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Lord Byron / John William Polidori
Der Vampyr - Die Erzählungen
gelesen von Joachim Tennstedt und Andreas Fröhlich

Lübbe
2005
€ 7,95


Von Alemanno Partenopeo am 13.10.2006

  Der denkwürdige Sommer des Jahres 1816 war ein durch einen Vulkanausbruch verursachter Winter. Der indonesische Vulkan Tambora verteilte seine Asche und Staub in der gesamten Erdatmosphäre und veränderte so Sonneneinstrahlung und Windzirkulation so stark, dass es ein Jahr nach der Eruption auf dem gesamten Erdball extrem kalt wurde und vielerorts ständig heftige Gewitter tobten.
 
  Kein Wunder also, dass so mancher auf düstere Gedanken kam und sich eine allgemeine Weltuntergangsstimmung breit machte. In der Gegend um den Genfer See muß diese
 Atmosphäre wohl besonders stark ausgeprägt gewesen sein, denkt man die Kreaturen die in diesem Sommer dort geschaffen wurden: Frankenstein und der Ur-Dracula, Lord Ruthven. (Letztere sollte später von Bram Stoker zu noch größerer Berühmtheit gelangen.) Ein harmloser Geistergeschichtenwettstreit war der eigentliche Auslöser für diesen literaturwissenschaftlichen Schöpfungsprozess in der Villa Diodati am Genfer See. Allesamt von Laudanum und Wein in ihrer Phantasie und durch das düstere Wetter in ihrem Befinden angeregt, kreierte die versammelte Dichtergemeinde eine furchterregende Figur nach der anderen. Mary Shelley erfand ihren Frankenstein und Lord Byron klaute von seinem Leibarzt Polidori, die Vampyr-Geschichte, der er seinen literarischen Ruhm verdankt. Percy Shelley hielt ebenso mit und die vermuteten sexuellen Eskapaden taten ihr übriges zu einem gelungenen orgiastischen Sommer. Polidori hatte sich übrigens seinen Dienstherrn selbst, Lord Byron, zum Vorbild für die von ihm geschaffene Figur des Vampyrs genommen: „ein über Leichen gehender Salonlöwe von messerscharfem Verstand – attraktiv, kaltherzig, weltgewandt, grausam, aber auch charmant.“ Beachtenswert aber auch, dass sich Lord Byron selbst die Geschichte nie zuschrieb und sich zeitlebens davon distanzierte. Polidori hingegen brachte sich – mangels Beweisen für die Herkunft des Werkes aus seinen Händen – 1821 in London um. Sein genaues Schicksal erfahren Sie in dem ebenfalls köstlichen und unterhaltsamen Hörspiel „Der Vampyr oder Gespenstersommer am Genfer See“.
 
  George Gorden Noel Lord Byron wurde 1788 geboren und 1812 durch seine Verserzählung „Ritter Harolds Pilgerfahrt“ quasi über Nacht berühmt. „Der Gjaur“ oder „Der Korsar“ sorgten ebenso für seinen Ruhm, wie seine zahlreichen Eskapaden und sein liederlicher, exzessiver Lebenswandel, Ehebruch, Inzest und homosexuelle Neigungen sorgten für handfeste Skandale. 1816 siedelte er übrigens nach Venedig, wo er das Versdrama „Manfred“ und den „Don Juan“ verfasste. 1823 unterstützte er die Griechen bei ihrem Freiheitskampf gegen die Türken und übernahm sogar das Oberkommando über die griechischen Truppen. 1824 starb er an einem schweren Fieber.
  John W. Polidori wurde 1795 geboren und war nach seinem Universitätsstudium mit 19 Jahren der jüngste Arzt Großbrittaniens. Nur von April bis September 1816 stand er im Dienste Lord Byrons. Er versuchte sich als Schriftsteller (Cajetan, Ximenes, Der Vampyr, Ernestus Berchtold oder Der Moderne Ödipus) und beging 1821, zwei Wochen vor seinem 26. Geburtstag, Selbstmord.

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