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Mario Soldati
Die Fälle des Maresciallo

Wagenbach
2006
Übersetzt von Catherine Rückert
114 Seiten
€ 13,90


Von Alemanno Partenopeo am 25.01.2007

  Am Anfang steht ein Dialog.
  „Was sind eigentlich die schlimmsten Verbrechen, die dir in deiner Laufbahn als Carabiniere begegnet sind?“, fragt der Erzähler seinen Freund Gigi. Und dieser antwortet, nicht ohne sich ein Stück Wurst zwischen die Zähne gesteckt zu haben: „(…)Die edleren – oder sagen wir: die weniger gemeinen – Beweggründe wie Ehre, Leidenschaft, Eifersucht, abgewiesene Liebe trifft man sehr selten. (…)“ Tatsächlich eine sehr italienische Antwort, oder? Jedenfalls zumindest das, was wir uns von einem Maresciallo erwarten. Denn aus diesen genannten Motiven zu töten ist allemal „besser“ als aus dem einen, haüfigsten: der Profitgier, dem Geld. Aber allein diese Unterscheidung zu machen, ist eigentlich ja schon suspekt, und lässt tief in meine - oder die des Autors - Seele blicken.
  Und jetzt kommt die eigentliche Antwort des Carabiniere mit 40-jähriger Berufserfahrung: „Aber die schrecklichste Tat, an die ich mich erinnere, ist zweifellos diejenige, die vor etwa fünfzehn Jahren eine Fremde, eine Österreicherin, am Ortasee vollbracht hat.“
 
  Was eine 22-jährige Klagenfurterin in dieser Geschichte so alles angestellt hat, wird hier natürlich nicht verraten. Aber ich kann Ihnen sagen: am Ende werden Sie doch etwas zu Lachen haben, besonders was die „sympathische“ Charakterisierung der Österreicherin betrifft. Auch in einer anderen Geschichte, „Michela“, kommt der Commissario durchaus mit sympathischen, menschlichen Gesichtszügen rüber, denn er beschreibt seine Arbeit so: „Unser Vergnügen besteht – wenn überhaupt – in den Ungewissheiten und Schwierigkeiten, und im Spürsinn, den wir einsetzen, um sie zu überwinden: im Vorgehen, nicht im Ergebnis.“ Nicht das Verhaften ist es, das ihm Befriedigung verschafft, denn selbst mit der Österreicherin hatte er am Ende Mitleid, so grausam sie auch war. Ein Kommissar mit Herz und Gefühl eben, der sich fast schuldig fühlt, das Richtige zu tun.
 
  Das Vorbild für seine Figur des Maresciallo war übrigens Gigi Arnaudi, ein in den Norden verpflanzter Süditaliener, den Soldati bei Dreharbeiten zu seiner vielbeachteten Serie „Viaggio nella valle del Po“ kennengelernt hatte. Die acht Kurzgeschichten erschienen zuerst 1963 in der italienischen Tageszeitung „Il Giorno“ und wurden 1967 auch als Buch veröffentlicht. 1985 erschienen auch die „Nuovi racconti del Maresciallo“, die direkt von Soldati fürs Fernsehen geschrieben wurden. Der Wagenbach veröffentlichte vorliegende Sammlung erstmals auf Deutsch im Jahre 2004, zuvor fand man sie unter einem anderen Titel bei Walter in Olten.
 
  Mario Soldati wurde 1906 in Turin geboren und besuchte dortselbst die Jesuitenschule. Er studierte Literaturwissenschaft in Turin und Kunstgeschichte in Rom. 1929 erhielt er ein Stipendium für die Columbia in New York und verarbeitete diese Zeit in „America primo amore“. 1943 mit dem Fahrrad ins schon demokratische Neapel aufgebrochen kehrte er wenig später in ein ebenfalls befreites Rom zurück, wo er fortan lebte. Er führte bei 30 Filmen Regie (u.a. auch Co-Regie beim Sandalen-Epos „Ben Hur“) und arbeitete als Journalist und Schriftsteller auch in Mailand. Von seinen 20 Romanen wurden mehrere mit Literaturpreisen ausgezeichnet. 1999 starb Mario Soldati in der Nähe von La Spezia, wo er seine letzten Jahre verlebt hatte.

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