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Peter Wapnewski
Der Tristan des Gottfried von Strassburg

Hörverlag
2006
€ 115,-


Von Alemanno Partenopeo am 03.02.2007

  Dieser aus dem Mittelhochdeutschen stammende Text stieß bei der Übersetzung auf zwei fundamentale Schwierigkeiten: bei sich gleichbleibender, d.h. lautgeschichtlich nur sanft veränderter Außenansicht hat sich der Wortinhalt oft entscheidend verändert. Mittelhochdeutsche Bergriffe werden nicht abgedeckt durch das lautlich entsprechende neuhochdeutsche Wort. Neben der semantischen gab es auch eine formale Schwierigkeit: Das mittelhochdeutsche Epos ist ein streng gebautes Hör-Denkmal und gebunden an jeweils paarweis gereimte vierhebige Verse. Unter vielen Möglichkeiten gibt vorliegende Fassung der Übersetzung von Hermman Kurtz den Vorzug, die 1979 vom Thüringer Germanisten Wolfgang Mohr bearbeitet und erneuert wurde.
 
  Es gilt zu bedenken: die Dichtung war von vornherein fürs Hören konzipiert, als mündliche Vortrags- und als akustisch zu hörende Dichtung. Aus diesem Grund eignet sich wohl nichts besser für diesen Stoff als ein Hörbuch.
 
  Der Stoff: Die Vorgeschichte nimmt das tragische Schicksal des späteren Helden eigentlich schon vorweg. Riwalin, der Vater Tristans, besucht Marke, den Koenig von England und Cornwall und wird im Kampf gegen dessen Feinde verwundet. Des Koenigs Schwester Blancehflur, vor Liebe entbrannt, pflegt ihn und dabei entsteht in aller Heimlichkeit ein Kind, das vor dem Widersacher Markes, Morgan, versteckt werden muss. Denn dieser obsiegt ueber Marke und Riwalin und wird zum Herrscher.
  Tristan (nomen est omen: trist bedeutet auf Deutsch: traurig) wächst ohne Eltern auf, aber immerhin wird er von Marschall Rual li Foitenant und seiner Frau Floraete aufgenommen. Sie erziehen ihn zu einer wahren Perle sowohl in intellektueller als auch physischer Hinsicht, aber seine Melancholie wird der Tristan sein Leben lang nicht mehr loswerden. Bald wird der Juengling entfuehrt, doch wieder freigelassen und kommt so – unerkannt – wieder an den Hof seines Onkels Marke in England. Als sein Pflegevater Rual li Foitenant ihn endlich findet, klärt er ihn über seine Vergangenheit auf. So hat Tristan nun zwei Väter und einen toten leiblich noch dazu.
 
  Ein anderer Koenig, Gurmun, der Koenig von Irland, will nun den beiden Böses und entsendet Morold, einen monströsen Antihelden, zum Zweikampf mit Tristan und dieser kämpft entflammt vom Tyrannenhass gegen das Monster mit der Parole: „Wenn ich falle, geschieht Euch kein Leid. Siege ich aber, so dankt dafür keinem außer Gott.“ Tristan siegt zwar ueber das vom Tyrannen entsendete Monster, wird beim Zweikampf durch das vergiftete Schwert des Widersachers jedoch tödlich verletzt. Nur Königin Isolde (Mutter), die Schwester Morolds und Königin Irlands, Gattin Gurmuns, des Koenigs, kann dieses Gift heilen, aber sie wird kaum einem Feinde helfen. Durch eine gelungene Verkleidung schleicht sich Tristan jedoch an ihrem Hofe als Lehrer für die Tochter der Königin, Isolde (Tochter) ein und wird so von ihr geheilt. Zurückgekehrt an seinen eigenen Hofe schwärmt er nur mehr von einem: Isolde und damit ist klar, wessen Gift nun wirklich in seinen Adern schwelt.
 
  Anschließend kommt es zu einem Drachenkampf, beinahe einem Zweikampf mit Truchsess, dem Verleumder, allerhand anderer verwirrender Abenteuer und einer Hochzeit. Doch die zauberische Königin mixt vorher noch ein Gebräu, denn sie will ganz sicher gehen und so entsteht eine neue Dramatik, deren Ausgang unheilvoller ist, als Sie sich ausmalen können. Eine „fossiure a la gent amant“ und ein weißer Hirsch spielen dabei übrigens auch eine nicht zu unterschätzende wichtige Rolle. Also am besten selbst einmal anhören und besonders folgende Zeilen beherzen:
 
  „Swem nie von liebe leit geschah/
  Dem geschach ouch liep von liebe nie.“
 
  Peter Wapnewski, 1922 in Kiel geboren, Promotion 1949 zum Dr. phil., Habilitation 1954 zum ordentlichen Professor der Germanistik. 1959 Professor an der Universität Heidelberg, 1966 an der Freien Universität Berlin, 1969 an der Universität Karlsruhe und 1980 an der TU Berlin. Gründungsrektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin (1980). Vizepräsident des DAAD (1972-1979), Mitglied des Wissenschaftsrates (1977-1980). Von 1977 bis 2002 Vizepräsident des Goethe-Instituts München. Wahl in den PEN-Club (1970), in die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (1986), in die Berlin-Brandenburger Akademie der Künste (1996), seit 1996 Mitglied der Akademie der Künste. Vom selben Autor sind im Hörverlag lieferbar: Der Parzival des Wolfram von Eschenbach, Walther von der Vogelweide.

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