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Regine Igel
Das andere Venedig
Wahre Kriminalgeschichten aus der Lagunenstadt

Lamuv
2004
264 Seiten
ISBN-13: 9783889776419
€ 16,80


Von Alemanno Partenopeo am 10.05.2007

  Dass Venezianische Kriminalgeschichten inzwischen ein eigenes Genre sind mit dem sich Millionen-Auflagen und auch Fernsehzuschauer erreichen lassen, scheint kein Geheimnis mehr zu sein. Aber beruhen diese vielen Kriminalfälle auf tatsächlichen Begebenheiten oder sind sie völlig frei erfunden? Die Autorin, Regine Igel, geht vor allem dieser Frage nach, wenn sie in ihrem Buch immer wieder Vergleiche zu einer amerikanischen Krimiautorin, deren Name ich hier nicht nennen will, zieht. Es scheint Regine Igel geradezu ein Anliegen zu sein, zu beweisen, dass diese Krimiautorin tatsächlich recht hat und ihre Ideen aus der Realität bezieht. Aus einer düsteren venezianischen Realität.
 
  Im ersten Kapitel „La Fenice“ brennt beschreibt die Autorin minutiös das größte Unglück in der Geschichte der Oper. Eines der schönsten Opernhäuser, das in seiner Geschichte den weltweiten Ruhm der italienischen Oper mitbegründet hatte, brannte am 29. Januar 1996 zum dritten Male (!) in seiner Geschichte ab. 1637 war an derselben Stelle das Musikdrama „Andromeda“ von Benedetto Ferrari uraufgeführt worden und trug wesentlich zur Etablierung Venedigs als Musikhauptstadt Europas bei. Erstmals brannte es 1791 ab und 1836 verwüstet ein weiterer Brand das Fenice. Aber 1996 handelte es sich – anders als in den ersten beiden Fällen- um mutwillige Zerstörung. Wie man später nachweisen konnte, wurde ein Kabelbrand gelegt, damit die Firma die Pönale für das verspätete Fertigstellen nicht zahlen musste. Aber wenige Jahre später (2003) erstrahlte das Theater wieder in neuem Glanz wie der Phönix (ital.: Fenice) aus der Asche steht es heute schöner als zuvor an seinem angestammten Platz. Happy end? Die Schuldigen wurden zu sechs Jahren verurteilt, aber nur einer trat seine Haft an, weil der andere unauffindbar blieb.
 
  Dieser kleine Vorgeschmack auf die kriminellen Machenschaften in Venedig sollte Ihnen die Bandbreite des Verbrechens anzeigen: von Versicherungsbetrug bis Mafia finden Sie alles, was Sie eher im Süden Italiens vermuteten auch in Venedig. Wo viel Geld ist, wird auch viel Geld gewaschen, wo viel Licht, da gibt es umso mehr Schatten. Die reiche Serenissima ernährt einen Krebs an ihren Schlagadern und Regine Igel spürt die Ursachen dieser Skrupellosigkeiten schonungslos auf. Dass ohne „Deckung von oben“, wie die Autorin schreibt, die meisten Verbrechen gar nicht durchgeführt werden könnten, ist die bittere Pille, die die Leser ihres Buches schlucken müssen. In ihrem Kapitel über die Bombenleger vom Ordine Nuovo, einer rechten Geheimorganisation, schreibt sie: „Deckungen von Seiten des Geheimdienstes und anderer staatlicher Stellen haben so gut funktioniert, dass, neben falscher Verurteilungen Unbeteiligter und falscher Freisprüche für Mittäter, die wirklichen Bombenleger und ihre Helfershelfer in mehr als drei Jahrzehnten nicht ermittelt wurden“.
 
  Im letzten Kapitel nimmt sich die Autorin auch die ungeliebte Chemieindustrie von Porto Marghera, unmittelbar vor Venedig und am Canal Giudeccca vom Vaporetto aus tagtäglich zu bewundern, vor. Dort wurde seit den Sechzigern jahrelang PVC hergestellt ohne die betroffenen Arbeiter von der Gefährlichkeit der verarbeiteten Stoffe zu informieren. Gabriele Bortolozzo, ein Arbeiter der Petrolchemie, bringt den Stein erst Ende der Achtziger Jahre ins Rollen. Bald muss er feststellen, dass er der einzige Überlebende seines Trupps ist und seine Kollegen nicht einmal sechzig Jahre alt wurden. Bortolozzo beginnt zu Fragen warum. Was dabei zu Tage gefördert wird ist nicht nur skandalös für die betroffenen Arbeiter, sondern auch ein Politikum. In Porto Marghera wurde Senfgas für den Äthiopienkrieg erzeugt. Die Vernichtung von einfachem Leben hat also gewissermaßen Tradition in diesen Betrieben. Eine schaurige Entdeckung, die wieder einmal beweist, dass die Realität, die eine Journalistin aufdeckt der Phantasie einer Schriftstellerin um nichts nachsteht. Wir leben in einer Welt, die selbst das kränkste Hirn sich in seiner Phantasie nicht schrecklicher ausmalen hätte können.
 
  Gott sei dank gibt es Leute wie den Arbeiter Bortolozzo oder die Journalistin Regine Igel, die die Wahrheit ans Licht bringen. Solchen Leuten ist es zu verdanken, dass es die Welt überhaupt noch gibt. Und auch Venedig noch immer nicht untergegangen ist.
 
  Regine Igel studierte Sozialwissenschaften und Germanistik. Nach 18 Jahren kehrte sie 2001 aus Italien nach Berlin zurück und arbeitete als freie Autorin unter anderem für die SZ, die „Zeit“ und den Rundfunk. Andere Publikationen beschäftigen sich mit Berlusconi oder Giulio Andreotti. Für „Berlusconi – eine italienische Karriere“ wurde sie mit dem Bausch-Media-Förderpreis ausgezeichnet.

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