Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Kristian Köchy
Perspektiven des Organischen
Biophilosophie zwischen Natur- und Wissenschaftsphilosophie

Ferdinand Schöningh Verlag
2003
657 Seiten
€ 85,-


Von Richard Niedermeier am 20.09.2006

  Würden Plato und Aristoteles heute wieder lebendig, so trauten sie vermutlich ihren Augen nicht: Was ist nur aus der Philosophie geworden, deren Wege sie auf Jahrhunderte hinaus vorgezeichnet hatten? Was sich heute noch an der klassischen Philosophie orientiert, hat eher den Rang einer bloßen Geistesgeschichte, ist meist Reminiszenz an das Vergangene, dem die weltbildprägende Kraft von einst verlorengegangen ist. Vor allem die Naturphilosophie hat dieser Wandel getroffen. Wissenschaftstheorie hat sie ersetzt, oder besser: verdrängt. Fichte, Schelling und Hegel haben noch einmal den großen naturphilosophischen Wurf gewagt und gezeigt, daß Naturphilosophie nicht ohne Metaphysik zu haben ist. Doch auch spätere naturphilosophische Entwürfe, die darin viel zurückhaltender waren und der wissenschaftlichen Beschreibung der Phänomene mehr Raum ließen (z.B. Driesch, Conrad-Martius oder auch Whitehead), haben über ihren eigenen, engen Wirkungsbereich hinaus keine Geltung erlangt. Man hält es, sofern man überhaupt noch philosophisch denkt, eher mit der Erstellung von Erst- und Basissätzen für die einzelnen Wissenschaften und ihrer analytischen Diskussion. Und man entwirft Theorien über die Bildung von Theorien, über die verschiedenen wissenschaftlichen Methoden und über die verwendete Wissenschaftssprache. Die Folge: Das Band zwischen Naturwissenschaften und Philosophie ist gerissen; und naturwissenschaftliche Forschung scheint „blind“ geworden zu sein, vergraben in ihre hochspezialisierten Erkenntnisse.
  Eine Arbeit, die hier vielleicht die Wende bringen, mit Sicherheit aber einen Paradigmenwechsel befördern kann, hat Kristian Köchy vorgelegt. Über 600 Seiten stark ist seine Studie zur „Biophilosophie“, und dabei ist keine Seite zuviel. Denn Köchy gibt nicht nur einen umfassenden Bericht über den Diskussionsstand in Sachen „Naturphilosophie“; er referiert nicht nur über Modelle naturphilosophischen und wissenschaftstheoretischen Denkens, er denkt – auf der Basis der Arbeiten von Lakatos - auch selbst innovativ weiter.
  Köchy möchte jene „künstliche Grenzziehung“ überwinden, die sich auf das „Wissen des Wissens“ beschränkt, und durch eine „Perspektivische Philosophie des Organischen“ Verbindungen zwischen der Naturphilosophie des Lebendigen auf der einen und der Wissenschaftsphilosophie bzw. Methodologie der Lebenswissenschaften auf der anderen Seite aufzeigen (vgl. S. 56). Diese „Reetablierung“ der Naturphilosophie soll dabei die Wissenschaftsphilosophie, deren positive Resultate durchaus anerkannt werden, nicht verdrängen, sondern ergänzen. Allerdings wird behauptet, daß es einen von der Naturwissenschaft unabhängigen Zugang zur Natur gibt. Das Denken selbst hat – und dies gilt dem Verfasser als metaphysisches Fundamentalprinzip, worin auch alle Metaphysiken übereinkommen – einen Zugang zum Sein, sofern zwischen beiden ein „wechselseitiger Zusammenhang“ besteht. Diese positive Grundstellung zur Metaphysik bedeutet also gerade nicht, die Naturphilosophie auf der Basis einer überkommenen Metaphysik zu konstruieren und damit das Rad der Zeit auf frühere philosophische Positionen zurückzudrehen. Vielmehr liegt darin der Versuch, aus den Systemzwängen eines methodischen Ansatzes herauszufinden, um jene Ursprünglichkeit der Wirklichkeitserfahrung wiederzugewinnen, die sowohl wissenschaftlicher als auch unmittelbarer, natürlicher Art sein kann, ja beides zugleich ist. Das ist auch mit dem Begriff der Perspektivität gemeint: es gibt unterschiedliche Anschauungsformen der Wirklichkeit, und nichts wäre verfehlter, als die Blickrichtung auf eine einzige zu beschränken. Auch der mit vielen Metaphysiken verbundene Totalitätsanspruch fehlt hier. Perspektivität läßt sich eben nicht aufheben, ist mehr als nur ein methodischer Zwischenschritt. Dafür kommt aber eine fortwährend kritische Attitüde ins Spiel: „Mit der perspektivischen Konzeption ist somit ein Bekenntnis zur Vorläufigkeit und zur prinzipiellen Revidierbarkeit aller Wissensbestände abgelegt“ (S. 144). Diese sowohl „dynamische als auch kritische Tendenz“ entspricht zweifellos mehr dem Wissenszuwachs der Menschheit, der sich auch auf die Anzahl der Objektarten erstreckt: „Mit dem wandelbaren Objektbereich steigt … die Einsicht in die Erfordernis von dynamischen Definitionen und dialogischen Verfahren“ (S. 145). Dabei ist die Beschränkung auf das Organische keine willkürliche Restriktion, sondern möchte nur den unterschiedlichen Gegenstandsbereichen gerecht werden und sie gerade in ihrer Unterschiedenheit zu Wort kommen lassen. Gerade in dieser Beschränkung liegt auch ein wesentlicher Differenzpunkt zur klassischen Metaphysik mit ihrem Totalitätsanspruch, sowohl die ganze Wirklichkeit zu beschreiben als auch diese Wirklichkeit auf ein einziges Prinzip zurückzuführen. Köchy nimmt das Anliegen der Erkenntniskritik (Differenz von Subjekt und Objekt) auf und folgt dieser „dogmatischen“ Position gerade nicht. Seine von ihm ganz im Sinne Whiteheads für unersetzbar gehaltene Verwendung ontologischer Kategorien schließt deren Vorläufigkeit und Versuchscharakter nicht aus. Damit bleibt das Kategoriensystem in den Phänomenen verortet, und das Zueinander von Philosophie und Naturwissenschaft bzw. Wissenschaftstheorie verliert jeden Zwangscharakter und entwickelt sich zum freien Zuspiel.
  Die Perspektivität dieses Ansatzes ist aber nicht nur synchron, sondern auch diachron zu verstehen. Losgelöst und befreit von ihrem doppelten Totalitätsanspruch dienen philosophische Deutungen und Entwürfe der Wirklichkeit des Lebendigen dem Autor dazu, ein möglichst umfassendes und differenziertes Kategoriensystem aufzustellen. So kommt es auch zu einer – sehr gelungenen – Integration von Philosophiegeschichte in ein systematisches Anliegen der Philosophie, wobei unterschiedliche historische Perspektiven durchaus in einem gemeinsamen Brennpunkt zusammenlaufen können.
  Der zweite Teil dieses Buches arbeitet zentrale Kategorien heraus, und zwar stringent und den methodischen Vorgaben konsequent folgend gegliedert in die „makroskopische Ebene“ des Organismus (Ganzheit, Individuum, Zweckmäßigkeit, Zentralität), in die „mikroskopische Ebene“ der „Glieder des Organismus“ (Wechselwirkung, Hierarchie, Prozeß, Spontaneität) und schließlich in die „makroskopische Ebene“ von „Organismus und Umwelt“ (Evolution, Reproduktion, Freiheit).
  Gerade die im Rückgriff auf Hans Jonas thematisierte Freiheit offenbart die Leistungsfähigkeit dieses Ansatzes. Da kommen ganz unterschiedliche und gestufte Erscheinungsformen von Freiheit in den Blick, beginnend mit der „Emanzipation“ einer inneren Form gegenüber dem Stoff und endend mit dem Selbstverhältnis, der Distanz zu sich selbst und der Handlungsfreiheit, wie sie beim Menschen gegeben ist. Kein Zweifel, dies wird der Vielfalt der Phänomene des Lebendigen und damit auch dem Ertrag der Empirie weitaus besser gerecht als jener krude Biologismus, der auch hochkomplexe organische Wirklichkeiten mit den einfachsten biologischen Modellen beschreiben bzw. sie auf einfachste Funktionen und Strukturen zurückführen möchte.
  Im dritten Teil seines Buches versucht Köchy die Kategorienlehre und die Methodenlehre im „perspektivisch-synkretistischen Ansatz“ miteinander zu verbinden und aufeinander zu beziehen. Hier gründet der pluralistische Ansatz nicht mehr – wie in Teil II - in den unterschiedlichen Perspektiven verschiedener naturphilosophischer Konzepte, sondern wird in den Gegenstandsbereich selbst hinein weitergeführt. Das heißt für den Verfasser gerade nicht, die subjektive Seite auszuschließen; ganz im Gegenteil, bilden doch in seinen Augen Objekt und Subjekt, Welt und Wissen ein einziges Kontinuum. So wird Diltheys Einsicht leitend, daß die Objekte einer Wissenschaft im wissenschaftlichen Erkennen hergestellt, „geschaffen“ werden (S.491). In den folgenden Kapiteln bietet darum der Verfasser hochinteressante und luzide Analysen naturwissenschaftlicher Methoden. Er befragt sie nicht nur auf ihre Zielsetzungen und ihr praktisches Instrumentarium hin, sondern untersucht auch ihre vortheoretischen Voraussetzungen. So werden z.B. mögliche Standpunkte der Biologie (das Anorganische – der Geist etc.) und ihre impliziten metaphysischen Horizonte ausgemacht. Die Ausleuchtung der „praktisch-instrumentellen Sphäre“ rückt Grundfragen der Methodik selbst in den Mittelpunkt, etwa die Prinzipien der Separation, der Kontrolle, der Distanz und der Wiederholbarkeit, und benennt zugleich auch deren Grenzen. Schließlich werden auch Probleme der Darstellung, der Theoriebildung behandelt („anschaulich-explanative Sphäre“ und „formal-explanative Sphäre“). Köchy wendet sich gegen das falsche Ideal einer absoluten Theoretisierbarkeit von Wissen und erinnert an die gerade auch in den Naturwissenschaft gesuchte Anschaulichkeit. Er zeigt aber auch, welche „manipulativen Tendenzen“ in Modellen stecken: „Die deskriptiven Verfahren und die anschaulichen Elemente der Naturwissenschaft sind so stets auch Interpretationen und Deutungen wissenschaftlicher Beobachtungsdaten im Lichte bestimmter Erklärungsmodelle und Erkenntnisinteressen“ (S. 550). Aber nicht nur Deskription und Explikation/Deutung gehen bei Modellen Hand in Hand; gleiches gilt für Theorie und Praxis, zwischen denen Modelle vermitteln.
  Innerhalb der „formal-explikativen Sphäre“ konzentriert sich die Diskussion auf die Rolle von Gesetzmäßigkeiten innerhalb der Lebenswissenschaften, vor allem der Biologie. „Biologische ‚Gesetze’ werden immer ‚dynamische’ Gesetze sein …“, so der Verfasser, „die stets unter spezifischen historischen Rahmenbedingungen verwirklicht werden“ (S. 595).
  Reflexive Vermittlung von vermeintlich Gegensätzlichem, Integration von extremen Positionen und schließlich eine Dynamisierung des Erkennens und Denkens zeichnet die von Köchy propagierte „Perspektivische Philosophie des Organischen“ aus. So wundert man sich nicht, wenn am Ende ein „Kreismodell der Methodologie“ steht, in dem die Reflexion auf die Horizonte und (Vor)Bedingungen des Forschens und die Dynamik wissenschaftlichen Erkennens eingefangen sind. Dieses Kreismodell gründet letztlich im Eingebundensein des Menschen in der Welt (vgl. S. 609), das eine absolute Objektivität in den Wissenschaften, einen einfachen methodischen Zugriff auf Gegenstände als Chimäre enlarvt.
  Köchy begründet seinen „Perspektivische Philosophie des Organischen“ aus einer profunden Kenntnis sowohl der Biologie und der Wissenschaftstheorie wie auch der naturphilosophischen Überlieferung. Seine Überlegungen zeichnen sich durch ein ausgeprägtes Problembewußtsein, eine stringente Gedankenführung und durch ein seltenes Maß an philosophischem Weitblick aus. Darum ist dieses Buch eine große Bereicherung und eine Quelle von Inspiration für Philosophen und Naturwissenschaftler, die über ihren eigenen Tellerrand hinausblicken. Und vielleicht ist es auch der Vor-Schein eines ganz neuen Verhältnisses zwischen Philosophie und den Wissenschaften, der Anbruch eines neuen Tages, an dem wieder Licht fällt auf die facta bruta unseres Forschens.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.