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Muriel Spark
Memento Mori

Diogenes
2018
Übersetzt von Peter Naujack
304 Seiten
ISBN-13: 978-3257070040
€ 24,-


Von Alemanno Partenopeo am 26.03.2007

  Dieser Klassiker der englischen Literatur erschien auf Deutsch erstmals 1960 und ein Jahr zuvor im Original. Er ist immer noch so köstlich und amüsant zu lesen wie wahrscheinlich schon vor fast 50 Jahren, da das Thema zeitlos ist: Alter und Tod. Die Kritiker überschlagen sich seither mit Lob, von einem „unsterblichen Roman über den Tod“ spricht die NZZ oder von einem „bösartigen, witzigen, makabren, schauerlichen, geistvollen, skurrilen“ Roman die ZEIT. Am besten brachte es sicher der Sender Freies Berlin auf den Punkt: „Wen im Zeitalter eines weltweiten Infantilismus und inmitten des allgemeinen Teenager-Taumels unserer Tage zuweilen ein Grauen ankommt, den wird Memento Mori mit fröhlichem Mut erfüllen.“ Was damals schon galt, gilt heute umso mehr.
 
  Da wäre erstmal der unverbesserliche alte Sünder Godfrey mit seiner hinreißenden, geduldigen Gattin Charmian und seiner unseligen Schwester Lettie. Der Kampf gegen Erbschleicher, seien es nun die „Götter in weiß“ oder die eigene Familie wird mit Humor getragen, und wie das Sprichwort sagt: „Alter schützt vor Torheit nicht“. Es entspinnen sich muntere Dialoge über das Erben und Sterben, den Tod und wie man auch im Altersheim seinen Humor bewahren kann. Manchen Lesern mag der Sketch und Fernsehfilm „Dinner for one“ von Freddie Frinton, der jedes Jahr zu Silvester ausgestrahlt wird, beim Lesen dieses Romans vor Augen sein und in den Sinn kommen. Tatsächlich sollte man die Unterhaltungen durchaus mit einem leicht näselnden, englischen Ton lesen, um so zu noch mehr Spaß zu gelangen! Das Zitat von Thomas Traherne, der einst in seinen „Centuries of Meditation“ mutmaßte: „Oh welch achtungsgebietende und ehrwürdige Geschöpfe schienen die Alten zu sein!“, wird an den Anfang dieses Romans gestellt. Lassen Sie sich mit trockenem englischen Humor vom Gegenteil überzeugen! Ihr Herz wird’s Ihnen danken!
 
  Muriel Spark wurde 1918 in Edinburgh, Schottland geboren. Sie konvertierte als Tochter eines jüdischen Ingenieurs erst zum Presbyterianismus, dann zum Katholizismus. Während des Zweiten Weltkriegs war sie Sekretärin im englischen Außenministerium gewesen, wo sie Falschmeldungen produzierte, um die Deutsche Heeresführung in die Irre zu führen. Als Journalistin und Herausgeberin arbeitete sie an ihrem Ruf, bis sie schließlich eine der produktivsten englischen Schriftstellerinnen wurde. Obwohl sie als sehr „english“ gilt lebte sie ab 1966 in Italien. 1993 wurde sie von der Queen zur "Dame of the British Empire" ernannt und darf sich auch „Dame“ nennen, so wie eine ihrer Protagonistinnen in vorliegendem Roman.

Von Hans Durrer am 23.04.2018

  Es gibt viele Schriftsteller, deren Namen einem zwar geläufig sind, deren Werke man jedoch nie gelesen hat – aus was für Gründen auch immer. Und wenn man dann einen oder eine von ihnen doch noch liest – aus was für Gründen auch immer – , wundert man sichmanchmal, wie man daran all die Jahre hat vorbei gehen können und freut sich, dass man sie doch noch entdeckt hat. Mir ist es mit Muriel Sparks 'Memento Mori' so ergangen.
 
  Es war in Brasilien gewesen, Anfang des Jahres, als Muriel Spark entweder im 'New Yorker' oder in der 'New York Review of Books' lobend erwähnt worden war, vielleicht aber auch anderswo, jedenfalls blieb mir ihr Name dieses Mal haften und ich war sofort fest entschlossen, etwas von ihr zu lesen – und war dann schon nach wenigen Seiten von 'Momento Mori' hell begeistert, dauernd musste ich schmunzeln und immer mal wieder laut heraus lachen, so scharf war ihre Beobachtungsgabe, so treffend ihr Witz, so britisch ihre Ironie.
 
  „Die Ampel ist rot“, sagte Lettie. „Und sprich nicht mit mir, als wäre ich Charmain.“
 „Lettie, bitte, ich brauche keinen Fahrunterricht. Ich habe die Ampel gesehen.“ Er musste scharf bremsen, und Dame Lettie rutschte ein Stück nach vorn.
 
  „Wenn er über sein eigenes Verhalten nachsann, dann dachte er nie 'ich', sondern immer 'man'.“
 
  V'Memento Mori' handelt vom Leben betagter Personen, die sich gegenseitig verdächtigen, senil zu sein, von Beerdigungen („Godfrey erkannte nicht sofort alle, denn da sie sich prüfend über die den Blumenspenden angehefteten Karten beugten, erblickte er nur eine Reihe von Hinterteilen.“) und Todesfällen („... obwohl ihm der allgemeingültige Grundsatz, dass der Tod jedem Menschen bevorsteht, durchaus bekannt war, vermochte er sich das im jeweiligen Einzelfall nicht vorzustellen.“), ständigen Testamentsänderungen und ausgesprochen skurrilem Verhalten. Reich an Situationskomik, ist dieses Buch ein ganz aussergewöhnlicher Lesegenuss, selten fühlte ich mich besser und intelligenter unterhalten – und bin ganz beglückt, dass viele der Szenen nachhallen.
 
  Vergesslichkeiten und Zusammenstösse mit dem Pflegepersonal sind an der Tagesordnung, Pläne, die dauernd wieder über den Haufen geworden werden, ebenso. Und auch die Gesundheit der zehn Greise ist nicht stabil und unterliegt mannigfachen Schwankungen.
 
  In diese Schilderungen, die wesentlich ums Alter kreisen, sind auch Krimi-Elemente eingebettet, denn Dame Lettie, eine der Protagonistinnen, erhält dauernd Telefonanrufe, bei denen sich eine Stimmer mit dem Satz meldet: 'Bedenke, dass du sterben musst.' und dann einhängt. In der Folge erhalten auch ihr Bruder, Godfrey Colston und seine Frau, die erfolgreiche Schriftstellerin, Charmian Piper, wie auch der Amateurgerontologe Alec Warner (eine wunderbare Figur!) solche Anrufe. Und auch der Detektiv ... Gestorben wird natürlich auch, rasch und ohne grosse Umstände.
 
  'Memento Mori' macht mich jubeln. Wegen Sätzen wie diesen. „Mrs. Anthony erkannte instinktiv, dass Mrs. Pettigrew eine nette Frau war. Ihr Instinkt irrte sich.“ Für solche Erkenntnisse braucht ein Psychologe mindestens ein Buchkapitel. Und auch so wirklich hilfreiche, praktisch-philosophische Ratschläge findet man in einschlägigen Ratgebern kaum. „Wenn ich noch einmal leben dürfte, würde ich mir angewöhnen, jeden Abend über den Tod nachzudenken. Ich würde mir den Tod sozusagen in Erinnerung rufen. Keine andere Übung lässt einen das Leben intensiver spüren. Wenn der Tod naht, sollte er einen nicht mehr überraschen. Er sollte Teil dessen sein, was man vom Leben erwartet. Ohne das ständige Bewusstsein vom Tod ist das Leben fade. Es ist wie ein Ei ohne Eigelb.“
 
  Scharfsinnig, nüchtern, psychologisch versiert, wunderbar witzig und wesentlich, so nehme ich Muriel Sparks 'Memento Mori' wahr. Auf mich wirkt das befreiend. Als das Buch 1959 auf Englisch erschien (die hervorragend ins Deutsch übertragene Neuveröffentlichung zeigt wieder einmal, dass wirklich gute Literatur zeitlos ist), war die Autorin 41 Jahre alt – es ist verblüffend, wie realistisch und akkurat sie die Greise (Frauen wie Männer) porträtierte. 'Momento Mori' ist ein höchst unterhaltsames und wunderbar lebenskluges Buch.

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