Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Franz Schuh
Schwere Vorwuerfe, schmutzige Waesche

Zsolnay
2006
409 Seiten
€ 24,90


Von Alemanno Partenopeo am 19.09.2006

  Nachdem im Umschlagtext dieses Buches schon des Autors Vorwort ohne Quellenangabe zitiert– oder man könnte auch sagen Wort für Wort abgeschrieben – wird, bleibt mir die schier unmöglich anmutende Aufgabe über, dieses Werk oder in den Worten Schuhs “Hauptwerk” in dem unwürdigen Rahmen einer Buchrezension zusammenzufassen. Da es sich bei vorliegendem Text aber hauptsächlich um Fragmente und Anekdoten handelt, die an den verschiedensten Schauplätzen der Welt nach ihrer unteilbaren Geltung schreien, will ich versuchen, zumindest die Gedankengänge Franz Schuhs nachzuvollziehen, denn eines ist sicher: diese sind sehr sprunghaft.
 
  So befindet sich der werte Autor einmal “in den toten Augen von London” oder “Bonjour tristesse” in Birmingham. Auch Brasilien gehört zu den delirierten oder tatsächlichen Reisezielen Herrn Schuhs und an allen diesen Orten verspürt er vor allen Dingen eines: blanke Angst. In London vor seinem Mörder, den er im Traum zuvor selbst ermordet, in Birmingham vor der traurigen Britannia und in Sao Paolo, Brasilien, vor der “Postmoderne in Wirklichkeit”. In einem muss man ihm unzweifelhaft zustimmen: “Ich definiere gar nicht Sao Paolo, sondern was ich darueber sage, definiert am Ende mich, und es ist gut, wenn ueber Sao Paolo undeutlich genug bleibe.”
  In Palermo wird sein Professor-Freund überrumpelt und überfallen, ausgeraubt. Und das mit dem Ergebnis, dass er für ihn aufkommen muss, aber ihm großzügigerweise das ausgegebene Geld schenkt. Wahrscheinlich aus dem schlechten Gewissen heraus, dass ja er es war, mit seiner lauten deutschen Sprache, der den Dieb auf sie, die leichte Beute, aufmerksam gemacht hatte. Eine andere zu einer Geschichte ausgewalzte Anekdote, die vom Autor mit “Australien” übertitelt wurde, bringt ihn mitnichten auf die andere Seite des Erdballs, aber eröffnet in ihm das antizipierte Traumbild seines eigenen ehemaligen Autostoppens, das er dem Taxifahren gegenüberstellt. Selbstverständlich verzichtet er dabei auch nicht auf die notwendigen englischen Terminologien und betont den Wert der Weltsprache Englisch, die der Autor, wie er nicht müde wird an den ungeeignetsten Stellen unter Beweis zu stellen, natürlich nolens volens beherrscht. Welch Weltenbürger, der es vermag, aus einer einfachen Taxifahrt eine Geschichte zu machen, die damit endet, dass er die teuren Taxi-Preise affirmiert. Anders jedoch sein Ausflug nach Madrid: hier bewegt er sich tatsächlich (mit dem Taxi) durch die Vorstädte der Hauptstadt Spaniens und phantasiert den Buergerkrieg herbei von dem auch er – der Besucher – gelesen, gehört hat. Und seine (er spricht in der dritten Person eindeutig von sich) Vergangenheit als Autostopper erneut hervorkramt und sich wieder - wie in der Australiengeschichte schon - fragt, warum die Spanier ihn eigentlich nie mitgenommen haben. “Spanier sind so stolz, dass sie es nicht ertragen koennen, jemanden ins Gesicht zu schauen, der nicht gleich stolz ist wie sie: ins Gesicht, das dieser Jemand, ein Niemand, gerade durch die Demonstration seiner Bedürftigkeit am Straßenrand verloren hat. Sie lassen ihn (den Autostopper; JW) stehen – nicht um ihretwillen, sondern um seinetwillen, um ihn vor dem Erfolg seiner Demütigungen zu verschonen.”
 
  Zwischen diesen Ausflügen in die Welt hineingestreut, finden Sie natürlich auch viele österreichische Erlebnisse und Zerstreuungen, auch ein paar Gedichte, Karl Kraus Bon-mots und Bon-bons und unterwürfig servierte Menasse-Knüller. Das beste findet sich auch hier - wie immer - gegen Ende des Buches, in der Editorischen Notiz, verfasst vom Autor darselbst. Einen Spiegel-Artikel ueber die Stadt-Linz paraphrasierend, stellt Schuh fest, dass, wenn “die Welt ohnehin im Arsch ist”, der “Arsch der Welt” das Zentrum sei. Und so rueckt nicht nur Linz ins Zentrum des Interesses der Weltoeffentlichkeit, sondern auch die Beobachtungen und Deliririen Schuhs.
 
  Franz Schuh, Jahrgang 1947, wurde in Wien geboren und studierte eben dort Philosophie, Geschichte und Germanistik. Er ist auch Lehrbeauftragter an der Hochschule fuer Angewandte Kunst in Wien und Kolumnist u.a. Die Zeit und Literaturen. Staatspreis fuer Kulturpublizistik 1985, Jean Amery Preis fuer Essayistik 2000. Weitere Bücher: Liebe, Macht und Heiterkeit (1985), Das phantasierte Exil (1991), Der Stadtrat. Eine Idylle (1995), Schreibkräfte – Über Literatur, Glück und Unglück (2000).

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.