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Jesse Larner
Die Akte Michael Moore

Schwarzkopf & Schwarzkopf
2006
Übersetzt von Regina Schneider
315 Seiten
€ 19,90


Von Alemanno Partenopeo am 09.09.2006

  Es wurde ihm übel mitgespielt. Verleumdungen und Vorwürfe gegenüber seinen Arbeitspraktiken als Dokumentarfilmer brachten vor allem jene vor, die durch die Schlamm-Bewerfung eines Großen, sich selbst erhöhen wollten und so an seinem frühen Ruhm mitmischen wollten. Aber bald musste man einsehen: sie hatten sogar recht! Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen.
 
  Als Michael Moore (MM) bei der Oscarverleihung im Jahre 2003 die Worte „Wir sind gegen den Krieg, Mr. Bush. Schämen Sie sich, Mr. Bush, schämen Sie sich“ ins erstaunte Festpublikum maulte, waren die Herzen und Ohren aller Linkslinken und Antiimperialisten auf Michael Moore gerichtet. Für „Bowling for Columbine“ hatte er damals selbst einen Oscar erhalten und auf mehr oder weniger skandalöse Weise auf mehr oder weniger skandalöse Probleme der amerikanischen Gesellschaft aufmerksam gemacht. Besonders kritisiert wurden später aber Michael Moore`s Schnitttechniken, da er zeitlich versetzte Szenen in Zusammenhänge schnitt, wo eigentlich keine waren. Gerne verschweigt er auch einige Details, sollte es ihm für die Dramaturgie seiner Dokumentation zum Vorteil gereichen, aber mein Gott, Michael Moore ist nun einmal ein Filmemacher und kein Prophet und alle die sich von seiner Arbeitsweise enttäuscht zeigten, hatten eben zu viel in ihn hineininterpretiert und ihn als neuen Erlöser der Linken aus ihrer Misere gefeiert.
 
  Als einer der im Wiener Volkstheater einmal das Glück hatte einer Buchpräsentation Michael Moores beiwohnen zu können, war ich schnell überzeugt von seinen Fähigkeiten als Komödiant, ja geradezu als Kabarettist. Dass viele Personen ihn so ernst nahmen und ihn als neuen Verkündiger und Impersonifikationsfigur der Linken feierten, war mir damals eher peinlich, nicht jedoch, mich über seine dummen Scherze über die Wiener Philharmoniker und die Trapp-Familie zu amüsieren. Dank Heinz Sichrovskys (Kultur/NEWS) Gastfreundschaft brachten diese (die Philharmoniker) dem verblüfften MM sogar ein kleines Ständchen, was wiederum den Protest des versammelten Publikums hervorrief, denn diese wollten IHN sehen und nicht jene Allzuvertrauten. Und so widerspiegelte diese kleine Episode gerade das, was ER von uns dachte: die Trapp-Familie auf Abwegen.
 
  Wer also bereit ist zu einer inhaltlichen und kritischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen MM, sollte dieses Buch unbedingt lesen, denn die allgemein verbreitete Helden- und Ikonenverehrung hat der Linken bisher noch nie Vorteile gebracht. Eigentlich sollte man diese Führer-Sheep-Mentalität eher bei den politischen Opponenten vermuten, aber bitte. Es kann also nur heißen: lesen, lesen und nochmals lesen. Nur so kann man seine eigenen allzu leicht ausbrechenden Herdentriebmentalitäten in den Griff bekommen. Und mit Jesse Larner haben Sie einen Autor gefunden, der sich in seinem Metier wirklich auskennt und Ihnen fundiert das Gegenteil beweist von dem, was sie zuvor sehnsuchtsvoll glauben WOLLTEN.
 
  MM wurde – so die Legende - 1954 als Sohn einer Sekretärin und eines Automechanikers in Flint im Bundesstaat Michigan geboren. Nach der Gründung der Zeitschrift „The Flint Voice“, wurde er durch seine satirischen Bücher wie „Downsize This!“, „Stupid White Men“ und „Volle Deckung, Mr. Bush“ einem größeren Publikum bekannt und es brach bald ein gewisser Hype um die Person MM aus. Sein dokumentarisches Film-Werk beginnt mit „Roger & me“ (1988/89) in dem er General Motors und seine Heimatstadt ins Visier nimmt, danach folgte 2002 „Bowling for Columbine“ in dem er das Massaker an der Columbine High School in Littleton mit dem Waffenfetischismus seiner Landsleute abrechnet, und schließlich „Fahrenheit 9/11“ (2004) seitdem es mehr oder weniger still um ihn geworden ist. Zeit genug also, sich mit der Lektüre von Larner auseinanderzusetzen und sich mit dem nächsten Werk Moores kritischer auseinanderzusetzen. Eines ist zumindest einzuräumen: auf der Medienklaviatur weiß Michael Moore zu spielen, wie kaum ein anderer.
 
 
  Jesse Larner recherchiert in seinem Buch zum Beispiel, dass 1986 nicht 30.000 GM-Stellen abgebaut wurden, sondern 20.000 in einem Zeitraum von 10 Jahren. MMs Chef-Allüren nimmt Larner ebenso aufs Korn, wie die widrigen Arbeitsbedingungen seiner Mitarbeiter oder die Holzfäller-Designerhemden. Jesse Larner verfügt also über genügend Hintergrundwissen, mit der auch Sie in Erstaunen versetzen wird. In seinem Fazit schreibt er über MM: „Er hat es ganz deutlich verabsäumt zu praktizieren, was er predigt, und zwar auf eine Weise, die seinem öffentlichen Image und seiner Glaubwürdigkeit als Linker geschadet hat.“ Und weiter unten: „Im linken Lager gibt es ein sehnsüchtiges Verlangen nach jemandem, der fähig ist, die dringlichen Themen auf ehrliche und schlagkräftige Weise zu artikulieren, der es versteht, die traditionellen Instrumente für seine Dienste einzuspannen.“ Auch wenn Moore dies gelang, ist er doch eindeutig an seinen eigenen Ansprüchen gescheitert und nur ein weiterer Rattenfänger, wie alle anderen geworden.
  Jesse Larner schreibt für überregionale amerikanische Zeitungen und hat auch das politische „Mount Rushmore: An Icon Reconsidered“ (2002) verfasst. Er hat sowohl an der Universität von Warschau als auch an der Columbia von New York studiert, wo er heute mit seiner Frau lebt.

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