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Umberto Eco
A passo di Gambero

It'Art
2006


Von Matthias Zucchi am 08.09.2006

  In seinem Band „A passo di Gambero“ (Bompiani, Mailand 2006) präsentiert der italienische Schriftsteller und Semiotikprofessor Umberto Eco einen Querschnitt seines populärwissenschaftlichen und journalistischen Schaffens der letzten sechs Jahre.
 
  Der Titel, zu deutsch: „Im Krebsgang“, ist dabei Kollant der einzelnen Beiträge und zugleich geschichtsphilosophisches Manifest, mit dem sich Eco sowohl dem progressiven Geschichtsbild der Aufklärungstradition entgegenstellt als auch der in „neocon“-Kreisen beliebten Konzeption Francis Fukuyamas vom „Ende der Geschichte“ an dem vom Westen erreichten (vermeintlichen) „Höhepunkt aller menschlichen Zivilisation“.
  Geschichte, so Ecos Grundaussage, verläuft weder geradlinig, noch in regelmäßigen Zyklen; einen Stillstand gibt es ebenso wenig wie einen Endpunkt, auf den sie sich zubewegen könnte: die Geschichte der Menschheit vollzieht sich im Krebsgang, in zumeist unvorhersehbaren Intervallen, und aus Fortschritten, Rückfällen und manchem Wechselschritt ergeben sich immer wieder neuartige Konstellationen. Dieses Gegenmodell, mit dem sich Eco den Schlagworten Kulturoptimismus und -pessimismus erfolgreich entzieht, macht er gleichermaßen für die Geistes- und Sozialgeschichte geltend und führt mit gewohnt leichter Feder zahlreiche Beispiele aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen an, wofür er historische Persönlichkeiten wie Lawrence von Arabien, Cicero oder Gottfried von Bouillon, aber auch Figuren der Weltliteratur wie Sherlock Holmes und Dr. Watson in den Zeugenstand beruft.
  Der Untertitel „Guerre calde e populismo mediatico“ („Heiße Kriege und Medienpopulismus“) verweist auf die beiden thematischen Schwerpunkte des Bandes: die politische Weltlage seit den Anschlägen auf das World Trade Center und die (auf ihre Art drammatischen) Ereignisse im Italien der Berlusconi-Ära. Dieser thematischen Zweiteilung entspricht die inhaltliche Gliederung allerdings nur teilweise und es scheint zunächst nicht ganz nachvollziehbar, welche Kriterien den Autor (bzw. seinen Verleger) bei der Zusammenstellung des Bandes bewogen haben mögen. Innerhalb der einzelnen Kapitel stößt der Leser immer wieder auf Texte, deren Bezug zum übergeordneten Thema nur schwer ersichtlich wird, wodurch zumindest stellenweise der Eindruck einer zufälligen Kollage entsteht. Mit dem stark philosophisch ausgerichteten Schlußkapitel Il Crepuscolo d’Inizio Millenio („Die Dämmerung zum Jahrtausendbeginn“) fügen sich die unterschiedlichen Beiträge jedoch zu einem einheitlichen Ganzen und lassen ein schillerndes, in sich geschlossenes Mosaik unserer Zivilisation erkennen.
  Die ebenfalls ausgeprägte formale Heterogeneität – neben fundierten gesellschaftspolitischen Analysen aus Vorträgen und wissenschaftlichen Essays finden sich Satiren und ironische Kolumnen – ist ein unbestreitbarer Reiz des Buches. Und gerade hierin weist es deutliche Analogien zu Ecos Romanen auf, in denen tiefgründige Betrachtungen und historische Exkurse ja stets mit spannungsgeladenen Handlungsverläufen und heiter-ironischen Szenen einher gehen.
 
  Ausgehend von einer Typologisierung der Begriffe Krieg und Frieden setzt sich Eco kritisch mit der westlichen, speziell der amerikanischen Außenpolitik seit dem 11. September 2001 auseinander. Sein Fazit: der von Georg W. Bush ausgerufene globale und permanente „Krieg gegen den Terrorismus“ ist die konsequente Fortsetzung des mit dem ersten Golfkrieg und den Balkankriegen begonnenen „Neuen Krieges“ (Neoguerra), jener Spielart bewaffneter Konflikte, die seit der Auflösung der Sowjetunion das Erbe zwischenstaatlicher „Paläokriege“ (Paleoguerra) und des Kalten Krieges angetreten hat.
  Ein kleines Meisterwerk ist die Persiflage „La presa di Gerusalemme. Cronaca in diretta“ („Die Einnahme Jerusalems. Livebericht“): Eco schlüpft hier in die Rolle eines mittelalterlichen Peter Arnett, der „live“ von der Eroberung Jerusalems durch das Kreuzfahrerheer 1099 berichtet. Alle Ähnlichkeiten zu den jüngsten „Demokratisierungskriegen“ sind rein zufällig.
  Brillant ist ferner die mit reichlich Ironie gewürzte Analyse der „Retorica della Prevaricazione“ („Rhetorik der Prävarikation“), in der konstante rhetorische Grundmuster der Legitimation von Angriffskriegen aufgezeigt werden – von Perikles über Mussolini bis Bush jr.
  Damit gehen die – entfernt an Noam Chomsky erinnernden – Bemühungen einher, Ordnung ins Chaos der Medien- und Politikersprache zu bringen und in unserer „Zeit der grossen Verwirrung“ (S. 225) zu einer semantisch korrekten Terminologie abseits politischer Ideologien und „politischer Korrektheit“ zurückzufinden. Wie etwa steht es mit den in der tagespolitischen Debatte häufig tabuisierten oder falsch verwandten Termini Bürgerkrieg, Bandenkrieg, Widerstand und Terrorismus? Was meinen wir, wenn wir vorgeben eine Tat begreifen, verstehen, rechtfertigen oder gar mittragen zu können?
  Wortgewandt verurteilt Eco ferner die offenkundige Ignoranz haupt- und ehrenamtlicher Kriegstreiber vom Schlage Samuel Huntingtons oder der (jüngst verstorbenen) Oriana Fallaci nicht nur dem Islam, sondern vor allem auch „unserer“ abendländischen Identität gegenüber. Stellungnahmen und Denkanstöße im Kontext kultureller Konflikte des katholisch geprägten Italien mit islamischen Immigranten führen dabei zu tiefsinnigen Reflexionen der „christlichen Identität Europas“.
 
  Für nicht-italienische Leser sind die Cronache di un Regime („Chroniken eines Regimes“) besonders aufschlußreich: Ausgehend von seinem (zu wenig beachteten) Monitum gegen die Wahl Berlusconis aus dem Jahre 2001 – „gegen die Errichtung eines De-facto-Regimes, gegen die Ideologie des Spektakels und für die Garantie der Informationsvielfalt“ (S. 117) – zeichnet Eco darin Tiefpunkte der italienischen Demokratie wie den G8-Gipfel in Genua nach und beleuchtet, als geschulter Semiologe, Fernsehauftritte und Wahlkampagnen Berlusconis. Kurioserweise werden dort zahlreiche Analogien zur Strategie der italienischen Nachkriegs-KP aufgedeckt.
  Ecos großes Verdienst besteht schließlich darin, Berlusconi nicht als politische Witzfigur zu karikieren, sondern als kühl berechnenden politisch-ökonomischen Akteur zu porträtieren, der seine aggressiven Auftritte ebenso gezielt wie gekonnt zur Steuerung der Öffentlichkeit nutzt. Berlusconi, so die Schlußfolgerung, ist weder ein „Ausrutscher der abendländischen Geschichte“ noch ein simpler Wiedergänger früherer Autokraten, sondern verkörpert einen neuartigen Typus des Homo politicus im Zeitalter des global entfesselten Kapitalismus.
  Die v.a. im sechsten und siebten Kapitel nachgedruckten, teils satirischen Zeitungsartikel zu italienischen Skandalen der vergangenen fünf Jahre sind für Außenstehende freilich oft unverständlich.
 
  Es dürfte kein Zufall sein, daß der Band in Italien pünktlich zum Wahlkampf erschienen ist. Hierzulande darf man hoffen, daß der Hanser-Verlag bald mit einer deutschen Ausgabe aufwartet, bei der günstigstenfalls auf einzelne, sehr stark auf das italienische Publikum und sein Hintergrundwissen zugeschnittene Beiträge verzichtet werden sollte.
 
  Anmerkung: Ein kleiner Teil der Texte ist in deutscher Übersetzung bereits im Sammelbändchen „Gratis-Prophezeiungen“, Hanser 2003, erschienen.

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