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Tom Reynolds
I Hate Myself and Want to Die
Die 52 deprimierendsten Songs aller Zeiten

Schwarzkopf & Schwarzkopf
2006
Übersetzt von Ilja Braun
271 Seiten
€ 14,90


Von Christel Schweitzer am 26.11.2006

  Tom Reynolds ist ein Guru, wenn es um Top und Flop in der Pop-Musikbranche geht. Er ist eine Autorität, eine graue Eminenz. Außerdem ist er sowohl im Fernsehgeschäft, wie auch im Musikbiz äußerst umtriebig.
  Wenn also nun jener Tom Reynolds beschließt ein paar Songs genauer unter die Lupe zu nehmen und dabei hinterfragt was deren Existenzberechtigung ist, so wird deren lyrischer Anspruch, die klangvolle Melodie und die Güte der dramatischen Darbietung (oft verschiedener Interpreten) genüsslich zerpflückt.
 
  Was die Auswahl der 52 Songs betrifft, die Reynolds für besonders deprimierend hält, so wendet er folgende Selektionskriterien an:
 
 a) deprimierende Songs müssen…erraten, nicht nur einen traurigen, sondern einen zutiefst peinlich deprimierenden Text haben (lassen wir einmal die Tatsache außer Acht, dass wahrscheinlich die wenigsten, wenn sie Radio/CD etc. hören den Liedtext einer Textanalyse unterziehen, geschweige denn – politically absolutely incorrect: ihn überhaupt sprachlich oder semantisch verstehen),
 
 b) ist die Länge des Liedes ausschlaggebend, denn ein Depri-Song wird niemals zum psychisch aufwühlenden Ohrwurm, wenn seine Spieldauer zu kurz wäre, soll heißen, die Qual, in der man sich im Selbstmitleid suhlt, muss mindestens 5 – 7 Minuten dauern;
 
 c) ist die Häufigkeit, die Omipräsenz mit der man diese Songs fast mantraartig immer und immer wieder zu hören bekommt, egal wie oft und ob man den Radiosender wechselt.
 
  Um die Auswahl zu erklären, hat Reynolds das Buch thematisch gegliedert: es ist in 10 Kapitel unterteilt, die da heißen: 1) „Ich starb als Teenie bei einem Autounfall“ (Seite 19 – 28), 2) „I hate myself an want to die“ (Seite 33 – 49), 3) „Ich versuche tiefsinnig und rührend zu sein, aber da bin ich echt schlecht drin“ (Seite 57 – 93), 4) „Wenn ich über Drogen singe, wird man mich ernst nehmen“ (Seite 99 – 108), 5) „Sie hasst mich, ich hasse sie“ (Seite 113 – 129), 6) „Grauenhafte Remakes von bereits deprimierenden Songs“ (Seite 135 – 152), 7) „Ich erzähle eine Geschichte, die keinen interessiert“ (Seite 157 – 196), 8) „Ich hatte keine Ahnung, dass dieser Song so morbide ist“ (Seite 203 – 213), 9) „Ich blase Trübsal, also bin ich“ (Seite 219 – 232) und schließlich 10) „Apokalypse“ (Seite 237 – 259).
  Mit dem einleitenden Kapitel „Die Anatomie der Melancholie“ (Seite 7) und dem Abschlusskapitel „Lebende Erwähnungen und ein Blick in die Zukunft“ (Seite 266 – 272) rundet sich der thematische Aufbau des Buches ab.
 
  Man findet weltberühmte “Hoadern” wie z.B.: “Tell Laura I love her”, “Lucky man”, “The Rose”, und “In the year 2525” genauso auf Reynolds “Seziertisch”, wie Hits, etwas neuerem Datums, wie: “My immortal”, “In the air tonight”, “Without you”, “I will always love you” etc. Was man vergeblich sucht, sind die deprimierenden Auswüchse der letzten Jahre, wie sie uns z.B.: Pink, Celine Dion, Kelly Clarkson aber auch Xavier Naidoo offeriert haben...- um nur ein paar Interpreten zu nennen, deren pathetische Kommerzbeschallung, von Jung und Alt am ganzen Erdball gehört werden.
 
  Da ich mich als Kritiker offensichtlich auch schon zu einem gerüttelt Maß Sarkasmus hinreißen lasse – Reynolds Schreibstil ist diesbezüglich leider ziemlich perfide ansteckend – muss ich meinem Geätze entgegenhalten, dass ich natürlich ebenso im internationalen Chor der „Ich singe im Auto oder unter der Dusche, denn da bin ich alleine, es hört mich keiner und ich bin nicht gar so peinlich“ mitjammere.
 
  Zu einer karthasischen Wirkung hat Reynolds Analyse von „My immortal“ beigetragen, ein Lied, dass ich nun nie wieder inbrünstig werde mitjaulen können…nicht weil ich mir nie über den Text Gedanken gemacht hätte, nein, sondern, weil er doch so herzerweichend ist in Verbindung mit Amy Lees Stimme…
 
 Fazit:
  Wenn Sie ein Romantiker sind, ein Idealist oder ein Träumer, sich im Weltschmerz suhlen, Ihr Herz gerade erst wieder einmal in Scherben liegt, oder Sie die ganze Welt verabscheuen: lesen Sie dieses Buch JA NICHT!
 
  Wenn Sie Zyniker sind, ein Realist und sich und Ihre Umwelt nicht mehr gar so ernst nehmen: BITTE LESEN Sie es. Sie werden kichern, sich vor Lachen ringeln bis zu dem Augenblick …tja, bis Sie Ihr eigenes Lieblingslied plötzlich der Lächerlichkeit preisgegeben, in Reynolds Buch wieder finden. Touchè!

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