Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Ferdinand Ulrich
Gabe und Vergebung
Ein Beitrag zur biblischen Ontologie (=Schriften V)

Johannes Verlag/Einsiedeln
2006
833 Seiten
€ 49,-


Von Richard Niedermeier am 24.03.2007

  Das Gleichnis vom „verlorenen Sohn“, das uns das Lukasevangelium (Lk 15,11-32) überliefert hat, gehört zum Grundbestand christlicher Katechese. Denn wie kein anderes demonstriert es die unendliche Liebe Gottes zum Menschen, die auch all dessen Verirrungen noch auffängt und den reumütig aus der Fremde Zurückkehrenden mit Freude als Sohn, als Kind wieder annimmt.
  Gerade weil aber dieser Text so vertraut ist, verliert er in uns seine Herausforderung. Er wird zur Vorstellung eines Gottes, der schon mal alle Augen zudrückt vor unseren großen und kleinen Abweichungen, der am Ende dann doch alles sanktioniert, was gewesen war, zumindest wenn sich der verirrte Sohn ein wenig einsichtig zeigt. Eine solche Interpretation hat, sofern sie nicht in das „alles ist gleich-gültig“ verfällt,- dabei durchaus ihre Berechtigung angesichts des Zerrbildes vom strafenden Gott, das so viele Generationen geängstigt und das Erleben eines Kindschaftsverhältnisses zu Gott erstickt hat. Aber es steckt doch mehr in diesem Text, es muß mehr darin stecken, wenn dieses Gleichnis eine Selbstaussage Gottes sein soll.
  Der Philosoph Ferdinand Ulrich bringt in seinem Buch „Gabe und Vergebung das in unserem Bewußtsein erstarrte Gleichnis wieder zum Glühen. Er stellt es in Zusammenhang mit den großen Menschheitsgeheimnissen von Sündenfall und Erlösung durch Jesus Christus, spürt nicht nur das je und je individuelle Schicksal darin auf, sondern die Geschichte der Menschheit als ganze in ihrem Verhältnis zu Gott. Diese Onto-Dramatik des Gleichnisses hat eine christologische Mitte (und zugleich einen christologischen Schlüssel), die schon darin ihre Rechtfertigung hat, weil Christus selbst als Erzähler dieses Gleichnisses in das Gleichnis miteingegangen ist.
  So wird aus dem „verlorenen Sohn“ der Mensch schlechthin, der autonomer Herr über sich, über seine von Gott ihm geschenkte Gabe, und das ist letztlich seine ganze Existenz, seine „ousia“, wie Ulrich es formuliert, sein will. Dadurch verliert er den Bezug zu seinem Ursprung; er steht nicht mehr in dieser lebendigen Beziehung zum Vater, die ja eine Lebensbeziehung im Vollsinne des Wortes ist. Wir erkennen darin auch das Verschleudern des vom Vater genommenen Gutes; ist doch das Sichabschneiden vom Ursprung auch das Versiegen der Lebensquelle. Die in die Fremde führende Rebellion ist also kein dummer Jugenstreich oder ein pubertärer Ausfall; es ist eine Grundversuchung von uns Menschen, daß wir die Höhe unserer von Gott selbst gestifteten Beziehung zu ihm nicht zu halten vermögen und uns mit dem vermeintlich Sicheren in der Hand – es einfordernd - auf unsere Eigenwege machen. So leuchtet in diesem Buch immer wieder auf, daß der Mensch kein in die Welt gesetztes Etwas ist, sondern seine wahre Größe und Würde genau darin liegt, aus diesem Ursprung, aus dem Vater heraus zu sein, sich immer wieder neu zu empfangen. In der Tat, wer sich von diesem den Kern theologischer Anthropologie treffenden Gedanken Ulrichs inspirieren läßt, wird sein eigenes Leben ebenso wie die Geschichte der Menschheit mit anderen Augen sehen.
 Ulrich führt aber auch die Deutung des älteren, des daheimgebliebenen Sohnes über das allbekannte psychologische Neidschema hinaus. Er lebt, so sagt es Vf., den „Reichtum des Vaters nicht als restlos verschenkten“. Der ältere Sohn ist für Ulrich ein Heuchler, der seinen Gehorsam simuliert, dem es in Wirklichkeit aber nicht um den Willen des Vaters geht, sondern allein darum, sich selbst in diesem vermeintlichen Gehorsam zu gewinnen. Auch der ältere Sohn hat damit die Beziehung zum Vater schon längst gekappt, und so schildert ihn Vf. als einen Menschen bloßen Gesetzesgehorsams, der den lebendigen Willen des Vaters, seine Person also, nicht ertragen will. Eine sehr tiefe Schau der Geistesgeschichte führt Ulrich dazu, in beiden Söhnen Verkörperungen von Atheismus zu sehen.
  Nicht weniger beeindruckend als diese Verfalls-Geschichte ist die Deutung der Rückkehr des verlorenen Sohnes. Am Tiefpunkt seiner Existenz angelangt, wo alle Habe – und damit auch die Haltung des Habens, die Besitzmentalität - verloren ist, geht der Sohn in sich selbst, kehrt er auf sein eigenes und eigentliches Wesen hin zurück. Und genau hier, so sagt es Ulrich, erinnert er sich des Vaters und seiner „seinlassenden“ und frei-gebenden Liebe; er beginnt auf diese Liebe zu vertrauen und die „dialogische Differenz als Geheimnis der Liebes-Einheit mit dem Vater“ zu leben. Es fällt – nicht nur an dieser Stelle – auf, wie sehr Ulrich mit der Sprache ringt, wie er feinste Nuancen herausarbeitet, die dieses Drama in Gang halten. Die Sprache scheint, um das Ganze des Heilsgeschehens ansichtig werden zu lassen und sich nicht in einem bloßen Ausschnitt zu verlieren (und somit zur unzulässigen Auswahl, zur Hairesis zu werden), oft zu schweben. Aber dann folgt immer wieder der Umschlag ins Einfache, Bodenständige, wo jedes Wort nicht mehr auf ein anderes bezogen erscheint, sondern in sich selbst steht über einer ganz abgründigen Tiefe: „Mitten darin in seinem Nichts bricht das Geheimnis der Barmherzigkeit auf“ (557f.). Hier sind wir an einem Punkt, wo sich der Höhenflug des Denkens und der einfache, ganz schlichte Glaube, wie ihn die Heiligen gelebt haben, treffen. Es ist zugleich der Punkt, wo Wissen, intellektuelle Einsicht zur Weisheit, zur „sapientia“ wird, die allein das einfache Wort, den einfachen Glauben auszukosten („sapere“) vermag. Führen wir noch ein weiteres der zahlreichen Beispiele an: „Aber durch den Weg ‚in sich selbst hinein’ bejaht der Sohn sein Inneres liebend als sein ihm vom Vater umsons geschenktes Selbst, das aus dem Vater geboren ist“ (560f.). Darauf wieder der schlichte Kernsatz: „In dieser Mitte, im Raum des Innersten empfängt er das Erbarmen“ (ebda.). Keine Frage, daß dieser Rückweg zum Vater nicht äußere Unterwerfung, Fügung unter die überwältigende Macht des Faktischen oder nur Kalkül ist; es ist vielmehr ein „Durchbruch zur wahren Selbstursprünglichkeit des geschenkten Freiseins“ (561). Der Sohn erfährt sich selbst als geschenkt; er kann sich ganz dem Vater anvertrauen, sich auf seine Liebe „verlassen“ und so auch sein Leben nunmehr „gelassen“ leben. Es ist die Umkehr vom Totsein ins Leben, die sich hier vollzieht.
  Muß man tatsächlich noch erwähnen, wie notwendig diese Botschaft gerade für den Menschen von heute ist, der dabei ist, sich in immer neuen Emanzipations- und Autonomiebestrebungen eine Kultur des Todes zu errichten, der sein Leben in Einsamkeit und Unfruchtbarkeit vergeudet und verschleudert? Das Gleichnis, wie Ulrich es interpretiert, sagt uns aber auch: Habt keine Angst, zum Vater zurückzukehren; die Tore seiner Barmherzigkeit sind weit geöffnet, und ihr werdet bei ihm nicht Leere und Langeweile oder das Joch der Knechtschaft finden, sondern die Fülle des Lebens und der Freiheit. Ulrich entfaltet diesen Gedanken – und das zeichnet das ganze Buch aus – durch eine Kombination von theologisch-philosophischen und spirituellen Gedanken, wobei er besonders aus dem Reichtum der Kirchenväter und Theologen der Alten Kirche wie des Mittelalters schöpft.
  „Mein Sohn war tot und lebt wieder“ – darin ist für Ulrich mehr enthalten als nur die Rückkehr des Sünders in den väterlichen Ursprung. Hierin sieht er auch den Kreuzungspunkt zwischen der erzählten Beispielsgeschichte und der beispiellosen, einzigartigen Existenz des menschgewordenen Gottessohnes. Auch der ewige Sohn trennt sich vom Vater und begibt sich in seiner Menschwerdung in das Leere der Welt; aber diese Trennung geschieht als liebender Gehorsam in der Übernahme der Sendung vom Vater her. Es ist, wie Vf. es klar sagt, eine „Liebes-Trenung“, wobei der Sohn aus Liebe „vater-los“ wird, um die Vaterlosen zum Vater heimzuholen. Das Wort „Liebe“ steht vor jeder Begebenheit und Befindlichkeit des Lebens Jesu: Seine Armut ist eine „Liebes-Armut“ bis hin zur äußersten Form des Selbstverlustes, dem Tod. Auch der Tod Jesu ist völlige Hingabe an den Vater; und deshalb bleibt er selbst in seiner Trennung beim Vater, um von ihm her wieder das Leben des Auferstandenen zu empfangen. So sind die beiden Söhne des Gleichnisses im ewigen Sohn wahrhaft miteinander versöhnt.
  Wer diesen Denkweg nachvollzieht, begreift, wie Jesus auf der einen Seite Beispiel für eine erneuerte Existenzweise des Menschen sein kann, andererseits aber überhaupt erst den Raum der Möglichkeit dafür ausspannt, daß die Umkehr zum Vater, zum Leben stattfinden kann. So ist der ewige und menschgewordene Sohn das wahre Licht im versucherischen Dunkel der „Wesen-losigkeit des Wesens Mensch“.
 Ferdinand Ulrichs „Gabe und Vergebung“ ist, auf einen Nenner gebracht, ein bahnbrechendes Buch. Es hält uns allen einen Spiegel vor, der uns aber nicht nur unsere geschichtliche Situation vor Augen führt, also was aus uns Menschen geworden ist, sondern auch unsere eigentliche Bestimmung. Aber wir sehen darin auch – weil es Ulrich uns zu sehen lehrt -das Antlitz Christi.
 Dem Johannes Verlag in Einsiedeln sei Dank für die Herausgabe des Schrifttums dieses wahrhaft großen christlichen Denkers!

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.