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Wien 1900
Fokus der europäischen Moderne

dtv
2005
399 Seiten
€ 24,50


Von Alemanno Partenopeo am 12.12.2006

  Eine phantastische, reich bebilderte Kulturgeschichte des untergegangenen Wiens der Jahrhunderte wird hier noch einmal kenntnisreich nacherzählt. An der Apotheose beteiligten sich: Peter Gorsen, Rainer Metzger, Marain Bisanz-Prakken, Hans Bisanz, Christian Brandstätter, Hanel Koeck, Daniela Gregori, Richard Kurdiovsky, Käthe Springer.
  Der Bogen wird gespannt von Kunst und Kunsthandwerk zur Architektur, Kultur und Gesellschaft und im Anhang finden Sie außerdem Biographien, Bibliographie, Personenregister und einen Bildnachweis.
  Im Einleitungskapitel von Rainer Metzger „Wien um 1900 – Die Dauer des Dementis“ wird angedeutet, was viele schon beim Aufschlagen der ersten Seiten zu ahnen beginnen: die „fatale Süße des Wiener Orients“ gleicht einer „unausrottbaren Infektion“. (Copyright dieses Zitates Julius Meier-Graefe) Und wahrlich, wer vermag es, sich etwa den Bildern eines Gustav Klimt zu entziehen? Dass es damals sehr wohl Widerspenstige gegen die neue Bewegung der Sezessionisten gab und Wien einerseits den zitierten schwülstigen Orient verkörperte, andererseits aber auch als Geburtsstätte der Moderne firmiert, gerade das macht die Faszination dieser Stadt um 1900 aus. Es lebe der Widerspruch! Auf der einen Seite Oskar Kokoschka und Adolf Loos als Vertreter der Moderne, auf der anderen Klimt, Schiele, et. al. „Am Anfang mag durchaus das Backwerk (das Ornament, JW) gestanden sein. Am Ende stand die Radikallösung der Eiferer, Puristen, Rigoristen.“ Desweiteren spricht Graefe von einem Treibhauseffekt zwischen 1880 und 1920, aus dem sich die rasante Entwicklung ihren Überdrück geholt habe. Hermann Bahr bezeichnete die angesprochene Epoche als „Décadence“ und charakterisierte die Wiener Spielart folgendermaßen: Sie suche „wieder den inneren Menschen, wie damals die Romantik. Zweitens sei sie von „einem Hang nach dem Künstlichen“ geprägt und zuletzt komme „eine fiebrige Sucht nach dem Mystischen“ hinzu.
  „Reduktion der Komplexität“ wäre demnach das Erfolgsmuster der Moderne gewesen und gerade dieses habe in die Katastrophe von 1933 und 1938 geführt: Adolf Hitler vermochte es wie kein anderer die Wirklichkeit zu vereinfachen und auf schwierige Fragen, dumme Antworten zu geben. Somit erklärt Metzger die Dekadenz zur Mutter aller Katastrophen. Und auch Hitler zum Kind der Wiener Moderne.
  Aber das Wien um 1900 war vielmehr als das: „ein Melting Pot“. Es sei „nicht allein der Charakter einer Metropole als Mutterboden, auf dem die verschiedensten Artikulationsweisen und Identitäten ihre Blüten treiben und sich zum hybriden Idiom zusammentun. (...) Das Wien um 1900 ist weniger die Addition einzelner, origineller oder gar genialer Positionen als die Kumulation der Egozentriken in einer Dauerbewegung des Dementierens“.
  „Aber sie sind eine Romantik der Nerven. Das ist das Neue an ihnen (...) Nicht Gefühle, nur Stimmungen suchen sie auf. Sie verschmähen nicht bloß die äußere Welt, sondern am inneren Menschen selbst verschmähen sie allen Rest, der nicht Stimmung ist. Hermann Bahr, Die Décadence, 1891
 
  Natürlich finden Sie in diesem wunderschönen Buch auch Artikel über die Cabaret und Theaterszene, die Kaffeehausliteraten, Kunst und Architektur und alles was Sie sonst noch über Wien wissen wollten und sich nie zu fragen wagten. Otto Wagner und Adolf Loos wird genauso viel Aufmerksamkeit gewidmet, wie etwa der Wiener Musik, Philsosophie und Psychoanalyse. Das reich bebilderte Buch ist in seiner Ausführung, einem Familienalbum gleich, ein unübertreffbarer Ratgeber in Sachen Wiener Fin de Siècle und Décadence. Und vor unseren Augen entwickelt sich bereits ein neues Fin de Siècle, das Wiener Millenium: eine Stadt im Aufbruch.

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