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Lutz Dittrich / Carola Veit / Ernest Wichner (Hrsg.)
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Samuel Beckett in Berlin 1936/37

Matthes & Seitz
2006
128 Seiten
€ 24,80


Von Volker Frick am 14.10.2006

  Eine wunderschöne Publikation, die wahrlich, in Form und Inhalt, heraussticht aus den nicht wenigen Büchern, die anlässlich des 100sten Geburtstag von Samuel Beckett erschienen sind. Am Ende des Buches danken die drei Herausgeber Erika Tophoven „für die Anstiftung zu diesem Projekt.“
  Erika Tophoven hat in diesem Jahr das Buch „Becketts Berlin“ publiziert, welches dessen sechswöchigen Berlinaufenthalt während seiner sechsmonatigen Deutschlandreise 1936/37 nachzeichnet, u.a. mit transkribierten Auszügen aus den bislang unveröffentlichten German Diaries, die Beckett in dieser Zeit schrieb.
  In „Beckett was here“ von Roswitha Quadflieg (2006) wird Becketts Aufenthalt in Hamburg nacherzählt, ebenfalls mit Einsprengseln aus den German Diaries, allerdings von Mark Nixon transkribiert. Es „ergeben sich hier Abweichungen von der Erstausgabe (transkribiert von Erika Tophoven), die heute als Etappe auf dem Weg der allmählichen, äußerst komplizierten Erschließung der Beckett’schen Tagebücher angesehen werden kann.“
  ‚Erstausgabe’ verweist auf einen Privatdruck der von Erika Tophoven transkribierten Tagebücher, den auch Rolf Breuer in seinem Buch „Samuel Beckett“ (2005) erwähnt.
  Von Mark Nixon ist seit 2005 angekündigt „what a tourist I must have been. The German Diaries of Samuel Beckett.“ Beckett hat während seiner Reise einiges begonnen, es fallenlassen, und nicht weiter verfolgt. Doch gerade während dieser Kunstreise durch Deutschland, denn es ging während dieser Reise mit unglaublicher Intensität erstmal nur um die Bildende Kunst, findet Beckett sich in einer unproduktiven Phase - er hatte sich, Anfang dreißig, gegen eine kakademische Karriere entschieden, lebte von elterlichem Geld, hatte keinen Plan wie weiter -, gerade in dieser Zeit sind allerlei Abgründe zu finden, deren Tiefe für das zukünftige Werk Becketts, den schweigsamsten Schriftsteller, den ich je gekannt habe, von Bedeutung sind.
  Gaby Hartel eröffnet den Reigen von Beiträgen mit dem Faktum „Ein großer Fußgänger“, Carola Veit legt nach den Weg von „Beckett in den Berliner Museen“. Durchaus in den Rahmen passt dann auch der erläuternde Aufsatz über „Die kunstpolitische Situation in Deutschland 1936/37“ von Andreas Hüneke. Eine kleine Überraschung ist der kleine Aufsatz von Ernest Wichner über „Das erste Theaterstück von Samuel Beckett“, welches am Ende des Bandes abgedruckt ist - nicht übersetzt, da Beckett es auf Deutsch schrieb (allerdings vor seiner Deutschlandreise) - und welches, nicht überraschend, nur 2 Druckseiten umfasst, von Wichner zu Recht als Dramolett bezeichnet, und letztlich die Folie des 1. Gesangs, 14. Stanze von „Orlando furioso“ von Ludovico Ariosto nutzt.
  Überzeugend der Beitrag von Mark Nixon, der „Die Bedeutung der Deutschlandreise für Becketts schriftstellerische Entwicklung“ dar- und klarstellt. Ein weitere Überraschung ist die fotomechanische Wiedergabe des Typoskripts der von Beckett selbst verfassten Übertragung seines Gedichtes „Cascando“ ins Deutsche - im Original schrieb er es im Juli 1936, und auch die Übertragung ist vor der Deutschlandreise entstanden. Becketts Übertragung dieses Gedichtes weicht, nicht überraschend, immens von der 1959 im Band „Gedichte“ erschienenen Übertragung von Eva Hesse ab - und ist viel schöner.
  Die wohl eindrucksvollste Publikation zu Becketts Geburtstag - ihm hätte sie wahrscheinlich gar nicht gefallen. Uns Nachgeburten kommt das nur am Rande in den Sinn. Sei’s drum: die Empfehlung der Saison. Der Staubhauch der Archive, die haptische und optische Sensation, und wenn einem bei solch exquisitem Buch das Wasser nicht im Munde zusammen läuft, dann nur, weil einem die Spucke wegbleibt. Sehr schön gemacht.

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