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Matthias Zschokke
Maurice mit Huhn

Ammann
2006
239 Seiten
€ 18,90


Von Alemanno Partenopeo am 24.11.2006

  Die Jury des Solothurner Literaturpreises hat vorliegendem Roman mit den Worten: „Matthias Zschokke leistet poetischen Widerstand gegen die Hektik und die Vergesslichkeit unserer auf Effizienz getrimmten Epoche.“ Geadelt und ihm darnach auch den gleichnamigen Literaturpreis verliehen.
 
  Maurice, der Protagonist der Geschichte, lebt in Berlin und hört in einem Zimmer eines Nachbarhauses des nächtens immer wieder einen Cellospieler. Manchmal malt er es sich aus, wie es wäre, wenn er dem Klang bis vor die Haustür des Musikers folgen würde, dann aber wieder denkt er, er könnte enttäuscht werden und lässt es.
  Dann wieder sucht er nach einem Wort, das für eine „weitverbreitete Attitüde steht, die bei ungenauem Hinsehen als Bescheidenheit wahrgenommen wird“. Er sucht es in einem Lexikon, aber er findet immer andere Wörter, als die, die er sucht. „Nissenhütte“ zum Beispiel, das auch als Wellblechhütte charakterisiert wird: „Das Material ist aus der Mode gekommen. Schade. Regen, der auf Wellblech tropft, klingt behaglich, weil mit dem Geräusch die Gewissheit von Undurchlässigkeit verbunden ist und das Gefühl von Geborgenheit.“ Wahrscheinlich ist es das, was Maurice in Wirklichkeit sucht.
  Auch wenn es sich hinter einem „Berliner Durchsteckschloss“ (ausführliche Erklärung dazu im Buch) verbirgt, scheint das, was Maurice sucht, gar nicht so weit weg zu sein.
  Ein anderes Stichwort, das er auf seiner Suche findet lautet „Sebastopol“. Aber es ist nicht das was ihn bindet. Sondern der Herbst. „Der Herbst trieft. Die Blätter der Birken im Park blenden in leuchtendem Gelb. Maurice denkt: In diesen Goldton gekleidet hätte ich großen Erfolg bei vermögenden und einflussreichen Leuten. Aber ich wage nicht, mich so zu kleiden.“ (...) „Was Maurice noch sagen wollte: Wissen ist grauenvoll, erholsam dagegen das Ahnen. Und: der Herbst ist eine packende Jahreszeit.“
 
  Bei einem Treffen mit seinen ehemaligen Mitschülern, fällt ihm wieder dieser Moses auf, über ihn schreibt/denkt Maurice: „Moses hatte sich zerstören lassen von der Zeit, hatte sich nicht aufbewahrt, nicht aufgespart, hatte sich vergeudet und hingegeben, ohne etwa Gleichwertiges als Ersatz dafür zu bekommen. Wie stolz die anderen waren auf das bisschen Ideal, das sie sich erhalten hatten. Als ob es eine Leistung sei, den Traum, den man in seiner Kindheit entwickelt, sein Leben lang mit sich zu schleppen.“
 
  Sie werden noch viele andere dieser einzigartigen, wunderbaren Beschreibungen in Matthias Zschokkes Roman finden und sich darin zweifellos auch wiederfinden können. Auch wenn sie nie in einem Mietshaus in Berlin gelebt haben und sich nie auf die Suche nach der Quelle des Celloklangs gemacht haben. „Doch es kommt der Moment, in dem jede Vorfreude kippt und sauer wird.“ Maurice hat es also schließlich doch getan.
 
  Matthias Zschokke wurde 1954 in Bern geboren. Er lebt und arbeitet als freier Schriftsteller, Filmemacher und Theaterautor in Berlin. Sein erstes Buch ist ebenfalls im Ammann Verlag erschienen und trägt den Titel „Das lose Glück“ (1999). Weiters liegen von ihm die Erzählungen „Ein neuer Nachbar“ (2002) bei Ammann vor.

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