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Ulrich P. Bruckner
Für ein paar Leichen mehr
Der Italo-Western von seinen Anfängen bis heute

Schwarzkopf & Schwarzkopf
2006
731 Seiten
€ 34,90


Von Alemanno Partenopeo am 09.01.2007

  Wer bei diesem Titel schon das Vibrieren der Mundharmonika in seiner Magengegend und ein leises Kribbeln seine Wirbelsäule hinaufsteigen verspürt ist eindeutig süchtig, wenn nicht zumindest geprägt von einer ganz besonderen Epoche des europäischen Films: dem Italo-Western. Tatsächlich finden Sie auf dem Titelbild vorliegenden Buches auch eine, wenn nicht die Schlüsselszene aus einem der wohl bekanntesten Westernfilme überhaupt: „C`era una volta il West“ (Spiel mir das Lied vom Tod), Sergio Leone 1968.
 
 
  Als eigentlicher Begründer des Genres gilt allerdings Sergio Leones „Per un pugno di dollari“ („Für eine Handvoll Dollar“) von 1964, eine spanisch-deutsch-italienische Koproduktion mit dem unvergleichbaren Clint Eastwood u. a. Der amerikanische Western war in den späten 50igern in eine Krise geraten und so sprangen die italienischen Regisseure, allen voran eben Sergio Leone, in die neue Bresche ein. Sie waren es die den amerikanischen Western seiner Pathetik entkleideten und ihn in „jene Atmosphäre aufrichtiger Realität“ zurückführten, aus der heraus er einmal entstanden war, wie Bruckner in seinem Vorwort schreibt. Die Gesetzlose waren wieder echte Gesetzlose ohne falsche Moralvorstellungen. Der Dollar zählte in diesen Filmen mehr, als Ethik oder Ideologie. Und das unvergleichliche Macho-face von Clint Eastwood, der bis dahin nur in todlangweiligen amerikanischen Fernsehserien mitgespielt hatte, tat sein Übriges, auch das andere Geschlecht für diese Art Film zu begeistern. „Ich wollte den Western von all den labernden Charakteren und Frauen säubern“, sagte der Meister einmal. Es schwebte ihm so eine Art Stummfilm mit Neo-Realismus vor. Clint Eastwood war dafür die perfekte Personifikation des „Mannes ohne Namen“, der seine Toscani-Zigarillos raucht und schweigsam durch die (italienische) Prärie reitet. Natürlich spielte Ennio Morricones Musik eine nicht unerhebliche Rolle dabei, die dramaturgischen Lücken dieser Filme zu füllen: dank seiner Kompositionen stellte sich oben zitiertes Kribbeln in der Rückenmarkgegend beim Zuschauer pünktlich ein (so wie später im Übrigen auch bei unzähligen Mafiafilmen) und etwaige fehlende Handlungsstränge konnten so spielerisch überbrückt werden. Wer erinnert sich nicht an das geniale Dreier-Duell in „Il buono, il brutto, il cattivo“ („Zwei glorreiche Halunken“, Sergio Leone 1966) bei dem die Musik eine Spannung bis zum äußersten Zerreißpunkt aufbaute, um schließlich in den sich entladenden Pistolenläufen ihre endgültige Katharsis zu finden?
 
  „I giorni dell`ira“ (dt.: die Tage des Zorns) war nicht nur der Titel einer der vielen Filme dieses Genres, sondern gleichsam auch das Motto dieser unverwechselbaren Welt aus Gewalt, Brutalität und Krieg. Vergeltung, Rache, Zorn waren oft die Triebfedern der undurchsichtigen Helden die eine neue Definition des „cool“ abgaben.
  Die Darsteller dieses Filmgenres sprechen ebenfalls ihre eigene Sprache und interpretierten den Mythos des goldenen Westens neu: Clint Eastwood, Klaus Kinski, Lee van Cleef, Franco Nero, Giuliano Gemma, Anthony Steffen, Tony Musante, Gianni Garko, James Coburn, Charles Bronson, aber auch Brigitte Bardot und Claudia Cardinale oder Raquel Welch. (Bud Spencer und Terrence Hill wollen wir hier lieber verschweigen, da sie zu den weniger ruhmvollen Kapiteln dieses Genres gehören.)
 
  Die Filme werden nach Jahr und mit Originaltitel geordnet beschrieben und auch wann sie in deutschen Kinos gezeigt wurden. Das Register beginnt mit dem Jahr 1964 mit „Le pistole non discutono“ (R: Mario Caiano) und endet 1996 mit „Jonathan degli Orsi“ („Die Rache des weißen Indianers“ mit Franco Nero und Floyd „Red Crow“ Westerman). Dazwischen liegen 32 Jahre mit den besten Filmen des Genres, die im Anhang noch einmal in einer Kurzbeschreibung aufgeführt werden. Die Jahre 1964 bis 1972, in denen die Highlights des Genres entstanden, werden dabei einzeln und etwas ausführlicher beschrieben, während ab 1973 bis 1996 etwas gestrafft wird.
  Weiters gibt es für den wahren Fan: einen ausführlichen Farbfototeil im Buchmittelteil, zahlreiche Schwarzweiß Fotos zu den jeweiligen Filmen, ein Darstellerverzeichnis, ein Verzeichnis der Regisseure, eines der Komponisten, Interviews mit den Westernhelden (Giuliano Gemma, George Hilton, Franco Nero, u.a.) und Regisseuren, Tipps für Soundtracks auf CD, Übersicht der „Western ohne Pasta“ und derer mit, eine Best of List mit den 25 beliebtesten Italo-Western (von den ersten drei war in dieser Rezension auch die Rede) und last not least einige Songtexte aus den Westernfilmen, etwa „The Story of a Soldier“ aus „Il buono, Il brutto, Il cattivo“: „Match blue and grey and smile as you say: Goodbye!“
 
  Die überarbeitete Neuauflage dieses Westernklassikers von Ulrich P. Bruckner enthält eine Fülle von neuen Fotos, viele Ergänzungen und Verbesserungen, sowie erstmalig einen großen Farbteil mit seltenen Fotos der damaligen Setfotografen. Das Titelregister aller jemals in Deutschland gezeigten Italo-Western erleichtert dem Leser den Überblick und das mühelose auffinden seines Lieblingstitels.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

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