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Maeve Brennan
Die Besucherin

Steidl
2003
Übersetzt von Hans-Christian Oeser
95 Seiten
€ 14,-


Von Volker Frick am 15.12.2006

  Eine kleine feine Erzählung. Anastasia King, die vor sechs Jahren gemeinsam mit ihrer nun verstorbenen Mutter nach Paris ging, kehrt zurück in ihre Heimatstadt Dublin, zurück in das Haus ihrer Kindheit. Es ist Winter, die Stadt ist grau, die Menschen sind verschlossen. Nur in den Schaufenstern Licht. Ihr Vater war kurz nach ihrem Weggang verstorben. So findet sich im Haus nur noch die Großmutter väterlicherseits und eine Haushälterin.
  Die tiefe Religiosität der Protagonisten spielt eine gewisse Rolle, der dunkle Himmel, und die familiären Zwistigkeiten, die sich allerdings nicht klären. Warum verliess die Mutter von Anastasia ihren Mann, oder wie starb dieser? Anastasia selbst scheint keinen Platz auf dieser Welt zu haben, zumal die Großmutter ihr unmißverständlich klar macht, dass sie lediglich als Besucherin angesehen wird, von einer Rückkehr nicht wirklich gesprochen werden kann.
  Der Erzählstil ist nicht lakonisch, eher präzise, unerbittlich gar, und doch ist die Erzählerin seltsam zurückhaltend, da wird keine Position bezogen. Seltsam kalt und traurig diese Welt, Gefühlsäußerungen brechen nur eruptiv auf, um sogleich wieder unter der Oberfläche zu verschwinden. Andererseits geht die Erzählerin sehr behutsam mit ihren Figuren um, nur Anastasia scheint für ihr Alter reichlich kindlich. Sie weiss nicht wohin in der Welt: „Grandma, ich bin die einzige, die du hast. Ich will nicht fort.“
  „Weihnachten ging vorüber. Die Tage kamen und gingen und brachten nichts Neues.“ Maeve Brennan, eine irische Schriftstellerin, 1917 geborene Tochter des ersten irischen Botschafters in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, blieb bei der Rückkehr der Familie nach Irland in New York, arbeitete für den New Yorker. Sie starb alt und vereinsamt 1993.
  Die Übertragung stammt von Hans-Christian Oeser, der auch für das kurze und informative Nachwort zeichnet. Diese kleine feine Erzählung ist große Literatur.

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