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Eugen Drewermann
Atem des Lebens
Die moderne Neurologie und die Frage nach Gott. Bd. 1: Das Gehirn

Patmos
2006
862 Seiten
€ 49,90


Von Richard Niedermeier am 16.02.2007

  Wann immer der theologische Grenzgänger Eugen Drewermann sich eines Themas annimmt, dann tut er dies nicht nur mit enormem Fleiß, sondern auch mit einem untrügerischen Gespür für das, was bereits an die Türen von Theologie und Kirche klopft, aber bislang weitgehend ignoriert oder zumindest in seiner Tragweite noch nicht voll erkannt wird. Das galt in der Vergangenheit für die therapeutische Funktion des Christentums und seines Verhältnisses zur Psychotherapie; das gilt jetzt für die Herausforderung, die die Neurowissenschaften für die überlieferte Vorstellung einer unsterblichen Seele darstellen.
  Auf zwei Bände ist das voluminöse Werk geplant, das - so schon der Untertitel dieser Arbeit - über die engere Seelenthematik auch hinausweisen soll auf die Frage nach dem Transzendenten, nach Gott überhaupt. Der erste Band mit dem schlichten Titel „Das Gehirn“ befaßt sich mit den empirischen Grundlagen unseres Bewußtseins, also mit Neuroanatomie und Neurophysiologie, aber auch mit den Leistungen, die unser Gehirn zu vollbringen vermag, und mit den Möglichkeiten es in seinen Funktionen zu manipulieren.
  Auch wenn der Verfasser selbst in seiner Einleitung es dem Leser anheimstellt, diesen ganzen ersten Band zu überspringen und sich (dem noch ausstehenden) zweiten zuzuwenden, der die philosophischen und theologischen Fragen in den Mittelpunkt stellen wird, so tut man gut daran, auf dieses Zugeständnis verzichten. Denn Drewermann hat hier ein neurologisches Basiswissen aufbereitet, das man kaum sonst so umfassend, klar und verständlich vorgelegt bekommt. Damit sollte eigentlich Schluß sein mit dem in Kirchen- und Theologenkreisen so beliebten Spiel des Achselzuckens und der herausgestellten Ignoranz in Sachen wissenschaftlicher Allgemeinbildung, die dazu geführt hat, daß man sich immer mehr ins Ghetto, in die Nischen der eigenen vertrauten und beherrschbaren Geisteswelt zurückzieht.
  Drewermann vermittelt also eine grundsolide Bestandsaufnahme dessen, was heute in den Neurowissenschaften gedacht und entworfen wird. Und er stellt auf dieser Grundlage kritische Anfragen an die Theologie, die nicht sofort schon durch eine apologetische Absicht überdeckt werden. Ein Beispiel: die Wirkung von sog. „Psychedelika“, also von Substanzen wie etwa Mescalin oder LSD, die das Bewußtsein manipulieren, indem sie zu Halluzinationen oder zu Bewußtseinserweiterungen bis ins Kosmische, ja bis zu einer Transzendenzerfahrung führen. Kann man, so fragt der Autor, auf diese Weise religiöse Phänomene, den „Gott in unserem Gehirn“ oder Nahtoderlebnisse und Marienerscheinungen erklären? Der Leser wartet hier vergeblich auf eine Antwort; nicht einmal eine Gegenthese wird zur Lösung seiner geistigen Spannung angeboten. Er muß sich bis zum Äußersten herausfordern lassen, Drewermanns eigene Betroffenheit für sich übernehmen. Die Krisis darf eben für den Psychtherapeuten Drewermann nicht überspielt werden. Darum sollte man sich davor hüten, das Fehlen von Antworten in diesem Band zu monieren; auf den Folgeband kommt es an!
  Auf diesen Folgeband weist die Einleitung voraus, die klassische philosophische und theologische Theorien von der Seele resümiert. Das reicht von den Seelentheorien der Vorsokratiker über Plato und Aristoteles bis hin zu Äußerungen Johannes Pauls II. und des früheren Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger über das Verhältnis von Evolution und Schöpfungslehre. Es handelt sich hier allerdings um den schwächsten Abschnitt dieses Buches. Natürlich darf man das Mittel der bewußten Provokation, also des Hinter dem-Ofen-Hervorrufens auch hier nicht übersehen; ebensowenig die Absicht des Verfassers, nichts vorwegzunehmen, was mehr ist als nur ein kurzer problemgeschichtlicher Abriß und dem geisteswissenschaftlichen und theologischen Teil seiner Arbeit vorbehalten ist. Dennoch werden die philosophischen und theologischen Positionen viel zu ungenau referiert oder gar verzeichnet. Da wird z.B. gesagt, nach der kirchlichen Lehre werde die Seele als „fertige Substanz der Materie eingesenkt“ und durch die undifferenzierte Verwendung des Substanzbegriffes suggeriert, die Seele sei dinghaft und letztlich eine im Körper fremde Wirklichkeit. Und wer die kurzen Passagen über Plato und Thomas von Aquin liest, dem braucht nicht erst gesagt zu werden, daß hier nicht alles, nicht einmal das Wesentliche ihrer Seelenkonzeption getroffen sein kann.
  Mehr als solche Defizite stört jedoch die teils offene, teils verdeckte Polemik, die Drewermann gerade hier einfließen läßt. Es beginnt mit der ebenso fragwürdigen wie nichtssagenden Feststellung, eine „wachsende Zahl von katholischen Theologen“ der Gegenwart stimme der im evangelischen Raum entstandenen Ganztodtheorie zu, doch würde dieser „Meinungswandel“ den Glaubenden kaum bekannt gemacht – „wohl aus Angst der kirchlichen Institutionen vor einem Glaubensverlust“. Da haben wir ihn also wieder, den Manipulationsverdacht gegenüber der Institution „Kirche“. Drewermann wirft besonders Papst Benedikt XVI. eine kreationistische Indoktrination vor – ein Urteil, das nicht durch Sachargumentation gedeckt ist, sondern einer „geistigen Kapitulation“ Drewermanns selbst aufruht (die dieser allerdings der lehramtlichen Theologie zum Vorwurf macht).
  Drewermann hat also die Theologie des Lehramtes (und auch der theologischen Tradition bis auf den heutigen Tag) willkürlich und von vornherein zur schwächeren Position gemacht und sie damit aus dem Dialog mit den Wissenschaften herausgenommen; bleibt also abzuwarten, ob er im Folgeband auf dieser Schiene, die eher eine Ganztodtheorie zu favoritisieren scheint, fortfährt.
  Dies hebt freilich nicht das eigentlich Verdienst dieses Buches auf: dem Leser zu helfen, in der unüberschaubaren Fülle neurologischer Erkenntnisse wieder einen Stand zu bekommen, und diese Erkenntnisse in ihrer Bedeutsamkeit für Philosophie und Theologie zu durchlichten.

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