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Steven Runciman
Die Eroberung von Konstantinopel 1453

C. H. Beck Verlag
2005
Übersetzt von Peter de Mendelssohn
266 Seiten
€ 20,90


Von Alemanno Partenopeo am 16.02.2007

  Die aus dem Jahr 1966 stammende Darstellung der Eroberung Konstantinopels von Steven Runciman ist auch heute noch eine der nachhaltigsten Darstellungen der „Tragödie vom 29. Mai 1453“. Wer die Geschichte von Stefan Zweig (in den „Sternstunden der Menschheit“) kennt, wird sich über mehr Informationen freuen und dieses Buch quasi verschlingen.
 
  Die ersten vier Kapitel (einschliesslich Seite 76) handeln von der Vorgeschichte und erklären die Krise in der sich Konstantinopel spätestens im 14./15. Jahrhundert befand als Vorbedingung für die Eroberung durch die Osmanen 1453. Auch das Konzil von Florenz wird erwähnt, in dem sich die Ostkirche quasi unter die Westkirche unterwarf, um damit Unterstützung gegen die herannahende Bedrohung durch die Türken (bereits 1422 hatten diese Konstantinopel belagert) zu gewinnen. Aber niemand im Westen hatte Interesse an Konstantinopel, oder sie waren zu sehr in ihre eigenen Probleme verstrickt (z.B. Hundertjähriger Krieg zwischen F und GB), um die Gefahr zu erkennen, die sich durch den Fall Konstantinopels auch fuer die restliche Christenheit ergeben wuerde.
 
  Die Byzantiner hatten „den für die westliche Hilfe geforderten Preis (die Unterwerfung unter die Westkirche, JW) gezahlt und waren betrogen worden“, denn die Hilfe sollte nur spärlich eintreffen. Man muss sich vorstellen, dass sich ca 7.000 Verteidiger einer Übermacht von einer Armee von 80.000 Soldaten gegenübersah. Die Unterstützung aus dem Westen für die Byzantiner lässt sich mit Runciman am besten in Schiffen ausdrücken: fünf kamen aus Venedig, fünf aus Genua, drei aus Kreta, eines aus Ancona, eines aus Katalanien und eines aus der Provence. Weitere zehn gehörten dem byzantinischen Kaiser Konstantin, der erste hieß nämlich so und auch der letzte. Von den 7.000 Verteidigern waren 4.983 Griechen/Byzantiner und die restlichen aus den oben genannten Stadtstaaten und Ländern. Der Krieg begann am 1. April und die Handvoll Verteidiger schaffte es tatsächlich beinahe acht Wochen durchzuhalten, wenn im letzten Moment die versprochene Hilfe noch eingetroffen wäre, dann…
 
  Am Ende des Buches macht Runciman klar, dass sich das Ende Konstantinopels ohnehin nur um ein paar Jahrzehnte verschoben hätte. Denn es war bereits zu klein, um in einem feindlich gesonnenen Umfeld noch überleben zu können. So gesehen war es vielleicht sogar ein Glück, dass die Stadt schon 1453 eingenommen wurde. Sultan Mehmad II., war zwar vielleicht ein grausamer Kriegsherr, nach seinem Sieg zeigte er sich aber durchaus großzügig, besonders denjenigen Griechen gegenueber, die sich noch rechtzeitig unterworfen und ergeben hatten. Die hohe Anzahl der Existenz von Kirchen in Istanbul nach 1453 wird naemlich dadurch erklaert, dass sich die „Buergermeister“ manchner Stadtteile dem Sultan vor seinem endgueltigen Siege unterworfen hatten und Mehmed II. hielt das ungeschriebene osmanische Gesetz ein, dass denen die sich ergaben, kein Unheil geschehen sollte. Er wollte eben nicht nur Sultan der Osmanen sein, sondern auch als Kaiser der Griechen in die Weltgeschichte eingehen. Dies ist ihm insofern gelungen, als dass er die Stadt zu einer multikulturellen Metropole umgestaltete, in der Griechen, Tuerken, Armenier und viele andere Voelker Platz haben sollten. Dass die Sultane nach ihm, sich dann wieder weniger freundlich gegenueber ihren christlichen Minderheiten verhielten ist eine andere Geschichte.
 
  Besonders spannend ist auch die Geschichte geschildert, wie vier Schiffe, die den Byzantinern von außen zu Hilfe eilten durch den Belagerungsring der Türken durchbrechen und sich in den Mauern von Byzanz verschanzen können. Es war also möglich, Byzanz zu helfen, nur leider blieben dies zumeist Privatinitiativen und das große päpstliche Entsatzheer blieb aus. Steven Runciman ist übrigens kein Geschichtenerzähler, alle Ereignisse die er schildert, sind durch Quellen belegt, die er am Ende des Buches auch sorgsam angibt und erklärt. Fakten- und
 facettenreich also, seine Schilderung der Eroberung Konstantinopels und durch die gute Quellenbasis auch durchaus ausgewogen und auch gegenüber Mehmed II. angemessen objektiv, da auch seine positiven Aspekte geschildert werden. Konstantin, der letzte Kaiser der Griechen, wird natürlich zum Held verklärt, keine Frage, aber angesichts der Tatsache, dass er es vorzog in der Stadt mit seinem Volk zu kämpfen und zu sterben, statt sich ins sichere Exil zu verziehen, sicherlich keine Übertreibung von Steven Runciman.
 
  Das Buch ist mit zehn Abbildungen auf Tafeln und vier Textabbildungen ausgestattet.
 
  Der „Sir“ unter den englischen Historikern, Steven Runciman wurde 1903 geboren und gehörte zu einem der bedeutendsten Historiker der Kreuzzüge und des Byzantinischen Reiches. Er lehrte Byzantinische Kunst und Geschichte an der Universität Istanbul und war von 1960 bis 1975 Direktor des Britischen Archäologischen Instituts in Ankara. Sein Hauptwerk ist „Geschichte der Kreuzzüge“ (Becks Historische Bibliothek), 1338 Seiten und 2001 in der 7. Auflage beim C. H. Beck Verlag. 2000 ist er leider verstorben.

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