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Ingeborg Bachmann
Malina
Nachwort von Elfriede Jelinek

Suhrkamp
2006
408 Seiten
€ 10,-


Von Alemanno Partenopeo am 26.10.2006

  Im Jubiläumsjahr 2006 feierten die Ungarn das Jubiläum ihrer Revolution von 1956 mit einer kleinen Revolution, die Deutschen ihren Heinrich Heine und die Österreicher hatten gleich drei Personen zu feiern: erst war Mozart, dann Freud und schließlich auch die wohl bekannteste österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. (Ein vielleicht inzwischen noch bekanntere, Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, hat übrigens das Nachwort zu dieser Neuausgabe von Malina geschrieben.) „Malina“ erschien erstmals 1971 – also kurz vor Bachmanns tragischem Tod in Rom - beim Suhrkamp Verlag und wurde von der Kritik mit geteilten Ansichten aufgenommen. Als erster Mosaikstein in ihrem „Todesarten“-Projekt, das sie nicht mehr realisieren konnte, erschien Malina vielen als unverständlich und undurchschaubar. Die Autorin selbst ermöglichte durch Interviews jedoch neue Interpretationsspielräume und trug wesentlich selbst zur richtigen Auslegung des Werkes bei.
  Sie betonte stets, dass sie das Werk nicht „als eine Autobiographie verstanden“ haben will, wie sie sich überhaupt gegen „das Erzählen von Lebensläufen, Privatgeschichten und ähnlichen Peinlichkeiten“ wehrte. Malina könnte man dementsprechend als einen Roman einstufen, der von Bachmann gegenläufig zum Genre der Autobiographie entworfen wurde.
 
  Der Inhalt ist schnell erzählt: das Figurendreieck Ivan, Malina und die Ich-Erzählerin werden eingangs wie Karteikarteneinträge beschrieben. Bemerkenswert ist vielleicht, dass man sich unter Malina zuerst eine Frau vorstellen würde, es sich im Roman aber um einen Mann handelt. Aber dieses Täuschungsmanöver ist von der Autorin beabsichtigt: denn Malina steht für die männlichen Element der Ich-Erzählerin, die übrigens während des ganzen Romans ohne Namen bleibt. In den Worten der Autorin: „Ivan und ich: die konvergierende Welt. Malina und ich, weil wir eins sind: die divergierende Welt.“
 
  Sieht man von Ivans zwei Kindern ab, kommen eigentlich keine anderen Personen mehr in dem Roman vor, jedenfalls nicht als handelnde, wichtige Personen: da gibt es die Arbeitskollegin der Ich-Erzählerin oder den Interviewer, dessen Fragen ausgespart bleiben. Das Innenleben der Ich-Erzählerin ist das zentrale dieses fast 400 Seiten Romans, und was zählt ist vor allem die Wahrnehmung der Wirklichkeit durch diese. „Es fällt mir nichts mehr ein zu den Menschen, die mich umgeben, ich vergesse, vergesse schon die Namen, die Grüße, die Fragen, die Mitteilungen, den Klatsch.“
  Das Wechseln der Genres vom Interview, zum Briefschreiben, zum komponierten Dialog mit Angabe der musikalischen Tempi und dann wieder Erzählung sorgt für die Portion sinnstiftender Abwechslung, die den Leser zunehmend verwirrt und isoliert. Besonders das zweite Kapitel, das Traumkapitel, das sich über 76 Seiten hinzieht, wirkt in seiner Sprachgewalt verstörend und desillusionierend. Das dritte Kapitel schließt erzählerisch wieder an das erste an und endet apodiktisch mit den Worten: „Es war Mord.“.
 
  „Denn die Liebe ist die Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln. Auf diesem Schlachtfeld erfolgt eine oft blutige, manchmal unblutige Vernichtung des Weiblichen, das nie Subjekt werden darf, immer Objekt bleiben muss, Gegenstand von gesellschaftlich nicht anerkannten Arbeitsverträgen, genannt Ehe.“, schreibt Elfriede Jelinek in dem Nachwort zu dieser Ausgabe und gibt damit jene Maxime der Bachmannschen „Philosophie“ wieder, die die meisten kennen werden: Der Faschismus beginnt zwischen den Personen, im persönlichen Umgang miteinander, sei es zwischen Freunden, Kollegen oder eben besonders zwischen den Geschlechtern. Es herrscht Krieg. Es gibt keinen Frieden. „Malina: Du wirst also nie mehr sagen: Krieg und Frieden. Ich: Nie mehr. Es ist immer Krieg. Hier ist immer Gewalt. Hier ist immer Kampf. Es ist der ewige Krieg.“
  Bitte sehen Sie für weitere Informationen auch die Buchkritik zu Interpretationen von Reclam. Mathias Mayer (Hrsg.): Werke von Ingeborg Bachmann. Und als zusätzlicher Hinweis zum Werk von Ingeborg Bachmann die Homepage: www.ingeborg-bachmann.cc Hier finden Sie auch Informationen über die seit Anfang des Jahres in ganz Europa gezeigte Ingeborg Bachmann Ausstellung, demnächst auch in Ihrer Stadt!

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