbärmlich leergepumpt fand er sich wieder und erflehte ein Ende, das die Feigheit seines Fleisches ihm verwehrte.“
 
  Wer wissen möchte, welches Ende einem blüht, der der Menschheit völlig den Rücken kehrt, der sei gewarnt: es könnte Sie von der Nachahmung abhalten und damit ihr Seelenheil gefährden. Ein großes Buch, aber auch ein großes Wagnis!
 
 
  Joris-Karl Huysmans wurde 1848 in Paris geboren und ist 1907 auch dort gestorben. ER hieß eigentlich Charles Marie Georges und benutzte das Pseudonym, weil er im Staatsdienst arbeitete. Er war lange Zeit Angestellter des Innenministeriums in Paris, wo er, von Aufenthalten in Klöstern und kurzen Reisen abgesehen, immer lebte. Von seinen Zeitgenossen gefeiert, gilt er als prominenter Vertreter der literarischen Dekadenz wie als Wegbereiter der Symbolisten. Gerade „A rebours (Gegen den Strich)“, das erstmals 1884 erschien, markiert des Autors Abkehr vom Naturalismus mit dem er sich zuvor einen Namen gemacht hatte.

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