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Jean-Paul Dubois
Ein französisches Leben

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2007
Übersetzt von Lis Künzli
368 Seiten
€ 8,95


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Von Alemanno Partenopeo am 02.03.2007

  Der Roman ist in die Regierungsperioden der französischen Nachkriegsgesellschaft gegliedert. Das ist gewissermaßen ein Novum, eine persönliche Biographie an die Politik zu binden, so als würden die Erinnerungen an das eigene vergangene Leben von der Gesellschaft stark beeinflusst werden. Natürlich ist es kein Zufall, dass Dubois die Kapiteleinteilung seines biographischen Romans so wählt. Dubois ist ein 68er und er will sein Leben in den Zusammenhang der Politik stellen, denn auch das Private ist politische, wie es hieß und 68 hat eben auch Spuren in seiner persönlichen Biographie hinterlassen.
 
  Die Ausgangssituation ist das Gefühl des Verlassenseins. Der Protagonist des Romans, Paul Blick, fühlt sich von seinem Bruder allein gelassen, denn dieser hat ihn verlassen, als Paul gerade acht Jahre alt war. Durch einen Unfall schied er vorzeitig aus dem Leben und auch die Eltern der beiden, wissen sich nur zaghaft in dieser Situation zu helfen. Vor allem eben nicht ihrem verbliebenen Sohn, Paul. Denn wäre Vincent, der verstorbene Bruder, noch hier, hätte er alles anders und vor allem besser gemacht als Paul, sagt sein Vater. Das hilft dem kleinen Paul nicht besonders und so entfremdet er sich schon früh von seinen Eltern. „Meine Eltern glichen jenen Männern und Frauen, die vor Kraft und Hoffnung strotzten, während sie doch nichts als hohle, abwesende Baumstümpfe waren, die unbeweglich mitten im Fluss standen.“ Auch von den anderen Familienmitgliedern (Onkel, Tanten, Großeltern, etc) hält Paul nicht viel: „So also war meine Familie damals: freudlos, überaltert, reaktionär und elendiglich traurig. Mit einem Wort: französisch.“
 
  Auch sein Soziologiestudium hilft ihm nicht dabei weiter, sein Leben in den Griff zu kriegen. Der einzige Lichtblick in seiner ausklingenden Pubertät: „Doch da kam Hugo!“ Die Beschreibung seiner ersten Masturbation während des Lesens von Victor Hugos „Les Miserables“ soll natürlich provozieren. Wer Frankreich kennt wird wissen, dass Hugo ein Säulenheiliger ist und die Kontextualisierung mit Masturbation in keinem Fall verdient hat, ja dies sogar unter Strafe zu vermeiden ist. Aus diesem Grund liest sich die Feststellung „Doch da kam Hugo!“ besonders amüsant.
 
  Die „Scheine“ an der Universität werden in diesen Jahren der studentischen Unruhen, quasi gratis vorteilt: sie müssen dafür keine Prüfungen ablegen. Die Uni empfindet er ohnehin nur als ein „Selektionszentrum für den späteren Arbeitsmarkt“ und nicht also Orte des Lernens und der Entfaltung.
  Erschwerend zu der allgemeinen Orientierungslosigkeit tritt noch die Wirtschaftskrise Mitte der 70er hinzu und Paul kann sich und seine Familie mit seinem Lehrergehalt nur mehr schwer über Wasser halten. Aber immer wieder blickt ein unglaublicher Humor durch die Ausweglosigkeit der Situationen, in denen sich Paul Blick befindet. So beschreibt er etwa die Mondlandung der Amerikaner an der drei Kosmonauten teilnehmen, aber nur zwei aussteigen durften, weil der dritte, Collins, die Maschine warten musste, mit folgenden Worten: „All die Jahre des Trainings und der Vorbereitung erdulden, diese anstrengende Arbeit, wahnsinnige Risiken auf sich nehmen, um dann, wenn der Augenblick der Entschädigung gekommen war, in der Maschine sitzen bleiben wie in einem gewöhnlichen Taxi auf dem Parkplatz, während die anderen die außerordentliche Leichtigkeit des Seins entdeckten und fröhlich auf den Straßen des Mondes herumtanzten.“ Dieser Collins, das war er.
 
  Wer sich für eine sehr persönlich und auch humorvolle Erzählung der französischen Nachkriegsgeschichte interessiert liegt mit diesem Buch genau richtig. Eine mächtige Sprache, gute und nachvollziehbare Bilder und Metaphern und die richtige Prise Ironie, um das ganze am Laufen zu halten. Es ist zwar die Geschichte eines Ent-täuschten, aber es liest sich sehr be-rauschend. Und wenn man sich die Maxime der Situationisten zu Herzen nimmt ist es doch genau das, worauf ein guter Roman aus sein sollte: das Ent-täuschen, die Täuschungen des Lebens zu entfernen und zu demaskieren. Aus diesen Gründen fällt es einem leicht, sich mit dem Protagonisten (oder alter ego des Autors?) zu identifizieren und sich mit ihm durch die französische Gesellschaft durchzuschlagen: „Ich sehe das Leben als eine einsame Übung, eine Reise ohne Ziel, als die Überquerung eines ruhigen und modrigen Sees. Die meiste Zeit treiben wir dahin. Und ab und zu zieht uns das eigene Gewicht auf den Grund.“
 
  Jean-Paul Dubois wurde 1950 in Toulouse geboren, wo er auch heute lebt. Der Amerikaspezialist arbeitet als Journalist beim Nouvel Observateur und hat bereits mehrere Romane veröffentlicht. „Ein französisches Leben“ wurde ein internationaler Bestellers und mit dem renommierten Prix femina ausgezeichnet.

 

 

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